- 01.12.2008, 18:00:00
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WirtschaftsBlatt-Kommentar: Österreich braucht ein Chapter 11 - von Michael Laczynski
Wird es aber nicht kriegen, denn die Vorbehalte sind zu groß
Wien (OTS) - Der Wunsch nach dem Neubeginn ist so alt wie die
Menschheit selbst. Schon die alten Römer sehnten sich nach der leeren
Tafel, die wieder beschrieben werden kann - einer "Tabula rasa". Die
Möglichkeit, ohne Altlasten, dafür aber mit reichem Erfahrungsschatz
noch einmal von vorne anfangen zu können, ist neben allen Vorteilen
für die persönliche Biografie auch Voraussetzung für jenen Prozess,
den Ökonom Joseph Schumpeter als schöpferische Zerstörung bezeichnet
hat. Aus Fehlern lernen und Neues schaffen - in den USA wurde das
institutionalisiert und unter dem Namen Chapter 11 in Rechtsform
gegossen.
Unter Chapter 11 versteht man nichts anderes als den Gang zum
Konkursrichter. Dass dieser Weg überraschend häufig von prominenten
Unternehmen (etwa den US-Airlines) eingeschlagen wird, hängt
einerseits mit der Tatsache zusammen, dass der Bankrott jenseits des
Atlantiks kein Schandmal, sondern fast schon ein Ehrenzeichen ist,
frei nach dem Motto "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt". Es gibt aber
auch einen anderen, sehr prosaischen Grund: Im Gegensatz zu einer
österreichischen Insolvenz schaufelt sich ein Unternehmen mit Chapter
11 nicht automatisch sein eigenes Grab.
Nichts macht den Unterschied zwischen Österreich und den USA so
deutlich wie die Zielsetzung: Während das Insolvenzverfahren
hierzulande dazu dient, die Interessen der Gläubiger zu befriedigen,
ist das Ziel von Chapter 11 die Ausarbeitung eines verbindlichen
Sanierungsplans. Das betroffene Unternehmen behält die Kontrolle über
das Geschäft (hier hat der Insolvenzverwalter das letzte Wort), kann
neue Schulden aufnehmen, sich von teuren Altlasten (zum Beispiel
Pensionsansprüchen) befreien und die Sanierung vorantreiben. Der
Staat, unter dessen Aufsicht das Verfahren abgewickelt wird, spielt
sich nicht als Rächer der Enterbten auf, sondern versucht, das Beste
für Eigentümer, Gläubiger und Belegschaft herauszuholen.
Interessantes Detail am Rande: Was die Verbrechensbekämpfung
anbelangt, verhält es sich genau umgekehrt: Während wir
resozialisieren, wird in den USA im Sinne eines archaischen
Rachegedankens exekutiert.
Doch zurück zur Wirtschaft: Wäre etwa die AUA nicht in Wien, sondern
in Chicago ansässig, würden die Chancen auf Genesung vermutlich
besser stehen. Wäre es also nicht wünschenswert, das Insolvenzrecht
zu amerikanisieren? Eigentlich schon, doch in dieser Frage stehen wir
uns selbst im Weg. Hierzulande mag man mit vermeintlichen Verlierern
nichts zu tun haben - wohl aus Angst vor einer Ansteckung.
Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/300
http://www.wirtschaftsblatt.at
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