Integration: Religion spielt wichtige, aber nicht einzige Rolle

Pfarrer Helmut Schüller und Präsident Anas Schakfeh bei ORF-Diskussionssendung "Im Zentrum" über "Muslime und Christen in Österreich" - ORF-Themenabend über Verhältnis von Christen und Muslimen in Österreich erreichte 1,8 Millionen Zuseher

Wien, 5.1.09 (KAP) Die Frage der Religion spielt bei der Integration von Migranten in Österreich eine wichtige, aber bei weitem nicht die wichtigste Rolle: Zu diesem Ergebnis kamen die Teilnehmer der ORF-Diskussionssendung "Im Zentrum" am Sonntagabend. Es seien vielfach kulturelle und soziale Traditionen und Rollenverständnisse, die für Probleme bei der Integration verantwortlich seien, so der Tenor. "Im Zentrum" wurde im Rahmen eines Themenabends über "Muslime und Christen in Österreich" ausgestrahlt - das Spektrum reichte von einem im Tiroler Telfs angesiedelten "Tatort" bis zum filmischen Meisterwerk "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran". Der Themenabend wurde von 1,8 Millionen Zusehern verfolgt.

"Im Zentrum" diskutierten der Wiener Universitätsseelsorger Msgr. Helmut Schüller, der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Anas Schakfeh, der Berliner Religionspädagoge Rolf Schieder, der Integrationsreferent der Tiroler Gemeinde Telfs, Johann Ortner, die Migrationsexpertin Aygül Aslan sowie der "Tatort"-Autor Felix Mitterer unter dem Titel: "Muslime und Christen in Österreich – erfolgreiche Integration oder isoliertes Nebeneinander?".

Schüller: Nächstenliebe und "goldene Regel"

Msgr. Schüller betonte, dass die Religionsfrage in Konflikten zwischen Christen und Muslimen oftmals ein vorgeschobener Grund sei. Entscheidender sei der "richtige Umgangston" und eine Offenheit für den anderen. Wo jedoch Unkenntnis übereinander herrsche, komme es schnell zu Missverständnissen und Vorurteile würden zementiert. Dies gelte gleichermaßen für Migranten wie für Österreicher. So sei Integration stets auch eine Bringschuld der Österreicher, die offener auf die Migranten zugehen müssten.

Die Religionen ihrerseits stünden in der Pflicht, ihren jeweiligen "humanitären Kern" deutlich herauszuarbeiten, so Schüller weiter. Die Nächstenliebe und die "goldene Regel" (Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu) seien in allen drei abrahamitischen Religionen von entscheidender Bedeutung. Notwendig sei auch eine deutliche Absage an jede Form von religiösem "Totalitarismus".

Schakfeh: "Wir brauchen Geduld"

Der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), Anas Schakfeh, betonte ebenfalls, dass zahlreiche kontrovers diskutierte Fragen wie etwa Zwangsheirat eigentlich keine religiöse Wurzel haben, sondern auf kulturelle Eigenheiten und Traditionen zurückgehen. So spreche sich die IGGiÖ etwa deutlich gegen jede Form der Zwangsehe aus. Im Hintergrund stehe ein falsch verstandener Ehrbegriff, der die Frau dem Mann untertan mache.

Weiters betonte Schakfeh die Notwendigkeit, den begonnenen Weg des Dialogs zwischen den Religionen fortzusetzen. Es könne nur dort der "Brückenbau" gelingen, so Schakfeh, wo auch ein Wissen von der Religion des jeweils anderen vorhanden ist. Dabei rief Schakfeh zu größerer Geduld unter den Dialogpartnern auf. Integration sei ein langwieriger Prozess, der nicht von heute auf morgen gelingen könne. Dazu bedürfe es langfristiger Lernvorgänge.

Zum Minarett in Telfs, das im Mittelpunkt des "Tatort"-Films stand, sagte Schakfeh, er wünsche sich "ein neues, ein architektonisch schöneres Minarett". Dies aber "keinesfalls als Symbol eines Machtanspruchs", sondern vielmehr als "kulturelle Bereicherung von Telfs". Das derzeitige, auf einen architektonischen Kompromiss zurückgehende Minarett sei "hässlich".

