- 02.07.2008, 16:50:46
- /
- OTS0267 OTW0267
WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Bawag-Urteile - Welche Rolle spielt die Moral?
Wo wären die Herren heute, wenn der Skandal nicht aufgeflogen wäre?
Wien (OTS) - Morgen wird das Urteil im Bawag-Prozess gefällt. Es
war ein Prozess der Superlative. So wurden nicht weniger als 104
Zeugen einvernommen. Und nachdem zunächst das Urteil für Ende Oktober
erwartet worden war, zog sich die Sache schließlich ein Jahr lang
hin. Superlativ ist aber auch die Causa selbst. Immerhin ist der
Bawag-Skandal die größte Finanzaffäre der Zweiten Republik.
Ex-Bawag-General Helmut Elsner, der Investmentbanker Wolfgang Flöttl,
Elsners ehemalige Vorstandskollegen, der Ex-Aufsichtsratschef und ein
Bankprüfer stehen wegen des Verdachts der Untreue vor Gericht. Elsner
wird zusätzlich Betrug angelastet.
Zur Erinnerung: 1,44 Milliarden Euro Bawag-Kundengelder wurden
verzockt, wobei das Desaster mit viel Energie verschleiert wurde. Der
Skandal kostete den Bawag-Eigentümer ÖGB beinahe die Existenz.
ÖGB-Chef Fritz Verzetnitsch musste seinen Hut nehmen (was er bis
heute nicht verstehen will) und die SPÖ schlitterte in eine Krise,
gewann die Wahlen aber trotzdem.
Wenn Richterin Claudia Bandion-Ortner, die den Prozess übrigens
souverän führte, die Urteile verkündet, geht es um viel. Denn der
öffentliche Druck ist enorm. Angeheizt durch die Boulevard-Medien
durchflutete das Land schon vor Prozessbeginn eine
Art "Hängt-sie-höher-Stimmung". Und ein in Südfrankreich
golfspielender Elsner trug dabei auch nicht wirklich zur
Ent-Emotionalisierung bei. Freilich: Vor Gericht zählen die reinen
Fakten und nicht des Volkes Meinung.
Interessant wird aber sein, inwieweit das Gericht den
moralisch-ethischen Aspekt in die Urteile einfließen lässt. Nicht
umsonst stellte Staatsanwalt Georg Krakow in seinem Schlussplädoyer
diesen Aspekt in den Raum. "Wie geht man mit Bankvorständen um, die
so etwas anstellen?" Tatsächlich haben Elsner und seine Mitwisser und
Mitläufer offensichtlich verdrängt, dass es das Geld anderer Leute
war, mit dem sie ihre Casino-Spiele trieben. Krakow sprach zu Recht
von einer Art "Bankhaus Elsner".
Ob die Angeklagten das auch so sehen, darf hinterfragt werden. In
ihren Schlussplädoyers erklärten sie, immer nur das Wohl der Bank im
Auge gehabt zu haben. Die Frage ist nur: Wo wären die Herren
heute, wenn der Skandal nicht aufgeflogen wäre? Schließlich kam die
Causa nur ins Rollen, weil ein Bawag-Kunde - der US-Broker Refco - in
die Pleite schlitterte. Eine Frage also, die sich das Gericht in
seinen Beratungen vielleicht auch gestellt hat. Wenn ja, dann spielen
im Urteil nicht nur die Zahlen eine Rolle.
Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/300
http://www.wirtschaftsblatt.at
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWB






