Vor 50 Jahren starb Pius XII.

Papst in der Hölle des Zweiten Weltkriegs - Schon der Pacelli-Papst dachte an ein Konzil - "Kathpress"-Korrespondentenbericht von Johannes Schidelko und Alexander Reiser

Vatikanstadt, 29.9.08 (KAP) 20 Jahre hat Pius XII. in dramatischer Zeit (von 1939 bis 1958) die katholische Weltkirche geleitet: Ein Spitzendiplomat und Kirchenpolitiker, der am Vorabend des Zweiten Weltkriegs sein Amt antreten musste. Ein Papst, der mit seiner eindrucksvollen Gestalt für die Kriegs- und erste Nachkriegsgeneration als "pastor angelicus" (engelgleicher Hirte) Inbegriff des Papsttums war.

Pius XII. verhalf dem Papsttum zu weltweiter Achtung, wurde bald nach seinem Tod aber wegen seines angeblichen Schweigens zur nationalsozialistischen Judenverfolgung attackiert. Vor 50 Jahren, am 9. Oktober 1958, starb Pius XII. nach schwerem Todeskampf in Castel Gandolfo. Das Seligsprechungsverfahren ist abgeschlossen, ruht derzeit jedoch auf Wunsch von Benedikt XVI.

"Der Friede ist das Werk der Gerechtigkeit", lautete der Wahlspruch des aus einer römischen Juristenfamilie stammenden Eugenio Pacelli, der am 2. März 1939, an seinem 63. Geburtstag, an die Spitze der katholische Kirche gewählt wurde. Wenige Monate vor dem Ausbruch des Weltkrieges schien der politisch versierte Kardinal-Staatssekretär mit langjähriger Erfahrung als Nuntius in Deutschland der geeignete Kandidat für das Papstamt.

"Nichts ist verloren durch den Frieden, alles kann verloren werden durch den Krieg", lautete der eindringliche Appell des neuen Papstes in einer Radiobotschaft am 24. August 1939, als sich abzeichnete, dass das nationalsozialistische Deutschland (nachdem Berlin bereits das Saarland, Österreich, Tschechien und den Memel-Streifen geschluckt hatte) jetzt auch Polen "in Angriff" nehmen würde. Aber als der Papst dann seine Antrittsenzyklika veröffentlichte, hatte der Zweite Weltkrieg bereits begonnen.

Dem Papst und der vatikanischen Diplomatie blieb nur die Mahnung zum Frieden. Er leistete humanitäre Hilfe, wo immer möglich, aber er nannte die Dinge auch beim Namen, insbesondere nach dem deutschen Überfall auf Polen, auf Belgien und die Niederlande. Trotzdem trachtete der Papst während des Weltkriegs die Neutralität des Heiligen Stuhls zu bewahren, um helfend eingreifen zu können. Das ermöglichte es ihm, den Vatikan wie auch Rom weitgehend aus dem Kriegsgeschehen herauszuhalten. Eine Ausnahme bildeten die massiven britischen Bombenangriffe auf das Viertel San Lorenzo im Juli 1943:
Das Foto von Pius XII., der in die Trümmerzone eilte und in seinem weißen Mantel mit großer Geste beschwörend die Arme zum Himmel erhob, ging um die Welt. San Lorenzo bedeutete zugleich das Aus für Benito Mussolini: Während der Papst umgehend den Vatikan verlassen hatte, um die Bewohner des Stadtviertels zu trösten, ließ sich kein faschistischer Funktionär blicken. Wenige Tage später musste der Diktator bei einer Sitzung des Faschistischen Großrats eine dramatische Abstimmungsniederlage hinnehmen; er wurde zu König Viktor Emmanuel III. vorgeladen und dort verhaftet.

Auf die von Rolf Hochhuth in dem Bühnenstück "Der Stellvertreter" ausgelöste Diskussion um das angebliche "Schweigen" von Pius XII. reagierte der Heilige Stuhl unter Paul VI. mit einer Vorab-Öffnung seiner Archive über die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die vielbändige Dokumentation zeigte, dass der Heilige Stuhl vielen jüdischen Menschen helfen konnte. In Italien und den italienischen Besatzungsgebieten gelang es, die Juden-Deportationen bis zum 8. September 1943 (dem Tag des Waffenstillstands zwischen Rom und den Alliierten) weitgehend zu verhindern; nur einmal - am 16. Oktober 1943 - wagten die Deutschen, in Rom eine Juden-Razzia durchzuführen. Viele jüdische Menschen überlebten dank kirchlicher Hilfe, versteckt in Klöstern, in kirchlichen Häusern, aber auch im Vatikan selbst.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs galt das Hauptinteresse des Papstes der Auseinandersetzung mit dem sowjetischen Staatsatheismus, der Schritt für Schritt in allen Ländern eingeführt wurde, die in den Machtbereich Moskaus fielen. In bewegenden Appellen würdigte Pius XII. die neuen Märtyrer und erinnerte zugleich an die grundlegende Bedeutung der Religionsfreiheit. Dem entschlossenen Handeln des Papstes war es mit zu verdanken, dass es in Italien 1948 keine kommunistische Machtergreifung gab. Im "Kalten Krieg" spielte Pius XII. als Vorkämpfer einer religiös begründeten Freiheit eine wichtige Rolle. Vieles spricht heute dafür, dass die Agitation um Hochhuts "Stellvertreter" eine späte Rache der Geheimdienste des Sowjetblocks am unbeirrbaren Gegner der menschenverachtenden kommunistischen Diktaturen war.

Trotz der politischen Wirren setzte der Pacelli-Papst mit zahlreichen Lehrschreiben viele neue kirchliche Akzente. 1943 erschien sein großes Kirchendokument "Mystici corporis", in dem die Kirche als "mystischer Leib Christi" beschrieben wurde. Weiter öffnete Pius XII. der Bibelwissenschaft (durch die Enzyklika "Divino Afflante Spiritu") neue Forschungswege und verfügte eine grundlegende Reform der Osternachtliturgie (als er Papst wurde, fand die "Auferstehung" noch am Karsamstagnachmittag statt).

Wenig Zugang hatte der Pacelli-Papst zur neuen ökumenischen Bewegung. Dagegen kamen in seinen Audienzreden viele gesellschaftliche Themen zur Sprache wie Menschenwürde, Ehe und Familie, Einfluss der Massenmedien. Den Höhepunkt seines Pontifikats bildete das Heilige Jahr 1950 mit Proklamation des Dogmas von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel.

Pius XII. stand am Ende einer Kirchenepoche. Er dachte bereits an ein Konzil. Aber erst sein Nachfolger Johannes XXIII. (1958-63), berief jene Kirchenversammlung ein, die die Kirche zur Welt und fürs dritte Jahrtausend öffnete. (ende)
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