• 01.10.2008, 17:46:34
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WirtschaftsBlatt-Kommentar: Auch der Staat und seine Prüfer machen Fehler - von Alexis Johann

Je mehr der Staat die Banken prüft, desto höher ist sein Haftungsrisiko

Wien (OTS) - Das Timing ist perfekt, aber das ist Zufall. Denn die
Europäische Union überlegt seit über zehn Jahren, wie sie die
Geschäfte der Banken besser kontrollieren kann. Seit 9. Oktober 2007
steht auch fest, dass diesen Oktober die bestehende Bankrichtlinie
geändert werden soll, obwohl sie (bekannt unter dem Namen Basel II)
noch gar nicht in allen Märkten umgesetzt wurde. Grob gesprochen geht
es um zwei wesentliche Dinge: Banken sollen nur noch unter strengen
Auflagen untereinander gebündelte Kreditepakete verkaufen können.

Zweitens müssen die Aufsichtsbehörden genauer informiert werden,
welche Eigenkapitalunterlegung die Banken tatsächlich haben. Der
Zeitpunkt für die Umsetzung ist gut, denn die Verpackung der Kredite
in Wertpapiere für Investmentsfonds, Versicherungen und andere Banken
war Auslöser der momentanen Krise. 454 Milliarden Euro wurden 2007
zwischen den Finanzinstituten verschoben, zu einem frühen Zeitpunkt
mit hohen Renditen, seit Mitte 2007 mit milliardenschweren
Abwertungen. Problematisch sind diese Geschäfte auf jeden Fall. Doch
soll Brüssel oder die EZB in Frankfurt tatsächlich mehr Macht über
die Märkte erhalten? Das wäre eine "Anmaßung von Wissen" sagen die
Kritiker, an deren vorderster Front die Banken selbst stehen.
Notenbanken und Finanzmarktaufsichten würden zu "bürokratischen
Monstern" aufgebläht. Und die Normierung der Finanzprodukte würde die
Banken noch gleichförmiger agieren lassen und damit anfälliger für
Krisen machen. Im schlimmsten Fall drohe eine zusätzliche Verknappung
von Krediten in Europa.

Das ist blanker Unsinn. Teile von Basel II wurden bereits 2007
eingeführt, ohne dass die Apparate aufgebläht wurden. Die Banken
haben selbst sehr effiziente Systeme zur Überwachung von
Kreditrisiken eingeführt. Und Unternehmen erhalten noch immer Geld.

Tatsächlich stieg die Produktvielfalt: Von Mezzaninkapital bis
Factoring steht Unternehmen nun ein neues Set an Finanzierungsformen
offen. Banken sollen und werden der Wirtschaft Geld zur Verfügung
stellen. Zwei Punkte sind dennoch heikel: Kommen die verschärften
Richtlinien nur in Europa, könnte sich der Markt woanders
hinverlagern - ohne, dass Bankkunden oder Aufsicht davon Wind
bekommen. Schlimmer ist jedoch das Worst-Case-Szenario: Was, wenn
stärker regulierte Banken krachen? Der Staat rutscht so immer mehr in
die Haftung, falls seine Behörden Fehler gemacht haben. Der
Marktmechanismus, der mehr Risiko mit mehr Rendite verbindet, wird
durch den Faktor "staatlich geprüft" ausgehebelt. Das wäre
tatsächlich äußerst kontraproduktiv.

Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/300
http://www.wirtschaftsblatt.at

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