WirtschaftsBlatt-Kommentar: Wenn geschossen wird, steckt Öl dahinter - von Herbert Geyer

Georgien macht Europa noch ein bisschen abhängiger

Wien (OTS) - Wenn irgendwo geschossen wird, ist zumeist ganz in
der Nähe ein Ölhahn zu finden. Es war ein verhängnisvoller Fehler des georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili, diese Tatsache nicht ausreichend in seine Überlegungen einzubeziehen, als er seine Truppen nach Südossetien in Marsch setzte.

Denn Saakaschwili mag wirklich nur an die Rückeroberung der abtrünnigen Provinzen Südossetien und Abchasien gedacht haben, als er den Krieg vom Zaun brach - und damit den Russen einen Vorwand lieferte, gleich ganz Georgien wieder in ihren Einflussbereich zurückzuholen.

Dort steht in diesem Fall der Ölhahn, um den es in dem Konflikt eigentlich geht: Durch Georgien führen die einzigen unabhängigen Öl-und Gaspipelines, mit denen die begehrten Rohstoffe aus den Lagern rund um das kaspische Meer sowie aus den weiter östlich liegenden Republiken Kasachstan und Turkmenistan nach Westen gebracht werden können.

Diese Pipelines haben momentan für die Versorgung Europas keine überragende Bedeutung - die transkaukasische Pipeline Baku-Tiflis-Ceyhan, die seit 2005 Rohöl aus Aserbaidschan und Kasachstan nach Westen befördert, ist seit Wochen nach einem Brand in der Türkei außer Betrieb, ohne dass das im Westen besonders aufgefallen wäre.

In dem Moment aber, in dem Russland - aus welchen Gründen auch immer - auf die Idee käme, dem Westen den Öl- oder Gashahn zuzudrehen, wäre der Weg über den Kaukasus die einzige Chance, Europa aus alternativen Quellen zu versorgen. Daher auch die gewaltigen Investitionen in Pipeline-Projekte wie Nabucco, mit der Gas aus dem Kaukasus über die Türkei nach Europa geleitet werden soll.

Russland haben diese Bestrebungen Europas, zumindest theoretisch unabhängig von seinen Gas- und Öllieferungen zu werden, nie gefallen. Daher nimmt es die Gelegenheit, Georgien wieder in seinen Einflussbereich zu bekommen, begeistert wahr. Osteuropäische Experten, die für russische Absichten immer noch ein besonderes Sensorium haben, erwarten, dass Russland die Gelegenheit nützen könnte, sich auch gleich Aserbaidschan wieder einzuverleiben: Die Republik ist von ihren Einnahmen aus Ölexporten nach Westen abhängig - wenn der Weg über Georgien versperrt wird, bleibt nur mehr der über Russland, Aserbaidschan ist also nach einem Fall Georgiens von Russland erpressbar.

Bei alledem kann der Westen nur zusehen: Für Georgien einen großen Krieg gegen Russland zu wagen, ist undenkbar.

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