WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Ost-Gehälter: It’s the inflation, stupid!von Michael Laczynski

Die Arbeitsmärkte in Osteuropa sind so gut wie leergefegt

Wien (OTS) - Um den explosiven Anstieg der Gehälter in den neuen EU-Ländern zu erklären, der heute auf Seite 10 beschrieben wird, muss man etwas weiter ausholen und den Blick auf die Inflationsberechnung richten. Die Wurzel allen Übels, mit dem viele österreichische Unternehmer in der Region dieser Tage konfrontiert sind, liegt nämlich im Warenkorb.

Zunächst ein kleiner Exkurs: Nachdem die Konsumgewohnheiten von Land zu Land variieren, ist die Ermittlung der Teuerungsrate Maßarbeit. Von dem regional unterschiedlichen Kaufverhalten hängt die Zusammensetzung des Warenkorbs ab, der zur Berechnung der Inflation herangezogen wird. Grundsätzlich gilt die Faustregel: Je niedriger das Einkommensniveau, desto höher der Anteil von Produkten zur Befriedigung der Grundbedürfnisse am Warenkorb. Ein Chinese muss schließlich einen höheren Anteil seines Einkommens für Essen ausgeben als ein Europäer. Die Folge: Verteuern sich die
Lebensmittel, steigt die Inflation in Entwicklungsländern stärker als in den entwickelten Industrienationen. So weit, so klar.

Genau dieses Phänomen lässt sich seit einiger Zeit in Zentral- und Osteuropa beobachten. Auch dort wirken die Preissteigerungen bei Lebensmitteln und Energie vergleichsweise stärker als hierzulande. Das heizt in Folge die Lohn-Preis-Spirale an, denn die Arbeitnehmer wollen für einen etwaigen Verlust ihrer Kaufkraft entschädigt werden.

Die Tatsache, dass Gehaltsverhandlungen im Osten immer öfter mit zweistelligen Zuwächsen enden, hängt wiederum mit der schlechten Verhandlungsposition der Arbeitgeber zusammen. Die Arbeitsmärkte in den neuen EU-Ländern sind nämlich so gut wie leergefegt. Vor allem in Polen ist die Lage akut. Wer dieser Tage nach polnischen Bauarbeitern sucht, ist eigentlich nur zu bemitleiden: Ein Großteil ist auf Londons Baustellen zu finden, und die Zurückgebliebenen verlangen horrendes Geld. Kein Wunder also, dass bis Jahresende ein Anstieg der polnischen Durchschnittsgehälter auf 1000 Euro prognostiziert wird.

Hierin liegt aber ein Ausweg aus dem Dilemma: Je höher die Gehälter, desto niedriger die preistreibende Wirkung der Lebensmittel auf die Gesamtteuerungsrate - und desto bescheidener die Gehaltsforderungen. Das Problem erledigt sich (zumindest teilweise) von selbst. Um mit Bill Clinton zu sprechen: It’s the inflation, stupid!

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