"Kleine Zeitung" Kommentar: "Russland zeigt brutal, dass es sich wieder als Weltmacht fühlt" (von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 12.08.2008

Graz (OTS) - Georgiens Präsident Michail Saakaschwili hat hoch gepokert - und verloren. Sein Befehl, die abtrünnigen Südosseten mit Gewalt heim ins georgische Reich zu holen, war ein kapitaler Fehler. Der russische Bär hat nur darauf gewartet, den Georgier, der ihn mit seiner Anbiederung an den Westen schon seit Jahren ärgert, mit aller Härte zu bestrafen. Was sich derzeit im südlichen Kaukasus abspielt, passt den Russen hervorragend ins Konzept: Endlich haben sie die Gelegenheit, zu zeigen, dass sie als Weltmacht wieder ernst genommen werden wollen.

Denn mehr oder weniger tatenlos hatte Moskau nach dem Zusammenbruch des Sowjet-Kommunismus zuschauen müssen, wie sein Glacis in Mittel-Osteuropa samt den einstigen Sowjetrepubliken im Baltikum Schritt für Schritt in Nato und EU integriert wurde und wie die Amerikaner auch in den neuen Staaten Zentralasiens mehr und mehr Fuß fassten. Wladimir Putin hat mit dieser Passivität Schluss gemacht.

Er hat den rebellischen Tschetschenen im Nordkaukasus in zwei grausamen Kriegszügen jede Hoffnung auf Eigenstaatlichkeit geraubt. Er droht den Amerikanern mit noch nicht näher definierten "geeigneten Maßnahmen", sollten diese tatsächlich ihr Raketenabwehrschild in Polen und Tschechien installieren, er untergräbt mit allen Mitteln eine Annäherung der Ukraine an EU und Nato - und er hat Georgiens Präsident Saakaschwili eindringlich vor dessen West-Kurs gewarnt.

Südossetien und Abchasien sind seit Jahren ein Faustpfand des Kreml in diesem Kampf gegen Georgiens pro-westliche und vor allem pro-amerikanische Politik. Er unterstützt die Separatisten in beiden Regionen politisch und militärisch und hat den Großteil seiner Einwohner mit russischen Pässen ausgestattet.

Welcher Teufel Michail Saakaschwili geritten hat, ausgerechnet jetzt mit Gewalt die Macht über Südossetien durchsetzen zu wollen, weiß wohl nur er allein. Sollte er gehofft haben, der Westen werde ihm nötigenfalls militärisch zu Hilfe eilen, hat er sich gründlich verschätzt. Und dass US-Präsident George W. Bush seinen georgischen Schützling ermuntert habe, loszuschlagen, gehört wohl in den Bereich der Verschwörungstheorie.

Immerhin weiß Amerika jetzt, dass sich Moskau wieder stark genug fühlt, die Demarkationslinien seiner Interessensphären mit militärischen Mitteln durchzusetzen. Den schrecklichen Preis für diese Lektion, die Russlands neue Zaren den Amerikanern längst schon erteilen wollte, zahlen jetzt die Menschen im Südkaukasus. ****

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