• 23.05.2008, 10:29:18
  • /
  • OTS0070 OTW0070

WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Ost-Gehälter: It’s the inflation, stupid!von Michael Laczynski

Die Arbeitsmärkte in Osteuropa sind so gut wie leergefegt

Wien (OTS) - Um den explosiven Anstieg der Gehälter in den neuen
EU-Ländern zu erklären, der heute auf Seite 10 beschrieben wird, muss
man etwas weiter ausholen und den Blick auf die Inflationsberechnung
richten. Die Wurzel allen Übels, mit dem viele österreichische
Unternehmer in der Region dieser Tage konfrontiert sind, liegt
nämlich im Warenkorb.

Zunächst ein kleiner Exkurs: Nachdem die Konsumgewohnheiten von Land
zu Land variieren, ist die Ermittlung der Teuerungsrate Maßarbeit.
Von dem regional unterschiedlichen Kaufverhalten hängt die
Zusammensetzung des Warenkorbs ab, der zur Berechnung der Inflation
herangezogen wird. Grundsätzlich gilt die Faustregel: Je niedriger
das Einkommensniveau, desto höher der Anteil von Produkten zur
Befriedigung der Grundbedürfnisse am Warenkorb. Ein Chinese muss
schließlich einen höheren Anteil seines Einkommens für Essen ausgeben
als ein Europäer. Die Folge: Verteuern sich die
Lebensmittel, steigt die Inflation in Entwicklungsländern stärker als
in den entwickelten Industrienationen. So weit, so klar.

Genau dieses Phänomen lässt sich seit einiger Zeit in Zentral- und
Osteuropa beobachten. Auch dort wirken die Preissteigerungen bei
Lebensmitteln und Energie vergleichsweise stärker als hierzulande.
Das heizt in Folge die Lohn-Preis-Spirale an, denn die Arbeitnehmer
wollen für einen etwaigen Verlust ihrer Kaufkraft entschädigt werden.

Die Tatsache, dass Gehaltsverhandlungen im Osten immer öfter mit
zweistelligen Zuwächsen enden, hängt wiederum mit der schlechten
Verhandlungsposition der Arbeitgeber zusammen. Die Arbeitsmärkte in
den neuen EU-Ländern sind nämlich so gut wie leergefegt. Vor allem in
Polen ist die Lage akut. Wer dieser Tage nach polnischen Bauarbeitern
sucht, ist eigentlich nur zu bemitleiden: Ein Großteil ist auf
Londons Baustellen zu finden, und die Zurückgebliebenen verlangen
horrendes Geld. Kein Wunder also, dass bis Jahresende ein Anstieg der
polnischen Durchschnittsgehälter auf 1000 Euro prognostiziert wird.

Hierin liegt aber ein Ausweg aus dem Dilemma: Je höher die Gehälter,
desto niedriger die preistreibende Wirkung der Lebensmittel auf die
Gesamtteuerungsrate - und desto bescheidener die Gehaltsforderungen.
Das Problem erledigt sich (zumindest teilweise) von selbst. Um mit
Bill Clinton zu sprechen: It’s the inflation, stupid!

Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/300
http://www.wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | WBV

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel