• 11.08.2008, 17:21:25
  • /
  • OTS0187 OTW0187

"Kleine Zeitung" Kommentar: "Russland zeigt brutal, dass es sich wieder als Weltmacht fühlt" (von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 12.08.2008

Graz (OTS) - Georgiens Präsident Michail Saakaschwili hat hoch
gepokert - und verloren. Sein Befehl, die abtrünnigen Südosseten mit
Gewalt heim ins georgische Reich zu holen, war ein kapitaler Fehler.
Der russische Bär hat nur darauf gewartet, den Georgier, der ihn mit
seiner Anbiederung an den Westen schon seit Jahren ärgert, mit aller
Härte zu bestrafen. Was sich derzeit im südlichen Kaukasus abspielt,
passt den Russen hervorragend ins Konzept: Endlich haben sie die
Gelegenheit, zu zeigen, dass sie als Weltmacht wieder ernst genommen
werden wollen.

Denn mehr oder weniger tatenlos hatte Moskau nach dem Zusammenbruch
des Sowjet-Kommunismus zuschauen müssen, wie sein Glacis in
Mittel-Osteuropa samt den einstigen Sowjetrepubliken im Baltikum
Schritt für Schritt in Nato und EU integriert wurde und wie die
Amerikaner auch in den neuen Staaten Zentralasiens mehr und mehr Fuß
fassten. Wladimir Putin hat mit dieser Passivität Schluss gemacht.

Er hat den rebellischen Tschetschenen im Nordkaukasus in zwei
grausamen Kriegszügen jede Hoffnung auf Eigenstaatlichkeit geraubt.
Er droht den Amerikanern mit noch nicht näher definierten "geeigneten
Maßnahmen", sollten diese tatsächlich ihr Raketenabwehrschild in
Polen und Tschechien installieren, er untergräbt mit allen Mitteln
eine Annäherung der Ukraine an EU und Nato - und er hat Georgiens
Präsident Saakaschwili eindringlich vor dessen West-Kurs gewarnt.

Südossetien und Abchasien sind seit Jahren ein Faustpfand des Kreml
in diesem Kampf gegen Georgiens pro-westliche und vor allem
pro-amerikanische Politik. Er unterstützt die Separatisten in beiden
Regionen politisch und militärisch und hat den Großteil seiner
Einwohner mit russischen Pässen ausgestattet.

Welcher Teufel Michail Saakaschwili geritten hat, ausgerechnet jetzt
mit Gewalt die Macht über Südossetien durchsetzen zu wollen, weiß
wohl nur er allein. Sollte er gehofft haben, der Westen werde ihm
nötigenfalls militärisch zu Hilfe eilen, hat er sich gründlich
verschätzt. Und dass US-Präsident George W. Bush seinen georgischen
Schützling ermuntert habe, loszuschlagen, gehört wohl in den Bereich
der Verschwörungstheorie.

Immerhin weiß Amerika jetzt, dass sich Moskau wieder stark genug
fühlt, die Demarkationslinien seiner Interessensphären mit
militärischen Mitteln durchzusetzen. Den schrecklichen Preis für
diese Lektion, die Russlands neue Zaren den Amerikanern längst schon
erteilen wollte, zahlen jetzt die Menschen im Südkaukasus. ****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
mailto:[email protected]
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKZ

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel