Der goldene Fußtritt bei Post und Telekom

"Presse"-Leitartikel, vom 14. August 2008, von Gerhard Hofer

Wien (OTS) - Menschen werden mit Golden Handshake in die Armut getrieben. Auswüchse eines pervertierten Sozialsystems.

Jetzt haben wir es wieder Schwarz auf Weiß, wie es sich die Beamten in diesem Land ordentlich richten. 45 Monatsgehälter werden einem Postangestellten und einem Telekom-Austria-Mitarbeiter nachgeschmissen, wenn er freiwillig seinen goldenen Käfig verlässt. 1500 Beamte sollen heuer noch den Verlockungen des lieben Geldes erliegen. Telekom Austria und Post lassen sich diese Aktion wohl an die 200 Millionen Euro kosten.

Wie hört sich das wohl an für ganz "normale" Menschen, die ebenfalls ihren Arbeitsplatz verloren haben? Für jene, die aber mit Kündigung nicht silbernes Tablett und roten Teppich verbinden?

Es soll sich wohl ganz genau so anhören. Eine riesige Kündigungswelle mutiert zu einem Lottogewinn. Tatsächlich führt an den Golden Handshakes heute kein Weg vorbei. Die Weichen wurden vor vielen Jahren falsch gestellt. Als der Staat noch den Markt bestimmte, oder zumindest so tat, als ob.

Heute stehen die früheren Staatsbetriebe im internationalen Wettbewerb und das Management kann nur noch die Notbremse ziehen. In welche Sackgasse das pragmatisierte Beamtentum in diesen Unternehmen geführt hat, veranschaulicht das sogenannte Karriere-Entwicklungs-Center der Post. Dort haben viele "Unkündbare" jahrelang Daumen gedreht und über das eigene Unnötigsein sinniert. Karriere-Zentrum hat das früher geheißen. Aber als die Besucher dieses Etablissement zynisch als "KZ" bezeichnet haben, wurde das Karriere-Zentrum in Karriere-Entwicklungs-Center umgetauft. In der Telekom Austria nennt sich das Personal-Abstellgleis deshalb ganz salopp "Personal-Agentur".

De facto werden in diesen speziellen Einrichtungen unkündbare Beamte so lange weichgekocht, bis sie endlich einem Golden Handshake zustimmen. Jene Betriebsräte, die diesen Leuten jahrzehntelang eingeredet haben, dass ihnen nichts passieren kann, sprechen dann von "sozial verträglichen Maßnahmen". Hauptsache sozial.

Diese Art von Sozialismus findet übrigens auch an der Börse Anklang. Am Tag, nachdem "Die Presse" berichtet hatte, dass 500 Mitarbeiter der Post noch heuer das Unternehmen verlassen sollen, stieg die Post-Aktie vorübergehend um mehr als sieben Prozent. Und was passiert übrigens mit den vergoldeten Ex-Postlern und Telekom-Leuten, wenn sie ihren Goldenen Handshake aufgebraucht haben? Ihre Jobchancen tendieren angesichts ihres fortgeschrittenen Alters nahezu gegen null.

Die allermeisten werden etwa zehn Jahre lang ein arbeits- und mangels Betätigung trostloses Dasein fristen. Und später, als Früh- und teilweise auch als Mindestrentner, werden sie ihre anonymen Auftritte in herzzerreißenden Arbeiterkammer-Studien haben, die mit Titeln wie "Die Armen werden immer ärmer" oder "Soziale Kälte in diesem Land nimmt zu" Veröffentlichung finden.

Die "soziale Kälte" in diesem Land wurzelt in erster Linie in einem pervertierten Sozialsystem. Etwa in einem Kündigungsschutz, der Tausende am Ende trotzdem schutzlos - und nutzlos - zurücklässt. Diese "soziale Kälte" wurzelt in einer Zeit, als Politiker Arbeitsplätze vergeben haben (und nicht etwa Unternehmer). Diese Zeiten sind mittlerweile - zumindest für die breite Masse, nicht für Topmanager staatsnaher Betriebe - vorbei. Aber in den Hinterstübchen der Österreicher sind diese leidigen Relikte der 70er- und 80er-Jahre noch immer ganz fest eingebrannt.

Hierzulande verlässt man sich eben noch immer gerne auf die Politik, wenn's eng wird. Siehe dieser Tage die AUA. Da muss natürlich auch nach dem Verkauf an die Lufthansa noch eine "österreichische Sperrminorität" erhalten bleiben, um Arbeitsplätze zu retten. Dass Staatsanteile keine Job-Garantie sind, zeigen nun Post und Telekom. Dort hält der Staat 51 bzw. 27 Prozent.

Für die Politiker ist diese verdrehte Wahrnehmung in der Öffentlichkeit natürlich sehr angenehm. Seit jeher ist in Österreich nämlich klar, dass die Politiker Arbeitsplätze schaffen, die Gewerkschafter Arbeitsplätze verteidigen und die Unternehmer Leute rausschmeißen. Auf die Idee, dass Arbeitsplätze vor allem dann auch langfristig sicher sind, wenn Unternehmen Gewinne schreiben und die Politik tunlichst die Hände von diesen Unternehmen lässt, auf diese Idee wollen in diesem Land viele nicht kommen. Eigenverantwortung ist nämlich unsozial. Dann doch lieber mit Goldenem Handschlag zum Sozialfall werden. Hauptsache sozial.

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