• 04.11.2008, 17:12:19
  • /
  • OTS0290 OTW0290

"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das Nein zu Zwentendorf und das Dogma der Atomfreiheit" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 5.11.2008

Graz (OTS) - Heute vor 30 Jahren hat eine hauchdünne Mehrheit die
Inbetriebnahme des ersten österreichischen Atomkraftwerks in
Zwentendorf abgelehnt. Es war eine Überraschung, mit der nicht einmal
die kühnsten Aktivisten gerechnet hatten. Bruno Kreisky, der als
Kanzler in diesem Fall zurückzutreten versprach, blieb im Amt und
baute seine Mehrheit sogar noch aus.

Atomstrom abzulehnen gehört seit damals zum zweiten Zentraldogma der
Republik nach der Neutralität. Beide Dogmen sind vom realen Leben
zwar längst überholt, aber das mindert das Wohlgefühl nicht.

Tatsache ist, dass wir Atomstrom importieren. Die genaue
Größenordnung ist schwer zu beziffern. Österreich deckt netto 16
Prozent seines Strombedarfs in EU-Staaten. Ein Drittel davon kommt
aus Atomkraftwerken. Also kann man davon ausgehen, dass etwas mehr
als fünf Prozent des Stroms, den wir verbrauchen, Atomenergie ist.
Nicht ganz wenig für eine atomfreie Nation.

Der Vorwurf der Heuchelei ist also richtig, er entkräftet aber nicht
die Einwände der Atomkraftgegner. Man muss nicht gleich auf
Tschernobyl verweisen. Es genügen die Bilder von deutschen
Endlagerstollen, die kürzlich durch die Medien gingen. Sie zeigten
den desolaten Zustand der angeblich für alle Ewigkeit sicheren
Endlagerstätten und haben über die Grenzen Deutschlands hinaus für
Irritation gesorgt. Wenn solche Missstände in einer wohlgeordneten
und umweltbewussten Demokratie möglich sind, was geschieht dann mit
Atommüll, wo die Kontrollen weniger streng sind?

Die größten Wachstumsmärkte für Atomenergie sind Indien und China.
Die Wirtschaft beider Länder boomt und hat dringenden Bedarf an
Energie aller Art. Beide Länder sind bisher nicht durch besonderen
Eifer für die Einhaltung von Umweltstandards aufgefallen.

Das erstaunlichste Detail der Europakarte, die wir auf den nächsten
Seiten zeigen, ist die Zahl der geplanten AKW in der Ukraine.
Ausgerechnet dort, wo schon 15 solcher Anlagen stehen, deren eines
1986 den schwersten anzunehmenden Unfall verursacht hat, will die
Regierung weitere 15 Kraftwerke errichten.

In Österreich ist die Atom-Frage seit Tschernobyl erledigt, das
Energieproblem nicht. Der Anteil der Wasserkraft am Verbrauch sinkt
kontinuierlich, der Konsum steigt und mit ihm der Verbrauch von
Atomstrom. Wenn wir konsequent bleiben wollen, müssen wir bei anderen
Energieformen flexibel sein - und beim Sparen phantasievoll.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
mailto:[email protected]
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKZ

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel