WirtschaftsBlatt-Kommentar: Ein Votum für die Erneuerung - von Michael Laczynski

Und großes Vertrauen in einen liberalen Intellektuellen

Wien (OTS) - Wer am Höhepunkt der Osama Bin Laden- und Saddam Hussein-Hysterie im Jahr 2002 gewagt hätte, zu prognostizieren, der 44. Präsident der Vereinigten Staaten werde auf den Namen Barack Hussein Obama hören, wäre wohl für unzurechnungsfähig erklärt worden. Doch genau das hat sich vorgestern bewahrheitet: Nach einem Wahlkampf, der 21 Monate gedauert und grob geschätzt eine Milliarde Dollar gekostet hat, zieht zum ersten Mal ein "African American" ins Weiße Haus ein. Für die USA ist das der zweite historische Moment in diesem Jahrzehnt - und es ist vielleicht ein Schlussstrich unter eine bedrohliche und paranoide Ära, die am sonnigen Morgen des 11. September 2001 in New York begonnen hatte.

Vor genau vier Jahren, nach dem deutlichen zweiten Sieg von George W. Bush, fantasierten republikanische Strategen wie Karl Rove von einer ewigwährenden konservativen Mehrheit. Nun ist das Land von Rot auf Blau umgefärbt. Zwar liegen Obama und John McCain nicht weit auseinander, was die Zahl der Wählerstimmen anbelangt, doch bei den Wahlmännern - dem entscheidenden Faktor im US-Wahlsystem - ist die Differenz groß.

Was noch schwerer wiegt, sind die Siege in bis dahin stramm republikanischen Bundesstaaten wie Ohio oder Virginia. Denn Obama wird jetzt mit Fug und Recht behaupten können, dass er ein Volkspräsident ist und nicht nur von den Eliten der Ost- und Westküste ins Amt gehievt wurde. Dabei ist er der erste demokratische Präsident seit John F. Kennedy mit einem waschechten liberalen Hintergrund. Sowohl Bill Clinton als auch Jimmy Carter waren sogenannte "Südstaaten-Demokraten" und als solche in vielen ideologischen Belangen den Republikanern näher als Teilen der eigenen Partei. Auch das ist ein historisches Ergebnis: Zum ersten Mal seit mehr als 40 Jahren haben die Durchschnittsamerikaner keine Angst mehr vor einem Ostküsten-Intellektuellen, der, wie die "New York Times" einmal halb spöttisch anmerkte, sein ganzes Leben niemals weiter als zehn Meilen von einer Universität entfernt verbracht hat.

Dieser Sieg demonstriert auch etwas, das in den vergangenen Jahren vor allem in Europa vergessen wurde: die unglaubliche Fähigkeit der USA zur permanenten Erneuerung. "Genau das macht das Genie unseres Landes aus", sagte Obama in seiner Siegesrede in Chicago. Dank des gestaffelten Zeitplans der Parlamentswahlen kann der Wandel theoretisch alle zwei Jahre stattfinden. Die Anpassung an das neue Zeitalter dürfte so manch einem europäischen Bush-Kritiker deutlich schwieriger fallen als den US-Wählern.

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