Österreichs Schulen brauchen mehr interreligiösen Dialog

Wiener Religionspädagoge Martin Jäggle forderte bei Studientag für katholische, evangelische und muslimische Religionslehrer zum Thema "Gewalt überwinden" auch Friedenspädagogik im Sinne des biblischen "Schalom"

Wien, 12.11.08 (KAP) Die multireligiöse Realität stellt viele Schulleitungen vor "komplexe Herausforderungen", notwendig seien mehr Dialog und eine Abkehr von der bisher gängigen "Religionsblindheit":
Das betonte der Religionspädagoge und Dekan der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät, Prof. Martin Jäggle, bei einem Studientag für katholische, evangelische und muslimische Religionslehrer zum Thema "Gewalt überwinden" in Wien. Veranstalter waren die Kirchliche Pädagogische Hochschule (KPH) in Wien-Strebersdorf und das Institut Islamischer Religionsunterricht.

Schulleitungen und Lehrerkollegien sollten das Potenzial des angebotenen Religionsunterrichts - katholisch, evangelisch, orthodox, islamisch, israelitisch - besser nützen, so Jäggle. Eine "religionssensible Bildung", zu der auch fächerübergreifende Dialog-Projekte gehören, sollte gefördert werden. Wie Jäggle betonte, sei insbesondere die Etablierung einer "Friedenspädagogik" notwendig, die "beim konkreten Handeln ansetzt". Grundgedanke dabei sei der Zusammenhang von Friede und Gerechtigkeit im Sinne des biblischen "Schalom".

Die evangelische Theologin Prof. Susanne Heine betonte die Notwendigkeit, Bibel-, Koran- und Kirchenväter-Texte im historischen Kontext zu lesen. Dann zeige sich, dass die verbreitete Gegenüberstellung des Christentums als "Religion der Bergpredigt" und des Islam als "Religion der gewaltsamen Glaubensverbreitung" nicht haltbar sei. Historisch gesehen stehe die Bergpredigt im Kontext der "politischen Ohnmacht" der Jesus-Gemeinde im Römischen Reich, in der Bibel gebe es aber durchaus auch Texte über Gewalt gegen Andersgläubige. Insgesamt zeige sich - und das gelte für Judentum, Christentum und Islam -, dass "Religion immer dann gewalttätig ist, wenn sie Staatssache wird".

Muslim: Auch Mohammed sprach zeitgebunden

Auch der islamische Religionspädagoge Amir Zaidan verwies auf den jeweiligen historischen Kontext der "berüchtigten" Koranverse über Gewalt rechtfertigende Befehle Mohammeds gegen Nichtmuslime bzw. Abtrünnige. Heute gebe es eine moderne Auslegungstechnik des Koran, in der auf die Zeitgebundenheit dieser Aussagen hingewiesen werde. Im modernen Rechtsstaat, "der areligiös ist", könne etwa Glaubensabfall nicht - wie im 7. Jahrhundert - mit Hochverrat gleichgesetzt werden, erklärte Zaidan. Hier gebe es ein allmähliches Umdenken in den verschiedenen Rechtsschulen des Islam. Auch die Legitimität von Selbstmordattentaten werde immer öfter offen bestritten, sogar von wahabitischen saudiarabischen Geistlichen, so Zaidan.

Der evangelische Religions-Fachinspektor Alfred Garcia Sobreira-Majer würdigte die bereits fünfjährige Tradition gemeinsamer Studientage für katholische, evangelische und muslimische Religionslehrer. Es habe einer so langen Zeit bedurft, damit man sich an das brisante Thema "Gewalt" heranwagen konnte.

Die Organisatorin der Studientage, Sonja Haberbusch, verwies auf die Chancen eines Dialogs, in den Erfahrungen aus der Schulpraxis einfließen. Haberbusch und Jäggle präsentierten auch das neue Buch "Das ginge eigentlich die ganze Welt etwas an - Interreligiöser Dialog an österreichischen Schulen". Darin sind zahlreiche Projektberichte aus der schulischen Praxis zusammengefasst. (ende) K200810262
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