• 05.05.2008, 12:17:25
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Kritzinger: Gewalt und Rassismus keine Phänomene der Vergangenheit Wortlaut der Rede bei der Gedenkveranstaltung

Wien (PK) - Wir bringen im Folgenden die Ansprache von
Bundesratspräsident Helmuth Kritzinger bei der Gedenkveranstaltung
gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des
Nationalsozialismus am 5. Mai im Parlament im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Im Jahr 1997 haben Nationalrat und Bundesrat Entschließungen
angenommen, die den 5. Mai, den Tag der Befreiung des
Konzentrationslagers Mauthausen, zum "Gedenktag gegen Gewalt und
Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus" erklären.
Seit über zehn Jahren ist es eine gute Tradition geworden, dass
Nationalrat und Bundesrat gemeinsam am 5. Mai eine Gedenksitzung
abhalten.

Gewalt und Rassismus - das sind nicht Phänomene der Vergangenheit.
Wir begegnen ihnen täglich in den Medien, sie fordern uns täglich
heraus. Der heutige Gedenktag soll uns bestärken, mit gemeinsamer
Kraft gegen Gewalt und Rassismus anzutreten, und der stummen Gewalt
die Kraft des Wortes und der Argumente entgegenzuhalten. Wir wollen
dass mit Blick auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft tun. Das ist
für mich auch eine Frage der Gerechtigkeit unter den Menschen und
zwischen den Generationen: sie fordert, dass wir der Geschehnisse von
damals gedenken, dass wir jenen beistehen, die damit auch heute noch
leben müssen, und dass wir gerade in der Begegnung mit Kindern und
Jugendlichen Vorsorge für die Zukunft treffen - auf dass das Andenken
bewahrt, aus den Erfahrungen gelernt und Gewalt und Rassismus
bekämpft werden. Wir dürfen dabei nicht ruhen, und ich spreche meine
Hoffnung aus, dass auch nach uns die Menschen in den Dörfern und
Städten in ihrem Denken und Handeln unsere Erfahrungen
weiterentwickeln und weitertragen.

"War nie Kind" - dieser bedrückende Ausspruch, der uns in vielen
Lebenszeugnissen und Berichten von Menschen entgegentritt, die schon
in ihrer Kindheit Verfolgung, Verlust und Gewalt erfahren mussten,
dieser Ausspruch steht über dem Gedenktag 2008. Wir wollen heute der
Gnadenlosigkeit der Nazis im Umgang mit jüdischen Kindern, in der
Verfolgung von kranken und behinderten Kindern, von Kindern, deren
Leben nicht als wert erachtet wurde, gelebt zu werden, und der
gesellschaftlichen Ächtung und der großen Angst der Kinder, deren
Eltern oder Geschwister Widerstand gegen das Regime geleistet haben,
gedenken. Wir wollen auch darüber nachdenken, was es - auch heute! -
heißt, in einer Zeit des Krieges aufzuwachsen, unter andauernden
Druck auf Anpassung, aber auch unter dem Lockruf der Verführungen
eines skrupellosen Regimes.

Es ist mir daher eine große Ehre, allen voran die Frauen und Männer
willkommen zu heißen, die in ihrer Kindheit Verfolgung und Gewalt,
Demütigung, Ächtung und Vertreibung erfahren haben. Wenn Sie heute in
unserer Mitte sind, so soll das Ihnen die Anerkennung von Nationalrat
und Bundesrat zum Ausdruck bringen - die Anerkennung dessen, was Sie
erlebt und erlitten haben, aber auch die Anerkennung dafür, dass
viele von Ihnen in Schulen, Vorträgen und Texten Zeugnis für das
geben, was geschehen ist.

Im Rahmen dieser Sitzung werden wir Auszüge aus Lebensgeschichten von
Menschen hören, wo sich das, was berichtet wird, kaum fassen lässt.
Auf diese Lebenszeugnisse folgt ein Text von Ilse Aichinger, der
Beispiel dafür ist, wie literarische und künstlerische
Auseinandersetzung versucht, oft schier unbegreifliche Erfahrungen zu
vermitteln. Ich begrüße dazu Hilde Sochor, Katharina Stemberger,
Jakob Seeböck und Peter Wolsdorff, die diese Texte vortragen werden.
Ich begrüße ebenso Sandra Kreisler, die durch das Programm dieser
Gedenksitzung führen wird.

Auch die Musik kann ein Versuch sein, Eindrücke darüber, was
geschehen ist, aufzugreifen und zu vermitteln, und wir werden Stücke
von Ernst Krenek, Hans Gál und Walter Arlen hören, die von der
Jugendkapelle der Werkskapelle Laufen aufgeführt werden. Es ist eine
besondere Ehre, dass Walter Arlen heute auch unter uns ist, und ich
begrüße ihn mit großer Hochachtung.

Die Gedenktage im Parlament sind dadurch gekennzeichnet, dass sie
auch Möglichkeiten für Gedenken heute eröffnen wollen. Dazu zählen
nicht nur Literatur und Musik, dazu zählt auch die bildende Kunst.
Der heutige Gedenktag wird daher mit einer Projektion von Namen von
in Auschwitz ermordeten Kindern beginnen, die Zachary Lieberman
gestaltet hat. Es sind die Namen von Kindern, an die sich kaum jemand
heute mehr erinnert - weil ihre Geschwister, weil ihre Eltern, weil
alle Freunde und Verwandten umgekommen sind. Wir wollen diese Namen
aufmerksam lesen, und an das Schicksal dieser Kinder denken, auch
wenn wir sie nicht gekannt haben.

(Schluss Rede Kritzinger, Forts. Rede Prammer)

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