- 05.01.2009, 15:06:37
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Integration: Religion spielt wichtige, aber nicht einzige Rolle
Pfarrer Helmut Schüller und Präsident Anas Schakfeh bei ORF-Diskussionssendung "Im Zentrum" über "Muslime und Christen in Österreich" - ORF-Themenabend über Verhältnis von Christen und Muslimen in Österreich erreichte 1,8 Millionen Zuseher
Wien, 5.1.09 (KAP) Die Frage der Religion spielt bei der Integration
von Migranten in Österreich eine wichtige, aber bei weitem nicht die
wichtigste Rolle: Zu diesem Ergebnis kamen die Teilnehmer der
ORF-Diskussionssendung "Im Zentrum" am Sonntagabend. Es seien
vielfach kulturelle und soziale Traditionen und Rollenverständnisse,
die für Probleme bei der Integration verantwortlich seien, so der
Tenor. "Im Zentrum" wurde im Rahmen eines Themenabends über "Muslime
und Christen in Österreich" ausgestrahlt - das Spektrum reichte von
einem im Tiroler Telfs angesiedelten "Tatort" bis zum filmischen
Meisterwerk "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran". Der
Themenabend wurde von 1,8 Millionen Zusehern verfolgt.
"Im Zentrum" diskutierten der Wiener Universitätsseelsorger Msgr.
Helmut Schüller, der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft,
Anas Schakfeh, der Berliner Religionspädagoge Rolf Schieder, der
Integrationsreferent der Tiroler Gemeinde Telfs, Johann Ortner, die
Migrationsexpertin Aygül Aslan sowie der "Tatort"-Autor Felix
Mitterer unter dem Titel: "Muslime und Christen in Österreich –
erfolgreiche Integration oder isoliertes Nebeneinander?".
Schüller: Nächstenliebe und "goldene Regel"
Msgr. Schüller betonte, dass die Religionsfrage in Konflikten
zwischen Christen und Muslimen oftmals ein vorgeschobener Grund sei.
Entscheidender sei der "richtige Umgangston" und eine Offenheit für
den anderen. Wo jedoch Unkenntnis übereinander herrsche, komme es
schnell zu Missverständnissen und Vorurteile würden zementiert. Dies
gelte gleichermaßen für Migranten wie für Österreicher. So sei
Integration stets auch eine Bringschuld der Österreicher, die offener
auf die Migranten zugehen müssten.
Die Religionen ihrerseits stünden in der Pflicht, ihren jeweiligen
"humanitären Kern" deutlich herauszuarbeiten, so Schüller weiter. Die
Nächstenliebe und die "goldene Regel" (Was du nicht willst, dass man
dir tu, das füg auch keinem anderen zu) seien in allen drei
abrahamitischen Religionen von entscheidender Bedeutung. Notwendig
sei auch eine deutliche Absage an jede Form von religiösem
"Totalitarismus".
Schakfeh: "Wir brauchen Geduld"
Der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich
(IGGiÖ), Anas Schakfeh, betonte ebenfalls, dass zahlreiche kontrovers
diskutierte Fragen wie etwa Zwangsheirat eigentlich keine religiöse
Wurzel haben, sondern auf kulturelle Eigenheiten und Traditionen
zurückgehen. So spreche sich die IGGiÖ etwa deutlich gegen jede Form
der Zwangsehe aus. Im Hintergrund stehe ein falsch verstandener
Ehrbegriff, der die Frau dem Mann untertan mache.
Weiters betonte Schakfeh die Notwendigkeit, den begonnenen Weg des
Dialogs zwischen den Religionen fortzusetzen. Es könne nur dort der
"Brückenbau" gelingen, so Schakfeh, wo auch ein Wissen von der
Religion des jeweils anderen vorhanden ist. Dabei rief Schakfeh zu
größerer Geduld unter den Dialogpartnern auf. Integration sei ein
langwieriger Prozess, der nicht von heute auf morgen gelingen könne.
Dazu bedürfe es langfristiger Lernvorgänge.
Zum Minarett in Telfs, das im Mittelpunkt des "Tatort"-Films stand,
sagte Schakfeh, er wünsche sich "ein neues, ein architektonisch
schöneres Minarett". Dies aber "keinesfalls als Symbol eines
Machtanspruchs", sondern vielmehr als "kulturelle Bereicherung von
Telfs". Das derzeitige, auf einen architektonischen Kompromiss
zurückgehende Minarett sei "hässlich".
Schüller und Schakfeh waren sich einig, dass die gemeinsame Benutzung
von Gebetsräumen unter mitteleuropäischen Vorzeichen nicht denkbar
ist. Der Wiener Universitätsseelsorger berichtete von den
Negativerfahrungen an der Wiener Wirtschaftsuniversität, wo der
christliche Gebetsraum zunächst auch für muslimische
Gebetsgottesdienste zur Verfügung gestellt wurde. Als das Verlangen
nach Abhängen des Kreuzes laut wurde, sei klar geworden, dass man
hier zu leichtherzig gehandelt hatte. Auch Präsident Schakfeh betonte
an Hand des Beispiels des Wiener "Sozialmedizinischen Zentrums Ost"
(SMZO), dass es den Muslimen nicht darum gehe, christliche
Gebetsräume mit Beschlag zu belegen: "Wir wollten nur einen
wesentlich kleineren eigenen Gebetsraum neben dem christlichen
Gebetsraum. Wir wollen niemandem im Weg sein und niemandes religiöse
Empfindungen verletzen".
Wenig hinterfragt wurde in der "Zentrums"-Folge die Begründung von
Präsident Schakfeh, warum nach islamischer religiöser Auffassung zwar
islamische Männer jüdische oder christliche Frauen heiraten dürfen,
während islamischen Frauen die Heirat mit Andersgläubigen untersagt
ist.
"Europäischer Kulturfundamentalismus"?
Der Berliner Religionspädagoge Prof. Rolf Schieder warnte vor einem
"europäischen Kulturfundamentalismus". In der Debatte um die
Integration muslimischer Migranten neige man in Westeuropa allzu
schnell dazu, Christentum und Europa gleichzusetzen. Dies sei jedoch
eine Form von "europäischem Kulturfundamentalismus", die sich jeder
historischen Grundlage entziehe und angesichts der kulturellen und
religiösen Vielfalt Europas heute auch verbiete.
Ein prinzipielles Gewaltpotenzial sah Schieder im Islam nicht, jedoch
werde Religion immer dort "gefährlich", wo sich soziale Frustrationen
religiöser Legitimationsmuster für Gewaltausbrüche bedienten. Dies
sei insbesondere bei männlichen jungen Migranten der Fall.
Auch die Migrationsexperin Aygül Aslan wies darauf hin, dass Probleme
der Integration weniger religiös als vielmehr sozial begründet seien.
Wichtig ist laut Aslan vor allem die Forcierung der Bildungsarbeit.
Bildung sei der "Schlüssel gelingender Integration". Hier gebe es
noch zahlreiche Defizite auf beiden Seiten im Wissen um den jeweils
anderen. Das Minarett in Telfs müsse laut Aslan nicht als
"Siegeszeichen" des Islams, sondern als "Ausdruck gelungener
Integration" verstanden werden.
Mitterer: "Gelungener Versuch der Versöhung"
Felix Mitterer, Schriftsteller und Drehbuchautor des "Tatort"-Films
"Baum der Erlösung", bezeichnete den Film als "gelungenen Versuch der
Versöhnung". Bei der Premiere des Films in Telfs sei man auf
"einhellige Zustimmung" gestoßen. Auch habe der Film dazu geführt,
dass sich im Anschluss tirolische und türkischstämmige Telfser Bürger
gemeinsam in Diskussions- und Gesprächskreisen zusammengefunden
hätten: "Die Leute waren an den selben Stellen betroffen und sie
haben an den selben Stellen gelacht". Der Film sei so zu einer Brücke
des gegenseitigen Verstehens geworden, so Mitterer.
Anlass des Themenabends war die Ausstrahlung des "Tatort"-Films "Baum
der Erlösung", der auf einem Buch Felix Mitterers basiert und das
Miteinander von Türken und Österreichern in der Gemeinde Telfs
thematisiert. Im Jahr 2006 wurde in der Tiroler Gemeinde mit relativ
hohem Zuwandereranteil nach langen Diskussionen ein 15 Meter hohes
Minarett errichtet.(ende)
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