- 29.09.2008, 18:13:01
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Vor 50 Jahren starb Pius XII.
Papst in der Hölle des Zweiten Weltkriegs - Schon der Pacelli-Papst dachte an ein Konzil - "Kathpress"-Korrespondentenbericht von Johannes Schidelko und Alexander Reiser
Vatikanstadt, 29.9.08 (KAP) 20 Jahre hat Pius XII. in dramatischer
Zeit (von 1939 bis 1958) die katholische Weltkirche geleitet: Ein
Spitzendiplomat und Kirchenpolitiker, der am Vorabend des Zweiten
Weltkriegs sein Amt antreten musste. Ein Papst, der mit seiner
eindrucksvollen Gestalt für die Kriegs- und erste
Nachkriegsgeneration als "pastor angelicus" (engelgleicher Hirte)
Inbegriff des Papsttums war.
Pius XII. verhalf dem Papsttum zu weltweiter Achtung, wurde bald nach
seinem Tod aber wegen seines angeblichen Schweigens zur
nationalsozialistischen Judenverfolgung attackiert. Vor 50 Jahren, am
9. Oktober 1958, starb Pius XII. nach schwerem Todeskampf in Castel
Gandolfo. Das Seligsprechungsverfahren ist abgeschlossen, ruht
derzeit jedoch auf Wunsch von Benedikt XVI.
"Der Friede ist das Werk der Gerechtigkeit", lautete der Wahlspruch
des aus einer römischen Juristenfamilie stammenden Eugenio Pacelli,
der am 2. März 1939, an seinem 63. Geburtstag, an die Spitze der
katholische Kirche gewählt wurde. Wenige Monate vor dem Ausbruch des
Weltkrieges schien der politisch versierte Kardinal-Staatssekretär
mit langjähriger Erfahrung als Nuntius in Deutschland der geeignete
Kandidat für das Papstamt.
"Nichts ist verloren durch den Frieden, alles kann verloren werden
durch den Krieg", lautete der eindringliche Appell des neuen Papstes
in einer Radiobotschaft am 24. August 1939, als sich abzeichnete,
dass das nationalsozialistische Deutschland (nachdem Berlin bereits
das Saarland, Österreich, Tschechien und den Memel-Streifen
geschluckt hatte) jetzt auch Polen "in Angriff" nehmen würde. Aber
als der Papst dann seine Antrittsenzyklika veröffentlichte, hatte der
Zweite Weltkrieg bereits begonnen.
Dem Papst und der vatikanischen Diplomatie blieb nur die Mahnung zum
Frieden. Er leistete humanitäre Hilfe, wo immer möglich, aber er
nannte die Dinge auch beim Namen, insbesondere nach dem deutschen
Überfall auf Polen, auf Belgien und die Niederlande. Trotzdem
trachtete der Papst während des Weltkriegs die Neutralität des
Heiligen Stuhls zu bewahren, um helfend eingreifen zu können. Das
ermöglichte es ihm, den Vatikan wie auch Rom weitgehend aus dem
Kriegsgeschehen herauszuhalten. Eine Ausnahme bildeten die massiven
britischen Bombenangriffe auf das Viertel San Lorenzo im Juli 1943:
Das Foto von Pius XII., der in die Trümmerzone eilte und in seinem
weißen Mantel mit großer Geste beschwörend die Arme zum Himmel erhob,
ging um die Welt. San Lorenzo bedeutete zugleich das Aus für Benito
Mussolini: Während der Papst umgehend den Vatikan verlassen hatte, um
die Bewohner des Stadtviertels zu trösten, ließ sich kein
faschistischer Funktionär blicken. Wenige Tage später musste der
Diktator bei einer Sitzung des Faschistischen Großrats eine
dramatische Abstimmungsniederlage hinnehmen; er wurde zu König Viktor
Emmanuel III. vorgeladen und dort verhaftet.
Auf die von Rolf Hochhuth in dem Bühnenstück "Der Stellvertreter"
ausgelöste Diskussion um das angebliche "Schweigen" von Pius XII.
reagierte der Heilige Stuhl unter Paul VI. mit einer Vorab-Öffnung
seiner Archive über die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die vielbändige
Dokumentation zeigte, dass der Heilige Stuhl vielen jüdischen
Menschen helfen konnte. In Italien und den italienischen
Besatzungsgebieten gelang es, die Juden-Deportationen bis zum 8.
September 1943 (dem Tag des Waffenstillstands zwischen Rom und den
Alliierten) weitgehend zu verhindern; nur einmal - am 16. Oktober
1943 - wagten die Deutschen, in Rom eine Juden-Razzia durchzuführen.
Viele jüdische Menschen überlebten dank kirchlicher Hilfe, versteckt
in Klöstern, in kirchlichen Häusern, aber auch im Vatikan selbst.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs galt das Hauptinteresse des
Papstes der Auseinandersetzung mit dem sowjetischen Staatsatheismus,
der Schritt für Schritt in allen Ländern eingeführt wurde, die in den
Machtbereich Moskaus fielen. In bewegenden Appellen würdigte Pius
XII. die neuen Märtyrer und erinnerte zugleich an die grundlegende
Bedeutung der Religionsfreiheit. Dem entschlossenen Handeln des
Papstes war es mit zu verdanken, dass es in Italien 1948 keine
kommunistische Machtergreifung gab. Im "Kalten Krieg" spielte Pius
XII. als Vorkämpfer einer religiös begründeten Freiheit eine wichtige
Rolle. Vieles spricht heute dafür, dass die Agitation um Hochhuts
"Stellvertreter" eine späte Rache der Geheimdienste des Sowjetblocks
am unbeirrbaren Gegner der menschenverachtenden kommunistischen
Diktaturen war.
Trotz der politischen Wirren setzte der Pacelli-Papst mit zahlreichen
Lehrschreiben viele neue kirchliche Akzente. 1943 erschien sein
großes Kirchendokument "Mystici corporis", in dem die Kirche als
"mystischer Leib Christi" beschrieben wurde. Weiter öffnete Pius XII.
der Bibelwissenschaft (durch die Enzyklika "Divino Afflante Spiritu")
neue Forschungswege und verfügte eine grundlegende Reform der
Osternachtliturgie (als er Papst wurde, fand die "Auferstehung" noch
am Karsamstagnachmittag statt).
Wenig Zugang hatte der Pacelli-Papst zur neuen ökumenischen Bewegung.
Dagegen kamen in seinen Audienzreden viele gesellschaftliche Themen
zur Sprache wie Menschenwürde, Ehe und Familie, Einfluss der
Massenmedien. Den Höhepunkt seines Pontifikats bildete das Heilige
Jahr 1950 mit Proklamation des Dogmas von der leiblichen Aufnahme
Mariens in den Himmel.
Pius XII. stand am Ende einer Kirchenepoche. Er dachte bereits an ein
Konzil. Aber erst sein Nachfolger Johannes XXIII. (1958-63), berief
jene Kirchenversammlung ein, die die Kirche zur Welt und fürs dritte
Jahrtausend öffnete. (ende)
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