- 31.10.2008, 16:11:41
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"KURIER"-Interview mit Klaus Liebscher
Klaus Liebscher wird neuer KURIER-Geldberater
Wien (OTS) - Seine Analysen sind klar, aber immer von Optimismus
getragen, seine Kommentare eindeutig, aber niemals verletzend: Klaus
Liebscher, ehemaliger Gouverneur der Nationalbank, ist Finanzprofi
durch und durch, gleichzeitig aber ein Gentleman alter Schule. In
der Banken-ÖIAG soll er eine tragende Rolle spielen, und beim KURIER
auch - als Geldberater.
KURIER: Herr Liebscher, sagen noch viele Menschen "Herr Präsident" zu
Ihnen?
Klaus Liebscher: Ja, aus alter Gewohnheit. Ich war 13 Jahre in der
Nationalbank, drei Jahre mit dem Titel "Präsident" und zehn Jahre als
Gouverneur.
Was macht ein Gouverneur am Weltspartag?
Es haben mich drei Banken eingeladen, und diese drei habe ich
besucht. Mir bedeutet dieser Tag sehr viel, weil er uns daran
erinnert, wie wichtig es ist, durch Sparen vorzusorgen für die Not.
Stichwort "Not": Sie haben vom Vizekanzler das Angebot bekommen,
einer der Geschäftsführer in der Banken-ÖIAG zu sein. Ist Ihnen in
der Pension so fad, dass Sie gleich zugesagt haben?
Fad ist mir überhaupt nicht. Aber ich fühle mich dem österreichischen
Finanzmarkt innerlich sehr verbunden, und deshalb habe ich
grundsätzlich "Ja" gesagt. Darüberhinaus war mir aber auch ein
preisstabiles Umfeld immer ein zentrales Anliegen, weil es die beste
Voraussetzung bildet für ein gesundes, nachhaltiges
Wirtschaftswachstum, für Investitionen und damit verbunden natürlich
auch für Arbeitsplätze.
Diese Preisstabilität ist jetzt in Gefahr?
Wir haben deutlich erhöhte Inflationsraten, stark gestiegene
Energie- und Nahrungsmittelpreise, aber die Inflation wird - nicht
zuletzt auch auf Grund des schwierigen internationalen
wirtschaftlichen Umfeldes - wieder zurückgehen.
Sie drücken das so elegant aus: schwieriges wirtschaftliches Umfeld.
Ist das nicht die größte Krise, die man in den letzten 100 Jahren
gesehen hat?
Es ist sicher eine schwierige Entwicklung für die Wirtschaft, aber
wissen Sie, ich bin im Grunde immer ein Optimist. Wir haben im
Laufe der vielen Jahrzehnte immer wieder - natürlich nicht so schwere
- Krisen gehabt, aber doch Krisen. Und wir haben sie alle bewältigt.
Wenn ich sehe, wie heute weltweit und auch in Österreich auf diese
Finanzmarktkrise reagiert wurde, dann haben wir aus diesen Krisen
auch viel gelernt.
Wie würden Sie die Lage unseres Landes einschätzen?
Österreich hat ausgezeichnete Unternehmen mit einer gut
ausgebildeten Mitarbeiterschaft , die Menschen sind fleißig, sie sind
vital, sie sind kulturbewusst, sie sind unternehmenslustig. Alles gut
für die wirtschaftliche Zukunft! Meine größte Sorge ist immer, dass
es zur sogenannten "Self-fulfilling prophecy" kommt. Man redet so
lange alles schlecht, bis wirklich alles schlecht ist. Davor warne
ich.
Wird es zu einer Rezession kommen?
Ich gehe nicht davon aus. Wir werden ein deutlich abgeschwächtes
Wachstum haben, uns aber dennoch in der Zukunft behaupten können.
Aber schwieriger wird es - unzweifelhaft.
Wie sehr sind unsere Banken von den internationalen Entwicklungen
betroffen?
Sie sind - dank ihrer internationalen Verflechtungen und
Aktivitäten - natürlich nicht immun. Aber sie sind wesentlich
geringer betroffen als viele ihrer europäischen und natürlich
amerikanischen Kollegen, weil sie eine dennoch risikoärmere
Kreditpolitik betrieben und sich eher auf Ost- und Mitteleuropa und
Südosteuropa konzentriert haben.
Können Sie ausschließen, dass der Constantia Privatbank noch mehrere
Banken folgen, die zusperren müssen, wenn sie nicht übernommen
werden?
Das ist eine hypothetische Frage, die ich natürlich nur hypothetisch
beantworten kann. Ich gehe davon aus, dass die Institute am
österreichischen Finanzmarkt grosso modo gesund sind, eine
vernünftige Geschäftspolitik und Geschäftsstrategie betrieben haben
und betreiben. Daher erwarte ich keine Folgewirkungen größeren
Ausmaßes, und wenn doch, dann werden wir sie im Griff haben.
Die KURIER-Serie, die am Montag beginnt, heißt "Wir und die Krise".
Worauf muss sich jeder Einzelne Ihrer Expertise zufolge einstellen?
Exportrückgänge, Druck auf Firmen, in einzelnen Bereichen auch
Kündigungen. Ich gehe aber gleichzeitig von einer weiterhin sehr
verantwortungsbewussten Unternehmenspolitik aus, von Maßnahmenpaketen
der österreichischen Bundesregierung. Aber alle müssen wir sicher
davon ausgehen, dass der Gürtel vielleicht etwas enger zu schnallen
sein wird.
Finden Sie auch, dass die Großparteien sich angesichts der
Weltfinanzkrise ein bisschen beeilen könnten mit ihren
Koalitionsgesprächen?
Nein.
Nein?
Meine Meinung ist, dass Qualität vor Geschwindigkeit gehen muss.
Gerade in schwierigen Zeiten darf es keine Husch-Pfusch-Koalition
geben, dazu sind die zu bewältigenden Aufgaben viel zu wichtig.
Außerdem haben wir doch eine funktionsfähige Regierung!
Das Budgetdefizit, so hat Finanzminister Molterer schon prophezeit,
werde auf 3 Prozent und darüber steigen. Besorgt?
Sehr sogar. Ich bin absolut negativ überrascht, mit welcher
Selbstverständlichkeit das zur Kenntnis genommen wird, ohne über
Einsparungsmöglichkeiten nachzudenken. Das explodierende
Budgetdefizit macht mir große Sorgen. Weil nicht nur für den
Einzelnen, auch für die Regierung in Zeiten wie diesen der Grundsatz
des Sparens gelten muss.
Die "Erste" hat als erste Bank die staatliche Hilfe von 2,7
Milliarden Euro in Anspruch genommen. Ist das in Ihren Augen ein
kluger Schritt?
Ich befürworte und begrüße das und gehe davon aus, dass weitere
Einzel-Inanspruchnahmen folgen werden.
Nicht gerade ein Zeichen, dass es den Banken in Österreich viel
besser geht als anderswo.
Aber auch kein Zeichen, dass es den Banken besonders schlecht geht.
Sie verbessern durch die staatliche Hilfe lediglich ihre
Kapitalbasis.
Was die Menschen überhaupt nicht verstehen: Wieso die öffentliche
Hand und somit der Steuerzahler jetzt jenen Geld zur Verfügung
stellen soll, die jahrzehntelang Milliardengeschäfte gemacht haben.
Wieso sollen die nicht allein ausbaden, was sie angerichtet haben? Banken sind mit ihren Aktivitäten wie der Blutkreislauf im Körper
eines Menschen. Das heißt, wenn hier Störungen auftreten, dann
braucht man auch Mechanismen und Medikamente, damit es nicht zu
einem Herzinfarkt der Gesellschaft führt. Man kann und muss etwas
dagegen unternehmen. Im Interesse der Aufrechterhaltung dieses
Blutkreislaufes - oder Geldkreislaufes - ist der Staat als letzter
Retter in der Not gefordert.
Ist das, was der Staat hier macht, starke Medizin oder sind es nur
Notfalltropfen?
Es ist ein wichtiger Vitaminstoß zur Stärkung der internationalen
Wettbewerbsfähigkeit unserer Banken.
Und was hat der Staat beziehungsweise der Einzelne davon?
Der Staat bekommt für diese Eigenkapitalzuschüsse eine Verzinsung,
mit der er sogar Gewinne machen kann. Wo immer er Eigenkapital zur
Verfügung stellt, erhält er also auch eine Gegenleistung.
Herr Gouverneur, wie fühlen Sie sich in der Rolle des
KURIER-Geldberaters, an den sich jetzt Sparer und Verschuldete und
Menschen aller Art wenden mit ihren Fragen, Sorgen und Anliegen?
Ich freue mich, Menschen, die Fragen haben oder die vielleicht
finanzielle Probleme haben, hier, auf Grund meiner langjährigen
Erfahrung in diesem Geschäft, doch mit dem einem oder anderen Rat
behilflich sein zu können. Und würde mich auch freuen, wenn das in
Anspruch genommen wird.
Ihre Philosophie?
Ich glaube,es gibt für jedes Problem eine Lösung und es folgt auf
jedes Gewitter die Sonne. Manchmal ist ein Gewitter auch reinigend.
Sind Sie ein guter Geldpsychologe?
Ich glaube, ja. (Lacht)
Was bedeutet Ihnen persönlich Geld?
Es ist eine Beruhigung. Aber eher, wenn man es hat als wenn man es
ausgibt.
Haben Sie es persönlich so zu ein bißchen Reichtum gebracht?
Was ist schon Reichtum? Ich würde sagen, dass ich an sich ein
sparsamer Mensch bin, aber auch eine geordnete Vermögensposition
habe.
Herr Gouverneur, wie sind Sie eigentlich so jung geblieben?
Lieb von Ihnen, aber ich bin 69 vorbei. Ich glaube, das habe ich dem
lieben Gott zu verdanken. Ich gehe aber auch regelmäßig Tennis
spielen und ich mache jeden Tag in der Früh meinen Sport - Strecken,
Dehnen. Stretching, wie man heutzutage dazu sagt.
Faltencremes?
Nehme ich keine. So wie der Herr Bundespräsident, der im Interview
mit Ihnen gesagt hat, solche Cremes nähme nicht einmal seine Frau.
Ich bin bisher ohne ausgekommen. Für meine Frau kann ich das
allerdings nicht mit Sicherheit sagen.
Ist das bei Ihnen auch so?
Rückfragehinweis:
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Tel.: (01) 52 100/2607
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