• 06.11.2008, 12:15:38
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Evangelische Kirche warnt vor Politik, die Menschen gegeneinander aufhetzt

"Erklärung für eine menschliche Gesellschaft und gegen Rassismus" - Kirchenleitende Gremien besuchten die Gedenkstätte Schloss Hartheim

Hartheim (OTS) - "Das soziale Klima wird zunehmend von
Mitleidlosigkeit und Kälte bestimmt. Eine erbarmungslose
Konkurrenzgesellschaft erhöht den Leistungsdruck und die
Arbeitshetze. Asylsuchende und Schwache werden dann zu Sündenböcken
gestempelt für vieles, was im eigenen Leben und in der Gesellschaft
insgesamt schief läuft", heißt es in einer Erklärung des
Evangelischen Oberkirchenrates A.u.H.B. und der Synodalausschüsse
A.B. und H.B. vom 6. November. Die Erklärung mit dem Titel "Für eine
menschliche Gesellschaft und gegen Rassismus" ist von den Mitgliedern
der kirchenleitenden Gremien im Zusammenhang mit einem Besuch der
Gedenkstätte Schloss Hartheim verabschiedet worden. In Hartheim bei
Alkoven in der Nähe von Linz haben die Nationalsozialisten in den
Jahren 1940 bis 1944 rund 30.000 Menschen mit Behinderungen ermordet.

Der Besuch der Gedenkstätte war Teil des Jahresthemas der
evangelischen Kirchen 2008 "Auf dem Weg der Umkehr", bei dem es um
eine Standortbestimmung im Verhältnis zum Judentum geht. Diese sei
nicht möglich, so heißt es in der Erklärung, ohne die Rückbesinnung
auf die Wurzeln, aus denen Antisemitismus und Judenfeindschaft auch
unter Evangelischen gewachsen sind. "Besonders schmerzhaft" berühre
das Wissen, dass auch Menschen aus dem nahe gelegenen Martinsstift
des Diakoniewerks Gallneukirchen im Jahr 1941 in Hartheim ermordet
wurden, "ohne Widerspruch der damaligen Leitung noch einer anderen
kirchlichen Stelle". So stellen sich die "bedrückenden Fragen, warum
die evangelischen Kirchen so versagt haben. Was hat evangelische
Christinnen und Christen bis auf wenige Ausnahmen dazu gebracht, dem
verbrecherischen Geist nicht zu widerstehen, sondern ihn sogar zu
unterstützen? Diesen Fragen haben wir uns weiterhin offen und
selbstkritisch zu stellen."

Der Besuch in Hartheim falle in eine Zeit, in der das Erstarken
rechtsgerichteter und rechtsextremer Parteien in Europa und in
Österreich zu erleben sei: "Wir warnen vor politischen Kräften, die
die Menschen gegeneinander aufhetzen und vorhandene Ängste schüren",
heißt es dazu in der Erklärung. Es sollen die sozialen Konflikte aber
nicht übersehen werden. Daher rufen die Verfasser dazu auf, "die
Menschlichkeit zu fördern, das Zusammenleben mit Vertrauen, Respekt
und Anerkennung zu erfüllen und die universale Geltung der
Menschenrechte zu verlangen". Die Erklärung, die vom lutherischen
Bischof Dr. Michael Bünker, dem reformierten Landessuperintendenten
Mag. Thomas Hennefeld und Synodenpräsident Dr. Peter Krömer
unterzeichnet wurde, endet mit den Worten: "Wir wissen uns
verpflichtet, unseren eigenen Beitrag dazu zu leisten."

Täter gehörten nicht zu einer kleinen kriminellen Schicht

In einem an die Besichtigung anschließenden Gespräch zeigten sich die
Beteiligten sehr betroffen über das Grauen wie etwa die Gaskammern
oder das Krematorium. "Es gehört zu den schmerzhaftesten Einsichten,
dass es sich bei den Täterinnen und Tätern nicht um eine kleine
kriminelle Schicht gehandelt hat, sondern um den breiten Willen aller
Beteiligten", so Bischof Bünker. Es bleibe die Frage, "was die braven
Familienväter dazu gebracht hat, so etwas zu tun, und was schützt
davor?" Es sei sehr wichtig, sich auf die Geschichte der Diakonie und
der Kirche zu besinnen und zu sehen, "dass das zu unserer Geschichte
gehört", sagte der ehemalige Rektor des Diakoniewerks Gallneukirchen,
Dr. Gerhard Gäbler. Auch das Diakoniewerk habe damals die Fragebögen
zur Erhebung des "lebensunwerten Lebens" bekommen und ausgefüllt.
Gleichwohl sei an dem Tag, an dem die Busse gekommen sind um die
Menschen nach Hartheim zu bringen und sie dort zu ermorden, eine
Schwester mit fünf oder sechs Erwachsenen in den Wald geflüchtet:
"Damit hat sie ihnen das Leben gerettet. Einen von ihnen habe ich
sogar noch kennen lernen dürfen", so Gäbler.

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Dr. Thomas Dasek
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