- 04.08.2008, 19:16:01
- /
- OTS0191 OTW0191
"Kleine Zeitung" Kommentar: "Starrummel überlagert die künstlerischen Ereignisse" (Von Ernst Naredi-Rainer)
Ausgabe vom 05.08.2008
Graz (OTS) - Fotografen und Kamerateams belagerten den Eingang
derart raumgreifend, dass die Besucher der ersten Opernpremiere der
Salzburger Festspiele sich mühsam in das Haus für Mozart zwängen
mussten. Völlig unbeachtet bewegen konnte sich nur Claus Guth, der ja
bloß für die Inszenierung von Mozarts "Don Giovanni" verantwortlich
zeichnete und davor erst vier Mal in Salzburg Regie geführt hatte.
Bedeutende, aber nicht glamouröse Künstler, deren Schaffen man ebenso
ernsthaft wie kontroversiell diskutieren kann, spielen in der
Mozartstadt derzeit offensichtlich nur die zweite Geige.
Das Augenmerk der Fotografen und Kameraleute, die genau wissen, was
Chefredakteure wollen, konzentrierte sich nicht nur an diesem Abend
auf die Roben der Gattinnen bekannter Manager und Politiker, auf den
Aufmarsch vermeintlicher Prominenter, zu denen heute auch
drittklassige TV-Sternchen gezählt werden, und natürlich auf das
Erscheinen der berühmtesten Schwangeren dieses Sommers.
Anna Netrebko ist schließlich der Popstar der Klassik. Für sie
interessieren sich auch jene, die aus eigener Tasche keine Opernkarte
bezahlen. Sie ist für die Branche Goldes wert und sollte deshalb am
besten geklont werden.
Hand in Hand begeben sich die Festspiele und die Medien, denen heute
die Abendkleider der Besucherinnen schon häufig mehr Platz wert sind
als die kritische Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Ereignis,
deshalb auf die Suche nach der "neuen Netrebko". Das hat bisher nicht
geklappt. Heuer soll Nino Machaidze, die an Stelle der
Neoösterreicherin die Titelheldin in Charles Gounods Oper "Roméo et
Juliette" sang, dieses Attribut tragen, dem sie nicht gerecht werden
kann. Als Opfer einer stargeilen Quotensucht, der die Festspiele im
Verein mit dem Fernsehen und den Printmedien huldigen.
Der Starkult und das Inszenieren möglichst spektakulärer Events mögen
sich zwar als Marketinginstrument eignen, nehmen sich aber als
Leitlinie für ernsthafte Festspiele reichlich dürftig aus.
Um so erfreulicher ist es, wenn in Salzburg ohne Stars und ohne
Seitenblickegesellschaft sperrige, aber künstlerisch bedeutende
Ereignisse wie die von Konzertchef Markus Hinterhäuser aufgezogene
Porträtreihe für den italienischen Avantgardekomponisten Salvatore
Sciarrino Anklang finden. Dass auch vor der Premiere von Sciarrinos
Oper "Luci mie traditrici" Interessenten mit dem Schild "Karte
gesucht" vor der ausverkauften Kollegienkirche standen, gibt Anlass
zur Hoffnung.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
mailto:[email protected]
http://www.kleinezeitung.at
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKZ






