Wien: Schönborn dankt Zulehner für dessen Loyalität zur Kirche

"Dies facultatis" der Katholisch-Theologischen Fakultät stand im Zeichen der Emeritierung des Wiener Pastoraltheologen

Wien, 16.10.08 (KAP) Kardinal Christoph Schönborn hat dem Pastoraltheologen em. Prof. Paul M. Zulehner beim "Dies facultatis" der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät seinen besonderen Dank für dessen "ungebrochene Loyalität" zur Kirche ausgesprochen. Zulehner sei auch in schwierigen Zeiten wie in den Jahren der innerkirchlichen "Turbulenzen" ein stets verlässlicher Partner gewesen, so Kardinal Schönborn. Darüber hinaus habe er Prof. Zulehner immer für seine "politische Wachsamkeit", seinen "leidenschaftlichen Einsatz" sowie seine "rhetorische Kunst" bewundert, aber auch für ganz praktische Fähigkeiten - "etwa den selbstverständlichen Umgang mit Computern und der neuesten Technik", so der Kardinal schmunzelnd. Der "Dies facultatis" war heuer mit der offiziellen Laudatio für Prof. Zulehner aus Anlass von dessen Emeritierung verbunden.

Die Sozialethikerin und Vizerektorin der Universität Wien, Prof. Christa Schnabl, würdigte Zulehners Leistungen insbesondere im Bereich der Vermittlung zwischen Kirche und Welt. Zulehner habe sein Denken selbst einmal in der Frage auf den Punkt gebracht: "Woran liegt es eigentlich, dass die überkommenen Traditionen der Kirche von den Menschen heute nicht mehr verstanden werden? - Und wie kann es gelingen, dass umgekehrt die Erfahrungen der Menschen heute, ihre Ängste und Hoffnungen, in der Kirche zum Thema gemacht werden?"

Um dieser Frage nachzugehen, bedürfe es eines "doppelten Wohnsitzes -ganz in der Kirche und ganz in der Welt", so Schnabl. Zulehner sei es auf Grund dieser doppelten Beheimatung auch immer wieder gelungen, weltliche Veränderungen wahrzunehmen und sie innerkirchlich zu artikulieren und so dafür zu sorgen, dass Kirche und Welt nicht weiter auseinanderdriften, so die Vizerektorin. Auch hob sie Zulehners "Formulierkunst" hervor. Das Verhältnis von Kirche und Welt würde heute anders beschrieben, wenn es nicht die "Wortschöpfungen" Zulehners ("Dach über der Seele" usw.) und seine Brückenschläge gäbe, so die Vizerektorin.

Prof. Zulehner betonte in seiner Ansprache, dass er sich stets um "kritische Loyalität" mit der Kirche bemüht habe. Dies sei auch die Haltung der gesamten Katholisch-Theologischen Fakultät, der hin und wieder vorgeworfen werde, sie betreibe eine "sitzende, fast schon rationalistische Theologie" und vergesse dabei die "kniende Theologie". Diesen Vorwurf könne er nicht gelten lassen.

König gab Hinweis auf Osteuropa

Zugleich erinnerte sich Zulehner im Rückblick auf seine Tätigkeit an der Universität Wien an einen Antrittsbesuch Anfang der achtziger Jahre bei Kardinal Franz König. Dabei habe ihm König den Rat gegeben, sich in seiner pastoraltheologischen Arbeit auf Ostmittel- und Osteuropa zu konzentrieren. Damals sei es "unter Pastoraltheologen fast selbstverständlich" gewesen, den Blick auf die Aufbrüche in Lateinamerika zu richten, so Zulehner, die damals noch unter kommunistischer Herrschaft stehende Osthälfte des europäischen Kontinents sei für viele theologisches Neuland gewesen.

Außerdem verdanke er Kardinal König die bewusste Hinwendung zum Dialog der Religionen, so Zulehner. Kurz vor seinem Tod habe Kardinal König ihm dies als ein "theologisches Vermächtnis" mit auf den Weg gegeben. Diesem Vermächtnis wolle er sich stellen, betonte der Theologe. So beschäftige ihn derzeit theologisch insbesondere die Frage, "was es eigentlich für den Auftrag der Christen in der Welt bedeutet, dass nach dem Wort des Apostels Paulus alle Menschen - ob Christen, Atheisten, spirituelle Vagabunden oder Buddhisten - in den kosmischen Christus hinweinwachsen". An einer solch umfassenden Heilsperspektive müsse sich heute auch der Dialog der Religionen messen lassen.

Schließlich dankte Prof. Zulehner Kardinal Schönborn für dessen "wissenschaftsfreundliche und zurückhaltende Art" während der Zeit seiner Dekanstätigkeit. Das gegenseitige Vertrauen habe letztlich in der Übereinkunft gegipfelt, keinen Konflikt oder Disput innerhalb der Fakultät an die Öffentlichkeit zu tragen, so lange er nicht ausgeräumt worden sei.

Paul Michael Zulehner wurde 1939 in Wien geboren. Nach dem Studium der Philosophie, Theologie und Religionssoziologie in Innsbruck, Wien, Konstanz und München wurde er 1964 in Wien zum Priester geweiht. Neun Jahre später habilitierte sich Zulehner an der Universität Würzburg in Pastoraltheologie und -soziologie. Nach diversen Lehrtätigkeiten in Deutschland und Österreich hatte Zulehner seit 1984 an der Universität Wien den Lehrstuhl für Pastoraltheologie inne; von 2000 bis 2007 war er Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät. Zu seinen primären Forschungsgebieten zählen vor allem die Religions- und Kirchensoziologie sowie die Pastoraltheologie.

Der Wiener Pastoraltheologe ist Mitglied der Europäischen und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Für seine Forschungen wurde er mit dem "Kunschak-, dem "Renner- und dem "Innitzer-Preis" ausgezeichnet. Im aktuellen Wintersemester hält er am Institut für praktische Theologie weiterhin Vorlesungen, einen Lehrstuhlnachfolger gibt es noch nicht.

O-Töne des "Dies facultatis" können unter www.katholisch.at/o-toene abgerufen werden. (ende)
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