"KURIER"-Interview mit Klaus Liebscher

Klaus Liebscher wird neuer KURIER-Geldberater

Wien (OTS) - Seine Analysen sind klar, aber immer von Optimismus getragen, seine Kommentare eindeutig, aber niemals verletzend: Klaus Liebscher, ehemaliger Gouverneur der Nationalbank, ist Finanzprofi durch und durch, gleichzeitig aber ein Gentleman alter Schule. In der Banken-ÖIAG soll er eine tragende Rolle spielen, und beim KURIER auch - als Geldberater.

KURIER: Herr Liebscher, sagen noch viele Menschen "Herr Präsident" zu Ihnen?
Klaus Liebscher: Ja, aus alter Gewohnheit. Ich war 13 Jahre in der Nationalbank, drei Jahre mit dem Titel "Präsident" und zehn Jahre als Gouverneur.

Was macht ein Gouverneur am Weltspartag?
Es haben mich drei Banken eingeladen, und diese drei habe ich besucht. Mir bedeutet dieser Tag sehr viel, weil er uns daran erinnert, wie wichtig es ist, durch Sparen vorzusorgen für die Not.

Stichwort "Not": Sie haben vom Vizekanzler das Angebot bekommen, einer der Geschäftsführer in der Banken-ÖIAG zu sein. Ist Ihnen in der Pension so fad, dass Sie gleich zugesagt haben?
Fad ist mir überhaupt nicht. Aber ich fühle mich dem österreichischen Finanzmarkt innerlich sehr verbunden, und deshalb habe ich grundsätzlich "Ja" gesagt. Darüberhinaus war mir aber auch ein preisstabiles Umfeld immer ein zentrales Anliegen, weil es die beste Voraussetzung bildet für ein gesundes, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, für Investitionen und damit verbunden natürlich auch für Arbeitsplätze.

Diese Preisstabilität ist jetzt in Gefahr?
Wir haben deutlich erhöhte Inflationsraten, stark gestiegene Energie- und Nahrungsmittelpreise, aber die Inflation wird - nicht zuletzt auch auf Grund des schwierigen internationalen wirtschaftlichen Umfeldes - wieder zurückgehen.

Sie drücken das so elegant aus: schwieriges wirtschaftliches Umfeld. Ist das nicht die größte Krise, die man in den letzten 100 Jahren gesehen hat?
Es ist sicher eine schwierige Entwicklung für die Wirtschaft, aber wissen Sie, ich bin im Grunde immer ein Optimist. Wir haben im Laufe der vielen Jahrzehnte immer wieder - natürlich nicht so schwere - Krisen gehabt, aber doch Krisen. Und wir haben sie alle bewältigt. Wenn ich sehe, wie heute weltweit und auch in Österreich auf diese Finanzmarktkrise reagiert wurde, dann haben wir aus diesen Krisen auch viel gelernt.

Wie würden Sie die Lage unseres Landes einschätzen?
Österreich hat ausgezeichnete Unternehmen mit einer gut ausgebildeten Mitarbeiterschaft , die Menschen sind fleißig, sie sind vital, sie sind kulturbewusst, sie sind unternehmenslustig. Alles gut für die wirtschaftliche Zukunft! Meine größte Sorge ist immer, dass es zur sogenannten "Self-fulfilling prophecy" kommt. Man redet so lange alles schlecht, bis wirklich alles schlecht ist. Davor warne ich.

Wird es zu einer Rezession kommen?
Ich gehe nicht davon aus. Wir werden ein deutlich abgeschwächtes Wachstum haben, uns aber dennoch in der Zukunft behaupten können. Aber schwieriger wird es - unzweifelhaft.

Wie sehr sind unsere Banken von den internationalen Entwicklungen betroffen?
Sie sind - dank ihrer internationalen Verflechtungen und Aktivitäten - natürlich nicht immun. Aber sie sind wesentlich geringer betroffen als viele ihrer europäischen und natürlich amerikanischen Kollegen, weil sie eine dennoch risikoärmere Kreditpolitik betrieben und sich eher auf Ost- und Mitteleuropa und Südosteuropa konzentriert haben.

Können Sie ausschließen, dass der Constantia Privatbank noch mehrere Banken folgen, die zusperren müssen, wenn sie nicht übernommen werden?
Das ist eine hypothetische Frage, die ich natürlich nur hypothetisch beantworten kann. Ich gehe davon aus, dass die Institute am österreichischen Finanzmarkt grosso modo gesund sind, eine vernünftige Geschäftspolitik und Geschäftsstrategie betrieben haben und betreiben. Daher erwarte ich keine Folgewirkungen größeren Ausmaßes, und wenn doch, dann werden wir sie im Griff haben.

Die KURIER-Serie, die am Montag beginnt, heißt "Wir und die Krise". Worauf muss sich jeder Einzelne Ihrer Expertise zufolge einstellen? Exportrückgänge, Druck auf Firmen, in einzelnen Bereichen auch Kündigungen. Ich gehe aber gleichzeitig von einer weiterhin sehr verantwortungsbewussten Unternehmenspolitik aus, von Maßnahmenpaketen der österreichischen Bundesregierung. Aber alle müssen wir sicher davon ausgehen, dass der Gürtel vielleicht etwas enger zu schnallen sein wird.

