• 14.09.2008, 19:05:57
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Glaube und Vernunft: Benedikt erinnert Europa an seine Wurzeln" (Von Martin Zöller)

Ausgabe vom 15.09.2008

Graz (OTS) - Es muss ein seltsames Spektakel gewesen sein, damals
am 10. November 1793. An diesem Tag feierten die Franzosen in der
Kathedrale Notre-Dame einen neuen Kult, das "Fest zu Ehren der
Vernunft". Er überlebte nicht lange - bald war die Kirche wieder ein
Ort des katholischen Glaubens. Nun besuchte Benedikt XVI. diese
Kirche, das freigeistige Paris, das tiefgläubige Lourdes und sagte
uns mit seiner Reise einmal mehr: Glaube und Vernunft kann man nicht
trennen, alles gehört zusammen - sollte Europa das vergessen,
schneidet es die Wurzeln ab, von denen seine Kultur lebt, öffnet es
der Willkür und dem Fundamentalismus alle Türen.

Als Gläubiger, als Kirchenkritiker, als Katholik, der aus der Ferne
nach Rom schaut, kann man zu dem Schluss kommen, es könnte wichtigere
Themen geben, mit denen sich ein Papst befassen sollte. Trotzdem hat
Benedikt das trockene Thema "Glaube und Vernunft" zu einer
Grundmelodie seiner Amtszeit gemacht, die er regelmäßig anklingen
lässt. Wo nicht mehr nach dem Glauben gesucht wird, so Benedikt, da
wird es unmenschlich. Denn ohne das Bewusstsein, vielleicht einmal im
Jenseits - nenne man es Himmel oder Hölle - über das eigene Tun
Rechenschaft zu schulden, gäbe es keinen Grund, warum nicht der
Mensch seinem Mitmenschen gegenüber ein Raubtier sein sollte. Die
Geschichte kennt ausreichend Beispiele: Immer wenn sich die Vernunft
zur Herrin über den Glauben aufschwang oder diesen gar abschaffen
wollte, wurde sie ihr erstes Opfer - dies zeigen nicht nur im Namen
der Vernunft vollzogene Morde nach der Französischen Revolution
sondern auch das Scheitern der auf dem Reißbrett zweifellos
vernünftigen Idee des Kommunismus. Doch auch ein Glaube ohne Vernunft
kann nach Meinung des Papstes nur ins Unglück führen - die Beispiele
reichen von blindwütigen Inquisitoren bis zu heutigem religiös
verbrämtem Terrorismus. Die Diskussion um Glaube und Vernunft muss
geführt werden, um das friedliche Zusammenleben der Religionen zu
gestalten.

Nur wenn sich die kaum religiöse westliche Mehrheitsgesellschaft
darum bemüht, etwa auch die religiösen Gefühle von Muslimen zu
verstehen, wird sie einen selbstverständlich erscheinenden
Unterschied erkennen können: zwischen Muslimen oder anderen
Glaubenden, die berechtigterweise ihre Religion frei ausleben wollen,
und zwischen solchen, welche die Werte unserer Gesellschaft bekämpfen
und gefährlich sind. Wer auf dem religiösen Ohr taub ist, wird auch
keinen Dialog führen können.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
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