Schüller und Schakfeh waren sich einig, dass die gemeinsame Benutzung von Gebetsräumen unter mitteleuropäischen Vorzeichen nicht denkbar ist. Der Wiener Universitätsseelsorger berichtete von den Negativerfahrungen an der Wiener Wirtschaftsuniversität, wo der christliche Gebetsraum zunächst auch für muslimische Gebetsgottesdienste zur Verfügung gestellt wurde. Als das Verlangen nach Abhängen des Kreuzes laut wurde, sei klar geworden, dass man hier zu leichtherzig gehandelt hatte. Auch Präsident Schakfeh betonte an Hand des Beispiels des Wiener "Sozialmedizinischen Zentrums Ost" (SMZO), dass es den Muslimen nicht darum gehe, christliche Gebetsräume mit Beschlag zu belegen: "Wir wollten nur einen wesentlich kleineren eigenen Gebetsraum neben dem christlichen Gebetsraum. Wir wollen niemandem im Weg sein und niemandes religiöse Empfindungen verletzen".

Wenig hinterfragt wurde in der "Zentrums"-Folge die Begründung von Präsident Schakfeh, warum nach islamischer religiöser Auffassung zwar islamische Männer jüdische oder christliche Frauen heiraten dürfen, während islamischen Frauen die Heirat mit Andersgläubigen untersagt ist.

"Europäischer Kulturfundamentalismus"?

Der Berliner Religionspädagoge Prof. Rolf Schieder warnte vor einem "europäischen Kulturfundamentalismus". In der Debatte um die Integration muslimischer Migranten neige man in Westeuropa allzu schnell dazu, Christentum und Europa gleichzusetzen. Dies sei jedoch eine Form von "europäischem Kulturfundamentalismus", die sich jeder historischen Grundlage entziehe und angesichts der kulturellen und religiösen Vielfalt Europas heute auch verbiete.

Ein prinzipielles Gewaltpotenzial sah Schieder im Islam nicht, jedoch werde Religion immer dort "gefährlich", wo sich soziale Frustrationen religiöser Legitimationsmuster für Gewaltausbrüche bedienten. Dies sei insbesondere bei männlichen jungen Migranten der Fall.

Auch die Migrationsexperin Aygül Aslan wies darauf hin, dass Probleme der Integration weniger religiös als vielmehr sozial begründet seien. Wichtig ist laut Aslan vor allem die Forcierung der Bildungsarbeit. Bildung sei der "Schlüssel gelingender Integration". Hier gebe es noch zahlreiche Defizite auf beiden Seiten im Wissen um den jeweils anderen. Das Minarett in Telfs müsse laut Aslan nicht als "Siegeszeichen" des Islams, sondern als "Ausdruck gelungener Integration" verstanden werden.

Mitterer: "Gelungener Versuch der Versöhung"

Felix Mitterer, Schriftsteller und Drehbuchautor des "Tatort"-Films "Baum der Erlösung", bezeichnete den Film als "gelungenen Versuch der Versöhnung". Bei der Premiere des Films in Telfs sei man auf "einhellige Zustimmung" gestoßen. Auch habe der Film dazu geführt, dass sich im Anschluss tirolische und türkischstämmige Telfser Bürger gemeinsam in Diskussions- und Gesprächskreisen zusammengefunden hätten: "Die Leute waren an den selben Stellen betroffen und sie haben an den selben Stellen gelacht". Der Film sei so zu einer Brücke des gegenseitigen Verstehens geworden, so Mitterer.

Anlass des Themenabends war die Ausstrahlung des "Tatort"-Films "Baum der Erlösung", der auf einem Buch Felix Mitterers basiert und das Miteinander von Türken und Österreichern in der Gemeinde Telfs thematisiert. Im Jahr 2006 wurde in der Tiroler Gemeinde mit relativ hohem Zuwandereranteil nach langen Diskussionen ein 15 Meter hohes Minarett errichtet.(ende)
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