Trapezunt: Die verdrängte Vergangenheit schlägt zu

Der angeblich "kreuzförmige" Turm eines Einkaufszentrums löst Probleme aus - Aber der Turm steht dort, wo bis 1915 die armenisch-apostolische Erlöserkathedrale die Besucher von See begrüßte

Ankara, 298.7.08 (KAP) Die verdrängte Vergangenheit schlägt zu: In der pontischen Hafenstadt Trabzon (Trapezunt) gibt es Aufregung, weil ein Einkaufszentrum am Hafen einen "kreuzförmigen" Turm hat. Das Einkaufszentrum "Forum Trabzon" mit dem Leuchtturm mit zwei Balkonen befindet sich just an der Stelle, an der bis in die zwanziger Jahre die armenisch-apostolische Erlöserkathedrale stand. Die im 19. Jahrhundert - mit Spenden des Sultans - erbaute imposante Kathedrale am Hafen hatte bis 1915 die Passagiere jedes Dampfers begrüßt, der aus Konstantinopel in Trapezunt eintraf.

An der Eröffnung des "Forum Trabzon" hatte Ministerpräsident Recep T. Erdogan teilgenommen, der selbst aus einer lazischen (georgisch-islamischen) Familie stammt. Der Architekt, Levent Eyoböglu, bezeichnete die Aufregung als "Missverständnis". Der Chefredakteur der einflussreichen lokalen Tageszeitung "Karadeniz" (Schwarzes Meer), Erhan Esaspehlivan, meinte, die "glaubenstreue" Bevölkerung von Trapezunt könne von jeder "Beleidigung" ihrer Religion nicht betroffen werden: "Wenn man im Zentrum der Stadt aber ein Kreuz aufrichtet, kann man nicht davon absehen". Ein Kommentator der selben Zeitung, Gürsel Colakoglu, bezeichnete die Reaktionen als übertrieben, obwohl es um eine besonders "sensible" Stadt gehe.

Die "Sensibilität" trifft den Nagel auf den Kopf. In Trabzon wurde im Jahr 2006 der katholische Priester Andrea Santoro ermordet, auch der Mörder des armenischen Journalisten Hrant Dink im Jahr 2007 kam aus der Schwarzmeerstadt. Bei den beiden jugendlichen Tätern war schon aus den Familiennamen erkenntlich, dass sie keine "echten Türken" sind.

Genau an diesem Punkt zeigt sich das Problem der "Sensibilität" in Trabzon. Auch heute wird die Stadt - einst das Zentrum des Kaiserreichs Trapezunt - von Menschen bewohnt, deren Vorfahren vor geraumer Zeit zum Islam übergegangen sind. An jedem Punkt der Stadt stößt man auf die christliche Vergangenheit: In der Hagia Sophia, die heute ein Museum ist, obwohl sie 1511 zur Moschee umgewandelt wurde, in der Kirche der "goldgekrönten Muttergottes" (die heute die "Ortahisar camii" ist), in den ebenfalls zu Moscheen umgewandelten Kirchen St. Anna, St. Andreas und St. Eugenios.

Ein beträchtlicher Teil der Stadtbevölkerung wechselte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zum Islam über - behielt aber trotzdem das klassische Griechisch des Pontus als Umgangssprache bei, schrieb es aber mit arabischen Buchstaben. Trotzdem waren 1914 weit mehr als 50 Prozent der Bevölkerung von Trapezunt Christen, Griechen und Armenier. Obwohl die Armenier jahrhundertelang als "millet-i-sadiqa" (die treueste Nation des Sultans) galten, richtete sich die Verfolgung des fanatisch nationalistischen jungtürkischen "Komitees für Einheit und Fortschritt" (Ittihad ve Terakki) vor allem gegen sie.

Wie überall im Osmanischen Reich wurden auch in Trapezunt die aus Konstantinopel durch chiffrierte Telegramme an die Valis (Gouverneure) angeordneten Maßnahmen des "tehcir" (der "Delokalisierung") im Jahr 1915 zunächst gegen die armenischen Christen angewendet. In Trapezunt waren 30.000 Personen armenischer Herkunft von diesen "Maßnahmen" betroffen, vor allem die Männer wurden gleich in den ersten Tagen ermordet. Bereits am 24. Juni 1915 waren alle armenischen Politiker der Stadt - unter ihnen auch Abgeordnete und Senatoren des Osmanischen Reiches - verhaftet worden; schon am 26. Juni erfolgte der Deportationsbefehl, wobei angeordnet wurde, dass alle Betroffenen Wertgegenstände und Geld bei der Gendarmerie "abzugeben" hätten. Spätere Beobachter stellten fest, dass die Vorgangsweise der deutschen Nationalsozialisten gegen jüdische Bürger 1:1 von den jungtürkischen Maßnahmen "abgekupfert" war. Möglicherweise hing dies damit zusammen, dass deutsche Offiziere im Ersten Weltkrieg bei den osmanischen "Verbündeten" Dienst taten und damals "Erfahrungen" sammelten. Von türkischer Seite wurde während des Ersten Weltkriegs immer wieder behauptet, man habe sich zu den anti-armenischen Maßnahmen nur auf deutschen und österreichisch-ungarischen Druck entschlossen.

Dem deutschen Konsul in Trapezunt, Bergfeld, gelang es am 26. Juni 1915 zunächst, beim Vali eine Ausnahmeregelung für armenische Kranke, Schwangere, Katholiken und Angehörige von Soldaten des kaiserlich-osmanischen Heeres zu erhalten. Aber schon zwei Tage später wurde diese Ausnahmeregelung nach einem Telephonat aus dem Innenministerium in Konstantinopel wieder aufgehoben. Die Interventionen der damals noch nicht im Kriegszustand mit dem Osmanischen Reich befindlichen Mächte - Italien und die Vereinigten Staaten - blieben ebenso erfolglos.

Während des militärischen Hin und Her unterschiedlicher Gruppierungen um Trapezunt ereigneten sich in den Jahren 1916 bis 1923 furchtbare Greueltaten in der einstigen Kaiserstadt. 1923/1924 mussten auf Grund des sogenannten Lausanner Vertrages alle christlichen griechischsprechenden Bewohner die Hafenstadt verlassen.

Die verbliebenen Muslime - auch die griechischsprechenden unter ihnen - entwickelten in den folgenden Jahrzehnten einen extremen türkischen Nationalismus, um die Zweifel an ihrer türkischen Herkunft zu überwinden. Seit der "Wende" ist Trapezunt aber ein Zielpunkt der Arbeitsimmigranten aus Georgien, der Ukraine und Südrussland. Die "Rückkehr der Christen" versetzt die örtlichen Honoratioren in helle Bedrängnis. Von den Vorfahren weiss man genau Bescheid, was an Stelle des "Forum Trabzon" einst stand; umso größer ist die Aufregung. (ende).
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