• 05.11.2008, 16:59:05
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WirtschaftsBlatt-Kommentar: Ein Votum für die Erneuerung - von Michael Laczynski

Und großes Vertrauen in einen liberalen Intellektuellen

Wien (OTS) - Wer am Höhepunkt der Osama Bin Laden- und Saddam
Hussein-Hysterie im Jahr 2002 gewagt hätte, zu prognostizieren, der
44. Präsident der Vereinigten Staaten werde auf den Namen Barack
Hussein Obama hören, wäre wohl für unzurechnungsfähig erklärt
worden. Doch genau das hat sich vorgestern bewahrheitet: Nach einem
Wahlkampf, der 21 Monate gedauert und grob geschätzt eine Milliarde
Dollar gekostet hat, zieht zum ersten Mal ein "African American" ins
Weiße Haus ein. Für die USA ist das der zweite historische Moment in
diesem Jahrzehnt - und es ist vielleicht ein Schlussstrich unter eine
bedrohliche und paranoide Ära, die am sonnigen Morgen des 11.
September 2001 in New York begonnen hatte.

Vor genau vier Jahren, nach dem deutlichen zweiten Sieg von George W.
Bush, fantasierten republikanische Strategen wie Karl Rove von einer
ewigwährenden konservativen Mehrheit. Nun ist das Land von Rot auf
Blau umgefärbt. Zwar liegen Obama und John McCain nicht weit
auseinander, was die Zahl der Wählerstimmen anbelangt, doch bei den
Wahlmännern - dem entscheidenden Faktor im US-Wahlsystem - ist die
Differenz groß.

Was noch schwerer wiegt, sind die Siege in bis dahin stramm
republikanischen Bundesstaaten wie Ohio oder Virginia. Denn Obama
wird jetzt mit Fug und Recht behaupten können, dass er ein
Volkspräsident ist und nicht nur von den Eliten der Ost- und
Westküste ins Amt gehievt wurde. Dabei ist er der erste
demokratische Präsident seit John F. Kennedy mit einem waschechten
liberalen Hintergrund. Sowohl Bill Clinton als auch Jimmy Carter
waren sogenannte "Südstaaten-Demokraten" und als solche in vielen
ideologischen Belangen den Republikanern näher als Teilen der eigenen
Partei. Auch das ist ein historisches Ergebnis: Zum ersten Mal seit
mehr als 40 Jahren haben die Durchschnittsamerikaner keine Angst mehr
vor einem Ostküsten-Intellektuellen, der, wie die "New York Times"
einmal halb spöttisch anmerkte, sein ganzes Leben niemals weiter als
zehn Meilen von einer Universität entfernt verbracht hat.

Dieser Sieg demonstriert auch etwas, das in den vergangenen Jahren
vor allem in Europa vergessen wurde: die unglaubliche Fähigkeit der
USA zur permanenten Erneuerung. "Genau das macht das Genie unseres
Landes aus", sagte Obama in seiner Siegesrede in Chicago. Dank des
gestaffelten Zeitplans der Parlamentswahlen kann der Wandel
theoretisch alle zwei Jahre stattfinden. Die Anpassung an das neue
Zeitalter dürfte so manch einem europäischen Bush-Kritiker deutlich
schwieriger fallen als den US-Wählern.

Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/300
http://www.wirtschaftsblatt.at

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