• 04.09.2008, 17:55:52
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Auf die Speichelprobe folgte das Schweigen der Lämmer" (Von Frido Hütter)

Ausgabe vom 5.9.2008

Graz (OTS) - Erinnern Sie sich noch? In den Zeiten der
Kanzlerschaft von Bruno Kreisky galt Politik in Künstlerkreisen als
durchaus salonfähig. Man zeigte sich mit ihm vor den Kameras, sprach
gut über ihn und stellte sich sogar für eine Werbekampagne zur
Verfügung.

Der eloquente Brummbär revanchierte sich auch: So dirigierte er
einmal auf der Fahrt von Budapest nach Wien den Chauffeur über Graz
um, weil dort Peter Handke gerade im Forum Stadtpark zugange war.

Kreiskys Nachfolger Fred Sinowatz begrüßte einmal den deutschen
Großliteraten Hans Magnus Enzensberger in der Wiener Meierei so
spontan und herzlich, dass dieser meinte, einen Doppelgänger des
Bundeskanzlers vor sich zu haben.

Und Franz Vranitzkys Kulturminister Rudolf Scholten galt Künstlern
ohnedies als einer der Ihren.

Den Bruch leitete Viktor Klima ein: Der machte Kultur zur
"Chefsache", delegierte sie an einen Staatssekretär namens Peter
Wittmann, nicht nur seiner Physiognomie nach ein Unglücksrabe. Er
löste im traditionell eher linken Kunstbetrieb allenfalls eine dort
auch heimische Herablassung aus.

Erst Alfred Gusenbauer konnte wieder auf namhafte Fürsprecher aus dem
Kunstbereich zählen. Auf André Heller, Harald Krassnitzer, Erika
Pluhar, Marion Mitterhammer, Erwin Wurm und viele andere.

Damit ist nun Schluss. Die Kunstszene ist zur Austernbank geworden.
Wen immer man jetzt nach seinen politischen Präferenzen fragt, der
schweigt eisern. Oder gibt sich sarkastisch: Er schnüre lieber mit
seiner Katze durch den Garten und lasse sich von ihr die Welt
erklären, ließ André Heller verlauten. - Eine ironische Paraphrase
auf Hans Dichand, der einmal sagte, statt nach Macht zu streben, gehe
er lieber nach Hause und streichle seinen Hund.

Und hier sind wir beim Kern der Sache: Werner Faymann ist kulturell
viel zu unbeschrieben, als dass er einen Boykott wert wäre. Sein
Kniefall vor der "Kronen Zeitung" und deren hemmungslose
Faymann-Kampagne hat die Eiszeit ausgelöst. Eine Branche, die
naturgemäß eher zur Renitenz als zur Botmäßigkeit neigt, mag eine so
devot abgegebene Speichelprobe nicht schlucken. Rote Urgesteine des
Kulturbetriebs schweigen würgend.

Dass ihr im Privaten durchaus freimütig geäußerter Ekel kaum
öffentlich wird, hängt indes wohl auch mit der Angst zusammen, es
sich mit einem Millionen-Blatt zu verderben, dessen Marktwucht zu
einem anderen Anlass wieder einmal von Nutzen sein könnte. So
betrachtet ist es wohl auch ein Schweigen der Lämmer.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
mailto:[email protected]
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