- 29.07.2008, 09:16:55
- /
- OTS0027 OTW0027
Trapezunt: Die verdrängte Vergangenheit schlägt zu
Der angeblich "kreuzförmige" Turm eines Einkaufszentrums löst Probleme aus - Aber der Turm steht dort, wo bis 1915 die armenisch-apostolische Erlöserkathedrale die Besucher von See begrüßte
Ankara, 298.7.08 (KAP) Die verdrängte Vergangenheit schlägt zu: In
der pontischen Hafenstadt Trabzon (Trapezunt) gibt es Aufregung, weil
ein Einkaufszentrum am Hafen einen "kreuzförmigen" Turm hat. Das
Einkaufszentrum "Forum Trabzon" mit dem Leuchtturm mit zwei Balkonen
befindet sich just an der Stelle, an der bis in die zwanziger Jahre
die armenisch-apostolische Erlöserkathedrale stand. Die im 19.
Jahrhundert - mit Spenden des Sultans - erbaute imposante Kathedrale
am Hafen hatte bis 1915 die Passagiere jedes Dampfers begrüßt, der
aus Konstantinopel in Trapezunt eintraf.
An der Eröffnung des "Forum Trabzon" hatte Ministerpräsident Recep T.
Erdogan teilgenommen, der selbst aus einer lazischen
(georgisch-islamischen) Familie stammt. Der Architekt, Levent
Eyoböglu, bezeichnete die Aufregung als "Missverständnis". Der
Chefredakteur der einflussreichen lokalen Tageszeitung "Karadeniz"
(Schwarzes Meer), Erhan Esaspehlivan, meinte, die "glaubenstreue"
Bevölkerung von Trapezunt könne von jeder "Beleidigung" ihrer
Religion nicht betroffen werden: "Wenn man im Zentrum der Stadt aber
ein Kreuz aufrichtet, kann man nicht davon absehen". Ein Kommentator
der selben Zeitung, Gürsel Colakoglu, bezeichnete die Reaktionen als
übertrieben, obwohl es um eine besonders "sensible" Stadt gehe.
Die "Sensibilität" trifft den Nagel auf den Kopf. In Trabzon wurde im
Jahr 2006 der katholische Priester Andrea Santoro ermordet, auch der
Mörder des armenischen Journalisten Hrant Dink im Jahr 2007 kam aus
der Schwarzmeerstadt. Bei den beiden jugendlichen Tätern war schon
aus den Familiennamen erkenntlich, dass sie keine "echten Türken"
sind.
Genau an diesem Punkt zeigt sich das Problem der "Sensibilität" in
Trabzon. Auch heute wird die Stadt - einst das Zentrum des
Kaiserreichs Trapezunt - von Menschen bewohnt, deren Vorfahren vor
geraumer Zeit zum Islam übergegangen sind. An jedem Punkt der Stadt
stößt man auf die christliche Vergangenheit: In der Hagia Sophia, die
heute ein Museum ist, obwohl sie 1511 zur Moschee umgewandelt wurde,
in der Kirche der "goldgekrönten Muttergottes" (die heute die
"Ortahisar camii" ist), in den ebenfalls zu Moscheen umgewandelten
Kirchen St. Anna, St. Andreas und St. Eugenios.
Ein beträchtlicher Teil der Stadtbevölkerung wechselte bis zum Ende
des 18. Jahrhunderts zum Islam über - behielt aber trotzdem das
klassische Griechisch des Pontus als Umgangssprache bei, schrieb es
aber mit arabischen Buchstaben. Trotzdem waren 1914 weit mehr als 50
Prozent der Bevölkerung von Trapezunt Christen, Griechen und
Armenier. Obwohl die Armenier jahrhundertelang als "millet-i-sadiqa"
(die treueste Nation des Sultans) galten, richtete sich die
Verfolgung des fanatisch nationalistischen jungtürkischen "Komitees
für Einheit und Fortschritt" (Ittihad ve Terakki) vor allem gegen
sie.
Wie überall im Osmanischen Reich wurden auch in Trapezunt die aus
Konstantinopel durch chiffrierte Telegramme an die Valis
(Gouverneure) angeordneten Maßnahmen des "tehcir" (der
"Delokalisierung") im Jahr 1915 zunächst gegen die armenischen
Christen angewendet. In Trapezunt waren 30.000 Personen armenischer
Herkunft von diesen "Maßnahmen" betroffen, vor allem die Männer
wurden gleich in den ersten Tagen ermordet. Bereits am 24. Juni 1915
waren alle armenischen Politiker der Stadt - unter ihnen auch
Abgeordnete und Senatoren des Osmanischen Reiches - verhaftet worden;
schon am 26. Juni erfolgte der Deportationsbefehl, wobei angeordnet
wurde, dass alle Betroffenen Wertgegenstände und Geld bei der
Gendarmerie "abzugeben" hätten. Spätere Beobachter stellten fest,
dass die Vorgangsweise der deutschen Nationalsozialisten gegen
jüdische Bürger 1:1 von den jungtürkischen Maßnahmen "abgekupfert"
war. Möglicherweise hing dies damit zusammen, dass deutsche Offiziere
im Ersten Weltkrieg bei den osmanischen "Verbündeten" Dienst taten
und damals "Erfahrungen" sammelten. Von türkischer Seite wurde
während des Ersten Weltkriegs immer wieder behauptet, man habe sich
zu den anti-armenischen Maßnahmen nur auf deutschen und
österreichisch-ungarischen Druck entschlossen.
Dem deutschen Konsul in Trapezunt, Bergfeld, gelang es am 26. Juni
1915 zunächst, beim Vali eine Ausnahmeregelung für armenische Kranke,
Schwangere, Katholiken und Angehörige von Soldaten des
kaiserlich-osmanischen Heeres zu erhalten. Aber schon zwei Tage
später wurde diese Ausnahmeregelung nach einem Telephonat aus dem
Innenministerium in Konstantinopel wieder aufgehoben. Die
Interventionen der damals noch nicht im Kriegszustand mit dem
Osmanischen Reich befindlichen Mächte - Italien und die Vereinigten
Staaten - blieben ebenso erfolglos.
Während des militärischen Hin und Her unterschiedlicher Gruppierungen
um Trapezunt ereigneten sich in den Jahren 1916 bis 1923 furchtbare
Greueltaten in der einstigen Kaiserstadt. 1923/1924 mussten auf Grund
des sogenannten Lausanner Vertrages alle christlichen
griechischsprechenden Bewohner die Hafenstadt verlassen.
Die verbliebenen Muslime - auch die griechischsprechenden unter ihnen
- entwickelten in den folgenden Jahrzehnten einen extremen türkischen
Nationalismus, um die Zweifel an ihrer türkischen Herkunft zu
überwinden. Seit der "Wende" ist Trapezunt aber ein Zielpunkt der
Arbeitsimmigranten aus Georgien, der Ukraine und Südrussland. Die
"Rückkehr der Christen" versetzt die örtlichen Honoratioren in helle
Bedrängnis. Von den Vorfahren weiss man genau Bescheid, was an Stelle
des "Forum Trabzon" einst stand; umso größer ist die Aufregung.
(ende).
K200806822
nnnn
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | KAT






