- 29.04.2008, 16:05:00
- /
- OTS0314 OTW0314
"KURIER"- Kommentar von Anneliese Rohrer: "Eine neue Runde im Austria-Bashing"
Nach größtem Kriminalfall Zweifel an Österreichs Selbstgefälligkeit.
Wien (OTS) - Die ganze Welt kennt seit dem vergangenen Sonntag
Amstetten. Jedes Detail der Vorgänge im sogenannten Horror-Haus
findet sich in allen internationalen Medien wieder. Der Bürgermeister
sieht keinen Imageschaden für die Stadt. - Nun denn.
Die großen internationalen Medienanstalten schickten wieder ihre
Reporter nach Wien oder Amstetten. Das letzte Mal zog Österreich eine
derart geballte internationale Aufmerksamkeit vor der Bildung der
schwarz-blauen Koalition im Jahr 2000 auf sich. Damals hätte man nach
der Zahl der Satellitenwägen und Kamerateams am Ballhausplatz glauben
können, es ginge um Krieg und nicht nur um eine neue Regierung.
Jetzt geht es in der Fremdsicht in Österreich längst nicht mehr
um Inzest, Leid, Gefangenschaft und ein unglaubliches Verbrechen,
sondern um die Frage: Was ist mit dieser österreichischen
Gesellschaft los?
Diese Frage tauchte in den letzten Tagen in sagenhaften
Formulierungen auf. In Polen in der liberalen Zeitung Dziennik:
"Warum werden in Österreich solche Bestien geboren?"
Andere blicken auf ein "desolates Bergland", wieder andere auf
ein erzkatholisches Land, in dem Worte wie "Zivilgesellschaft und
Eigenverantwortung noch immer fremd sind" (Zürcher Tages-Anzeiger),
wieder andere auf ein Land, wo sich "hinter scheinbarer Perfektion
Gespenster, Neurosen und Wahnsinn" verstecken (Turiner La Stampa).
Selbsteinschätzung Niemanden scheint nach Natascha Kampusch die
Tatsache zu interessieren, dass es ähnliche - wenn auch nicht so
schlimme - Fälle von Inzest und Gefangenschaft in Deutschland,
Ungarn, Südafrika gegeben hat. Von den Pädophilen-Fällen in
Frankreich und Belgien ganz zu schweigen.
Fast hat man den Eindruck, als handle es sich um eine gute
Gelegenheit für eine neue Runde von Austria-Bashing.
La Stampa übt sich in Objektivität und liefert gleichzeitig die
Antwort auf die Frage, warum mit solcher Verve alles Negative prompt
auf das ganze Land umgelegt wird: Serienmörder und Perverse seien
natürlich nicht spezifisch österreichisch, schreibt die Zeitung,
"doch nur dort verbinden sie sich mit Walzer, Jodeln und
Kuckucksuhr". Zwischen der Eigeneinschätzung der Österreicher und der
Fremdeinschätzung tut sich eine Kluft auf, aus der schrille Urteile
über das Land schallen.
Österreich sieht sich als "Insel der Seligen", die eigentlich alle
ob seiner Harmlosigkeit, Mozart und den Kugeln, Walzerseligkeit und
"Sound of Music" schätzen und lieben sollten. Und es ist
schnell bereit, sich als Opfer falscher Fremdsicht zu sehen, eben
weil es klein und harmlos sei. Dieser Reflex droht jetzt wieder.
Sigmund Freud, die Habsburger, vielleicht sogar Kurt Waldheim oder
die Nazi-Vergangenheit jetzt als Zeugen gegen Österreich aufzurufen,
ist Unsinn. Genau so unsinnig wäre es aber, vor einem neuen
Imageschaden die Augen zu verschließen. Obwohl er mit dem konkreten
Fall nichts zu tun hat.
Rückfragehinweis:
KURIER
Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649
[email protected]
www.kurier.at
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKU






