DER STANDARD-Kommentar: "Selbstkritik dringend notwendig" von Petra Stuiber

"Der Amstettener Kriminalfall scheint gelöst - die wichtigsten Fragen bleiben aber offen"; Ausgabe vom 29. April 2008

Wien (OTS) - Wer kennt solche Situationen nicht aus eigener Erfahrung: Zwei Minuten nach 22 Uhr steht die Polizei vor der Tür, weil die lieben Nachbarn wegen "Lärmbelästigung" angerufen haben, obwohl nur zwei Menschen am Balkon saßen und flüsterten. Oder die Oma bittet verschämt, beim nächsten Besuch lieber nicht mehr "oben ohne" hinter der Hecke in der Sonne zu liegen, weil sie sonst bei den Nachbarn eine "blöde Nachred’" hat.
Kaum jemand, der nicht schon einmal den Eindruck hatte, dass so mancher Nachbar immer dann wachsam ist, wenn es um die Wahrung scheinbarer "Ruhe und Ordnung" geht. Umso schockierender und empörender erscheint es dann, wenn, wie im Amstettener Missbrauchsfall, die Nachbarn gar nichts gesehen haben - im Nachhinein aber "eh immer schon was komisch" gefunden haben wollen, wenn TV-Kameras laufen.
Der Ruf nach einer wachsamen Gesellschaft, die aufeinander "aufpasst", ist eine heikle Sache. Jeder will, dass Gewalt in der Familie gestoppt, verhindert, unterbunden wird. Aber niemand will den Blockwart, der mit Stasi-Methoden ins "Leben der anderen" parasitär eindringt. Das Amstettener Verbrechen sollte ein Anstoß dafür sein, dass sich die Zivilgesellschaft fragt, wie viel Zivilcourage sie haben soll und will. Doch das ist ein Nebenaspekt in der gesamten Causa - und zeigt auch ein wenig das Unvermögen zu begreifen angesichts der Monstrosität dieses Kriminalfalles. Die Nachbarn sind nicht "schuld" am Martyrium der 42-Jährigen und ihrer Kinder. Das sind andere, und der Rechtsstaat wird sie in die Verantwortung nehmen.
Die wichtigste Frage, die sich nun stellt, ist eine andere: Wie kann ein derartiger Fall in Zukunft verhindert werden? Dazu ist es vor allem notwendig, dass sich die Behörden einer systematischen Selbstkritik unterziehen: Zweimal ist die damals noch minderjährige Elisabeth F. von zu Hause ausgerissen, bevor sie endgültig verschwand. Warum wurde über die Gründe ihres Verschwindens nicht gründlicher geforscht? Hat man zu vertrauensselig dem Vater geglaubt, der immer die Erklärung parat hatte, die Tochter sei in eine Sekte abgetaucht? Hätte die Jugendwohlfahrt engagierter nach dem Verbleib der leiblichen Mutter forschen können - zumindest jedes Mal, wenn ein neuer Säugling auf der Türschwelle der Großeltern "abgelegt" worden war?
Leider gibt es derzeit wenige Indizien, dass die Behörden bereit sind, sich einer Selbstreflexion zu unterziehen. Das Jugendamt verhängte eine sofortige Nachrichtensperre, Bezirkshauptmann und Polizei geben sich bei Fragen nach der Rolle ihrer Behörden eher wortkarg.
Wenn ein Fehler im System passiert ist, wo und wann ist er passiert -und wie kann er in Zukunft verhindert werden? Wenn am Ende des Überprüfungsprozesses steht, dass die Behörden kein Versäumnis begangen haben, dass nichts verhindert werden hätte können - umso besser.
Gab es Versäumnisse, ist es hoch an der Zeit, etwas zu verändern:
5000 Anzeigen gibt es pro Jahr wegen des Verdachts auf Kindesmissbrauch, die Dunkelziffer ist noch viel höher: Laut Expertenschätzungen sollen zwei von zehn österreichischen Kindern schon einmal missbraucht worden sein.
Die Gefahr besteht, dass der Amstettener Kriminalfall all diese Verbrechen überlagert, so wie es der Fall Kampusch lang genug getan hat. In die (notwendige) Rücksichtnahme auf das Opfer wurde damals auch recht großzügig die Behörde miteinbezogen. Dadurch wurden grundsätzliche Fragen nicht gestellt. Möglich, dass dieses Versäumnis nun uns allen auf den Kopf fällt. Unerträglich, wenn dies noch einmal passieren sollte.

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