• 28.10.2008, 17:33:28
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Wien: Kardinal Rodriguez Maradiaga mit Frankl-Preis ausgezeichnet

Der Chef der internationalen Caritas plädierte beim Festakt für eine "Globalisierung der Solidarität" - Caritas-Präsident Küberl hofft auf päpstliche Sozialenzyklika

Wien, 28.10.08 (KAP) Der Präsident der "Caritas internationalis",
Kardinal Oscar Andres Rodriguez Maradiaga, ist am Montagabend in Wien
mit dem Ehrenpreis des "Viktor Frankl-Fonds" ausgezeichnet worden.
Der Erzbischof von Tegucigalpa (Honduras) erhielt die Auszeichnung in
Würdigung seines Lebenswerkes. Der Kardinal hat neben seinem
Theologiestudium auch eine Ausbildung in klinischer Psychologie und
Psychotherapie in Innsbruck absolviert und ist Mitglied in der
Europäischen Gesellschaft für Verhaltenstherapie. Als Bischof und
Kardinal war er immer in vorderster Linie im Einsatz gegen die
soziale Ungerechtigkeit. Nicht zuletzt deshalb wurde er im Juni 2007
auch zum Präsidenten der "Caritas Internationalis" gewählt, dem
Netzwerk der Caritas-Organisationen in mehr als 200 Ländern.

Rodriguez Maradiaga plädierte im Rahmen des Festakts für eine
"Globalisierung der Solidarität". Die derzeitige Globalisierung habe
zu einer Welt "himmelschreiender Ungleichheit" geführt: "Anstatt in
einer globalen Welt zu leben, befinden wir uns in einer Welt, die
eine scharfe Trennlinie zieht zwischen denen, die die Chancen der
Globalisierung nützen können, und jenen, die an den Rand gedrängt
sind". Nur die Logik der Finanzmärkte sei globalisiert worden und der
Absolutismus des Kapitals habe Verwüstung verursacht, kritisierte der
Kardinal.

Er plädierte eindringlich dafür, die Globalisierung zu humanisieren
und verwies u.a. auf die Achtung der Menschenrechte und die
Notwendigkeit sozialer Stabilität. Solidarität ermutige dazu, jeder
Gruppe den größtmöglichen Dienst zu leisten: "Dazu gehört das
Bemühen, Arbeitsplätze zu erhalten, Investitionen zur Schaffung neuer
Arbeitsplätze zu tätigen, in der lokalen Gemeinde mitzuarbeiten, die
Umwelt zu verbessern oder zu sozialen oder Bildungsinitiativen
beizutragen". Es müsse alles vermieden werden, was zur Verschmutzung
der Umwelt führt, das Vertrauen verletzt oder Korruption im
Wirtschaftsleben fördert, so Rodriguez Maradiaga.

Zunehmende Orientierungslosigkeit

Der Erzbischof von Tegucigalpa beklagte eine zunehmende
Orientierungslosigkeit der Gesellschaft: "Mir kommt vor, dass
gleichzeitig mit der Ideologie des unbeschränkten Marktes allmählich
eine Veränderung in der Wertehierarchie zum Vorschein kommt. Die
Gesellschaft wird desto unmenschlicher, je mehr sie am Markt
orientiert ist". Die Grenzen würden ohne Unterschied für den
Warenverkehr geöffnet und für den Personenverkehr geschlossen. Die
mangelnde Entwicklung in vielen Ländern führe zu Strömen von
Wirtschaftsflüchtlingen, nannte der Kardinal eine der Konsequenzen.

Rodriguez Maradiaga erinnerte daran, dass es in allen Teilen der Welt
negative Entwicklungen gibt: "Wir werden Zeugen der Globalisierung
der Depression, der hohen Selbstmordraten und der existenziellen
Leere. Die Welt, die wie nie zuvor die Orientierung des Verkehrs in
der Luft, zu Wasser und auf der Erde mit Hilfe von
Navigationssystemen entwickelt hat, lebt orientierungslos".

Lebensqualität sei ein Schlagwort der Gegenwart, aber die
Globalisierung scheine sie nicht zu fördern. Es werde nie eine echte
Lebensqualität geben, "wenn man sie nur sucht, in dem man sich mit
Dingen überhäuft und die Dichte des Menschseins ausschließt", so der
Kardinal wörtlich. Man könne auch nicht die spirituelle Dimension
ausschließen, die das Besondere des Menschen sei.

Die von Viktor Frankl entwickelte Logotherapie betone deshalb die
Qualität des wirklich gelebten Lebens. Dieses Leben werde bewertet
und geschätzt, es gehe vom Prinzip aus, dass Zufriedenheit und
Wohlergehen eintreten, wenn "das gelebte Leben mit Sinn erfüllt
wird".

Vernehmbare Stimme der Kirche

Die Laudatio für Kardinal Rodriguez Maradiaga hielten der Linzer
Diözesanbischof Ludwig Schwarz - wie der Erzbischof von Tegucigalpa
ein Salesianer Don Bosco -, Caritas-Präsident Franz Küberl und der
italienische Salesianer und Frankl-Schüler Don Eugenio Fizzotti.
Schwarz und Küberl nahmen im Anschluss auch an einer
Podiumsdiskussion teil. Küberl sagte, er hoffe auf eine baldige
päpstliche Sozialenzyklika und einen neuen Wirtschaftshirtenbrief der
amerikanischen Bischöfe. Solche massiven kirchlichen Anregungen seien
in der derzeitigen globalen Debatte bitter nötig, so Küberl ganz in
Übereinstimmung mit Kardinal Rodriguez Maradiaga.

Bischof Schwarz warf in die Diskussion die Überzeugung ein, dass
jedes funktionierende demokratische System die ethische Bildung eines
jeden einzelnen Bürgers voraussetze. Menschliche Reife und
Verantwortung seien gefordert, so Schwarz, der hier ebenfalls eine
wichtige Aufgabe der Kirche sah.

Caritas-Präsident Küberl forderte in diesem Zusammenhang auch mehr
Zivilcourage und politisches Engagement der Bevölkerung. Als Beispiel
nannte er die Forderung an die Regierung, endlich 0,7 Prozent des
Bruttonationaleinkommens für Entwicklungszusammenarbeit aufzuwenden.
Diese Forderung werde von der Politik wohl erst dann erfüllt, so
Küberl, "wenn die Verantwortlichen das Gefühl haben, dass dieses
Thema vielen Menschen ein ernstes Anliegen ist". (ende)
K200809732
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