"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das Nein zu Zwentendorf und das Dogma der Atomfreiheit" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 5.11.2008

Graz (OTS) - Heute vor 30 Jahren hat eine hauchdünne Mehrheit die Inbetriebnahme des ersten österreichischen Atomkraftwerks in Zwentendorf abgelehnt. Es war eine Überraschung, mit der nicht einmal die kühnsten Aktivisten gerechnet hatten. Bruno Kreisky, der als Kanzler in diesem Fall zurückzutreten versprach, blieb im Amt und baute seine Mehrheit sogar noch aus.

Atomstrom abzulehnen gehört seit damals zum zweiten Zentraldogma der Republik nach der Neutralität. Beide Dogmen sind vom realen Leben zwar längst überholt, aber das mindert das Wohlgefühl nicht.

Tatsache ist, dass wir Atomstrom importieren. Die genaue Größenordnung ist schwer zu beziffern. Österreich deckt netto 16 Prozent seines Strombedarfs in EU-Staaten. Ein Drittel davon kommt aus Atomkraftwerken. Also kann man davon ausgehen, dass etwas mehr als fünf Prozent des Stroms, den wir verbrauchen, Atomenergie ist. Nicht ganz wenig für eine atomfreie Nation.

Der Vorwurf der Heuchelei ist also richtig, er entkräftet aber nicht die Einwände der Atomkraftgegner. Man muss nicht gleich auf Tschernobyl verweisen. Es genügen die Bilder von deutschen Endlagerstollen, die kürzlich durch die Medien gingen. Sie zeigten den desolaten Zustand der angeblich für alle Ewigkeit sicheren Endlagerstätten und haben über die Grenzen Deutschlands hinaus für Irritation gesorgt. Wenn solche Missstände in einer wohlgeordneten und umweltbewussten Demokratie möglich sind, was geschieht dann mit Atommüll, wo die Kontrollen weniger streng sind?

Die größten Wachstumsmärkte für Atomenergie sind Indien und China. Die Wirtschaft beider Länder boomt und hat dringenden Bedarf an Energie aller Art. Beide Länder sind bisher nicht durch besonderen Eifer für die Einhaltung von Umweltstandards aufgefallen.

Das erstaunlichste Detail der Europakarte, die wir auf den nächsten Seiten zeigen, ist die Zahl der geplanten AKW in der Ukraine. Ausgerechnet dort, wo schon 15 solcher Anlagen stehen, deren eines 1986 den schwersten anzunehmenden Unfall verursacht hat, will die Regierung weitere 15 Kraftwerke errichten.

In Österreich ist die Atom-Frage seit Tschernobyl erledigt, das Energieproblem nicht. Der Anteil der Wasserkraft am Verbrauch sinkt kontinuierlich, der Konsum steigt und mit ihm der Verbrauch von Atomstrom. Wenn wir konsequent bleiben wollen, müssen wir bei anderen Energieformen flexibel sein - und beim Sparen phantasievoll.****

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