- 03.06.2008, 16:05:00
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"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: "Der talentierte Kanzler und seine Feinde"
Gusenbauer sollte mit einem Sonderparteitag die Flucht nach vorne antreten.
Wien (OTS) - Alfred Gusenbauer hat zur Zeit so wenig Chance wie
österreichische Fußballer bei der Euro 08. Jeder erwartet einen
weiteren Beweis des Versagens. Das soll jetzt kein Plädoyer für
einen unklugen Bundeskanzler und SP-Chef sein, aber wieder einmal
eines an den Sinn für Gerechtigkeit.
Ein Blick zurück zeigt nämlich, dass es sich beim momentanen
Gusenbauer-Hauen nicht nur um eine sich selbst erfüllende
Prophezeihung handelt, sondern vor allem um den Rechtfertigungs-Furor
aller, die es immer schon gewusst haben: Der Mann kann das nicht.
Im Winter 2005/06 hieß es SP-intern, ein Sieg im Herbst sei
sicher,"auch mit einem Affen an der Parteispitze", was natürlich als
Desavouierung Gusenbauers gedacht war. Das war vor dem
Bawag-Desaster. Danach erwartete niemand mehr einen SP-Bundeskanzler.
Der hohen Preis der gebrochenen Wahlversprechen, den Gusenbauer
für die Rückeroberung des Bundeskanzleramtes zu zahlen bereit war,
war die Bestätigung der eigenen vorgefassten Meinung. Die eigenen
Funktionäre und Sympathisanten wussten um sein Unvermögen, die ÖVP
sowieso, und die meisten Medien auch.
Die ÖVP versucht seit 17 Monaten Gusenbauer permanentes Versagen
nachzuweisen. Sie hat dabei Glück. Nicht nur, weil der Bundeskanzler
selbst keinen Fettnapf auslässt, sondern weil SP-Funktionäre und
Sympathisanten der ÖVP in jedes offene Messer rennen, das diese -
taktisch viel versierter -in Beschlüssen versteckt.
Es ist ein jämmerliches Schauspiel. Ausgerechnet Alt-Kanzler Franz
Vranitzky, den das Auswahlverschulden für Viktor Klima und somit
Verantwortung für die weitere Entwicklung in der SPÖ trifft, fühlt
sich jetzt zur Verurteilung Gusenbauers berufen. Und keiner in der
SPÖ weist ihn zurecht. Ausgerechnet Wiens Bürgermeister Michael
Häupl, den das Auswahlverschulden an Gusenbauer 2000 trifft, hüllt
sich in beredtes Schweigen. Wenn Häupl jetzt Gusenbauer für die
schlechten SP-Umfragen in Wien verantwortlich macht, ist das eine
reine Schutzbehauptung.
Niemand in der SPÖ will Verantwortung für jene Entscheidungen
(inklusive Regierungsübereinkommen) übernehmen, die zur jetzigen
Situation geführt haben. Das ist zwar zutiefst Österreichisch, aber
so mies wie das unwürdige Gusenbauer-Stechen jetzt.
Wäre Gusenbauer nicht nur intelligent, sondern auch klug, würde
er jetzt sofort auf einem Sonderparteitag im Juli, spätestens aber
im September, bestehen, um sich dort der Wahl zu stellen - auch
einer Kampfwahl. Er sollte es wissen wollen. In jedem Fall
braucht die SPÖ dann die ohnehin unvermeidliche Neuwahl nicht
scheuen, denn so glorreich ist die ÖVP auch nicht aufgestellt wie
die interne Revolte gegen Gesundheits- und Pensionspaket zeigt.
Lässt Gusenbauer die Situation in Partei und Regierung aber weiter
so treiben wie bisher, werden nicht nur die Fußballer bei der EM,
sondern alle österreichischen Wähler zu den Verlierern zählen.
Rückfragehinweis:
KURIER
Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649
[email protected]
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