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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Obama muss sich mehr als schöne Worte einfallen lassen" (Von John Dyer)
Ausgabe vom 23.05.2005
Graz (OTS) - John McCain ist nervös. Der Republikaner ist 71 Jahre
alt. Und wie es aussieht, wird er gegen den 25 Jahre jüngeren
Demokraten Barack Obama in die Schlacht ums Weiße Haus ziehen. Er
wird kämpfen müssen gegen den Mann, der die dynamischste und
charismatischste Wahlkampagne führt, die die US-Politik seit Bill
Clintons Wahlkampf 1992 erlebt hat. Obama hat seine demokratische
Konkurrentin im Vorwahlkampf so gut wie ausgestochen. Doch auch der
Senator aus Illinois hat allen Grund, nervös zu sein. John McCain ist
nicht Hillary Clinton.
McCain ist ein politisches Schlachtross. Er kennt Rezepte, die schon
häufig funktioniert haben. Auch in Krisenzeiten. McCain war in
Vietnam. Dieses größte Fiasko der US-Außenpolitik seit der
Staatsgründung hat ihn geprägt, als Obama noch ein Kind war. Fünf
Jahre als Kriegsgefangener in Hanoi, das wäre für viele Grund genug
gewesen, sich endgültig vom Militär zu verabschieden. Nicht so
McCain. Kaum aus der Gefangenschaft entlassen, schrieb er sich bei
der US-Marine als Pilot ein und steuerte Kampfflugzeuge. Anfang der
80er-Jahre trieb McCain das Gefühl um, Amerika werde von seinen
Kritikern geschwächt. Er war überzeugt, jemand müsse die Dinge wieder
in Ordnung bringen. Er verließ die Marine, kandidierte für den
Kongress und gewann ein Mandat.
Auch heute gibt es in Amerika einiges in Ordnung zu bringen. Das Land
erlebt mit der aktuellen Finanz- und Kreditkrise eine der größeren
Krisen der jüngsten Vergangenheit. Heute will McCain ins Weiße Haus,
um sie zu lösen.
Seine Rezepte sind die, welche Konservative in schlechten Zeiten
regelmäßig aus der Schublade holen. Aus seiner Sicht bewährte
Rezepte: Im Inland wird McCain Steuersenkungen für die Wirtschaft
vorschlagen. Im Ausland wird er auf Schauplätzen wie dem Irak auf
Erfolge drängen. McCain setzt auf Bewährtes. Aber er bietet seinen
potenziellen Wählern ein Stück Nostalgie: die Vision eines starken
Amerika.
Für Obama dagegen ist die derzeitige Finanzkrise die erste, die er
als Politiker erlebt. Der Irak-Krieg ist sein erster Krieg. Obama
steht nicht für Erfahrung. Er steht für ein neues Amerika nach acht
Jahren Bush. Wenn er die Wähler überzeugt, könnte er am Ende Amerikas
erster schwarzer Präsident werden. Doch bislang ist Obamas Vision
wenig konkret: Allein mit der Parole "Wandel" wird er den Einzug ins
Weiße Haus nicht schaffen.
Gerade einem McCain, der sehr genau weiß, wie "sein" Amerika
aussieht, muss Obama konkrete Visionen entgegensetzen.****
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