Finden Sie auch, dass die Großparteien sich angesichts der Weltfinanzkrise ein bisschen beeilen könnten mit ihren Koalitionsgesprächen?
Nein.

Nein?
Meine Meinung ist, dass Qualität vor Geschwindigkeit gehen muss. Gerade in schwierigen Zeiten darf es keine Husch-Pfusch-Koalition geben, dazu sind die zu bewältigenden Aufgaben viel zu wichtig. Außerdem haben wir doch eine funktionsfähige Regierung!

Das Budgetdefizit, so hat Finanzminister Molterer schon prophezeit, werde auf 3 Prozent und darüber steigen. Besorgt?
Sehr sogar. Ich bin absolut negativ überrascht, mit welcher Selbstverständlichkeit das zur Kenntnis genommen wird, ohne über Einsparungsmöglichkeiten nachzudenken. Das explodierende Budgetdefizit macht mir große Sorgen. Weil nicht nur für den Einzelnen, auch für die Regierung in Zeiten wie diesen der Grundsatz des Sparens gelten muss.

Die "Erste" hat als erste Bank die staatliche Hilfe von 2,7 Milliarden Euro in Anspruch genommen. Ist das in Ihren Augen ein kluger Schritt?
Ich befürworte und begrüße das und gehe davon aus, dass weitere Einzel-Inanspruchnahmen folgen werden.

Nicht gerade ein Zeichen, dass es den Banken in Österreich viel besser geht als anderswo.
Aber auch kein Zeichen, dass es den Banken besonders schlecht geht. Sie verbessern durch die staatliche Hilfe lediglich ihre Kapitalbasis.

Was die Menschen überhaupt nicht verstehen: Wieso die öffentliche Hand und somit der Steuerzahler jetzt jenen Geld zur Verfügung stellen soll, die jahrzehntelang Milliardengeschäfte gemacht haben.

Wieso sollen die nicht allein ausbaden, was sie angerichtet haben? Banken sind mit ihren Aktivitäten wie der Blutkreislauf im Körper

eines Menschen. Das heißt, wenn hier Störungen auftreten, dann braucht man auch Mechanismen und Medikamente, damit es nicht zu einem Herzinfarkt der Gesellschaft führt. Man kann und muss etwas dagegen unternehmen. Im Interesse der Aufrechterhaltung dieses Blutkreislaufes - oder Geldkreislaufes - ist der Staat als letzter Retter in der Not gefordert.

Ist das, was der Staat hier macht, starke Medizin oder sind es nur Notfalltropfen?
Es ist ein wichtiger Vitaminstoß zur Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit unserer Banken.

Und was hat der Staat beziehungsweise der Einzelne davon?
Der Staat bekommt für diese Eigenkapitalzuschüsse eine Verzinsung, mit der er sogar Gewinne machen kann. Wo immer er Eigenkapital zur Verfügung stellt, erhält er also auch eine Gegenleistung.

Herr Gouverneur, wie fühlen Sie sich in der Rolle des KURIER-Geldberaters, an den sich jetzt Sparer und Verschuldete und Menschen aller Art wenden mit ihren Fragen, Sorgen und Anliegen?

Ich freue mich, Menschen, die Fragen haben oder die vielleicht finanzielle Probleme haben, hier, auf Grund meiner langjährigen Erfahrung in diesem Geschäft, doch mit dem einem oder anderen Rat behilflich sein zu können. Und würde mich auch freuen, wenn das in Anspruch genommen wird.

Ihre Philosophie?
Ich glaube,es gibt für jedes Problem eine Lösung und es folgt auf jedes Gewitter die Sonne. Manchmal ist ein Gewitter auch reinigend.

Sind Sie ein guter Geldpsychologe?
Ich glaube, ja. (Lacht)

Was bedeutet Ihnen persönlich Geld?
Es ist eine Beruhigung. Aber eher, wenn man es hat als wenn man es ausgibt.

Haben Sie es persönlich so zu ein bißchen Reichtum gebracht?
Was ist schon Reichtum? Ich würde sagen, dass ich an sich ein sparsamer Mensch bin, aber auch eine geordnete Vermögensposition habe.

Herr Gouverneur, wie sind Sie eigentlich so jung geblieben?
Lieb von Ihnen, aber ich bin 69 vorbei. Ich glaube, das habe ich dem lieben Gott zu verdanken. Ich gehe aber auch regelmäßig Tennis spielen und ich mache jeden Tag in der Früh meinen Sport - Strecken, Dehnen. Stretching, wie man heutzutage dazu sagt.

Faltencremes?
Nehme ich keine. So wie der Herr Bundespräsident, der im Interview mit Ihnen gesagt hat, solche Cremes nähme nicht einmal seine Frau. Ich bin bisher ohne ausgekommen. Für meine Frau kann ich das allerdings nicht mit Sicherheit sagen.
Ist das bei Ihnen auch so?

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