- 02.05.2008, 16:10:00
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"KURIER"-Kommentar von Christoph Kotanko: "Josef F., das Volk und sein Charakter"
Das "Inzest-Monster" als typisch österreichischer Fall? Die Beobachter irren.
Wien (OTS) - Peter Zoller ist gebildet, erfolgreich, weltgewandt.
Vergangene Woche wurde der 55-jährige Innsbrucker Physiker in die
US-National Academy of Sciences aufgenommen. Das ist die höchste
amerikanische Auszeichnung für Wissenschafter.
Josef F. ist grausam, autoritär, verlogen, verschlagen. Vergangene Woche wurde der 73-jährige pensionierte Elektrotechniker in U-Haft genommen. Der mutmaßliche Schwerverbrecher sei eine typisch österreichische Erscheinung, hieß
es in vielen Ferndiagnosen, "nur dort (in Österreich) verbinden
sich Perversionen mit Walzer und Jodler" (La Stampa, Turin).
Beide, Professor Zoller und F., sind Österreicher. Wer würde aus
ihrem jeweiligen Leben und Tun auf einen gemeinsamen
"Volkscharakter" schließen? Gibt es überhaupt eine kollektive
Identität?
Als typischer Engländer gilt im weltweiten Klischee der Gentleman
mit Offizierspatent und Oxford-Diplom. Wie unsinnig diese
Darstellung ist, weiß jeder, der einmal eine Horde besoffener
britischer Urlauber erlebt hat.
"Die Belgier", "die Schweden", "die Ungarn" - damit werden
verbindliche Charakterisierungen gemacht, die in dieser Form falsch
sind. Was die völkischen Beobachter als die Merkmale eines
Nationalcharakters beschreiben, sind bloß Bilder, oft
Feindbilder, und Stereotype. Gewohnheitsmäßig wird "den
Österreichern" z. B. "mangelndes Geschichtsbewusstsein"
unterstellt. Dabei wird die Tatsache verdrängt, dass sich in den
vergangenen zwanzig Jahren sehr viel gebessert hat; Waldheim war
ein Aufklärer wider Willen. - Stereotyp kommt in Kommentaren auch
der Hinweis auf das "erzkatholische" Österreich, das der
Nährboden für "solche Bestien" sei. Die Behauptung wird durch
Wiederholung nicht richtig. Wahr ist vielmehr, dass der Einfluss der
Kirche seit Jahrzehnten schrumpft; was sie will oder nicht will, ist
- wie jede Studie zeigt - der großen Mehrheit der Österreicher
total egal.
Der Fall Josef F. besagt nichts über Österreich, nichts über
Amstetten. Ein derartiges Verbrechen kann es genau so in Dijon
oder in Brescia, in Uppsala oder in Augsburg oder sonstwo
geben.
Die einzige vernünftige Verallgemeinerung lautet: Wir alle
müssen bereit sein, Verantwortung zu übernehmen, müssen hinschauen
statt wegschauen, uns engagieren statt distanzieren.
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