"Das Querdenken in der Kunst ist langweiligem Konformismus gewichen"

Franz Koglmann als künstlerischer Querdenker beim RKH Bilanzbericht 2007.

Wien (OTS) - Franz Koglmann präsentierte Mitte der 80er Jahre -angesichts des verblassenden Vorbilds des amerikanischen Jazz -seinen europäischen Gegenentwurf. Mit seiner Lebensgefährtin Ingrid Karl gründete er die Wiener Musik Galerie, welche zahlreiche international besetzte Festivals und Workshops durchführte. Vergangenen November feierte die Wiener Musikgalerie ihr 25jähriges Bestehen mit einem 3tägigen Festival im ORF RadioKulturhaus (9. bis 11.11.07) - mit internationaler Besetzung: String Trio of New York, Steve Kuhn Trio mit Sheila Jordan, Bob Zieff Chamber Jazz Ensemble, Richie Beirach, Franz Koglmann Pipetet u.a.
Die Entstehung von Franz Koglmanns Komposition "Nächtliche Spaziergänge" - eine Auftragskomposition der europäischen Kulturhauptstadt 2007 Sibiu/Hermannstadt - war Thema einer Ausgabe der Ö1-Reihe "Tonspuren", die in der RadioKulturhaus-Reihe "Im Zauberberg" samt Werkstattgespräch präsentiert wurde (12.11.07).

Franz Koglmann war und ist gern gesehener Gast im RadioKulturhaus. Auch in der kommenden Spielsaison, am 12.12.2008 im Rahmen der Wiener Musik Galerie.
Titel: "A Matter of Affinity. Bob Zieff meets Franz Koglmann".
Der 1927 in der Nähe von Boston geborene geheimnisumwitterte Jazzkomponist Bob Zieff, der vor allem in den 50er Jahren durch seine Zusammenarbeit mit Chet Baker Maßstäbe setzte, wird für diesen Anlass ein neues Programm komponieren/arrangieren, welches vom "Franz Koglmann Pipetet" unter Zieffs Leitung erarbeitet wird. Franz Koglmann wird ein neues Programm für sein "Monoblue Quartet" vorstellen. Es handelt sich um eine Hommage an Vladimir Nabokov unter dem Titel "Lo - lee - ta".

"Mit Kunst sind keine Wählerstimmen zu gewinnen, weshalb sich Politiker heute gern ihrer kulturpolitischen Verantwortung entledigen und die Künstler eiligst in die Position "Neuer Selbstständiger" drängten. Die marktwirtschaftliche Philosophie wird halt auch dort hochgehalten, wo es keinen, oder kaum einen Markt gibt. Mit einer qualifizierten Minderheit will man sich offensichtlich nicht mehr identifizieren. Erweist sich der Künstler in wirtschaftlicher Hinsicht als effektiv, ist natürlich alles anders. Dann ist er meistens schon der Unterhaltungsindustrie zuzurechnen, und dass man mit dieser nichts zu tun haben möchte, traut man sich heute ja schon gar nicht mehr zu sagen - so hoch steht sie im Kurs.

Leider muss man sagen, dass in der Welt der Kunst diese Tendenz einer inhaltlichen Vereinfachung oft reibungslos mit vollzogen wird. Das Unbequeme, Subversive ist einem langweiligen Konformismus gewichen, alles muss populär sein, alles muss Geld einspielen.
Vor einigen Jahren sprachen Künstler wie Baselitz noch davon, dass wir nicht in einer Zeit der Revolution, sondern in einer Zeit der Komplexität lebten. Das war noch sehr optimistisch gedacht. Mittlerweile leben wir in einer Zeit der Simplizität.

Natürlich mutiert der Künstler, der sich dem Anbiederungsmechanismus entzieht, tatsächlich zu einem Marketinghelden, weil er wie Boris Groys meint, "schwarze Quadrate verkauft, die niemand braucht". Er schafft etwas, wofür es kein Bedürfnis gibt, muss also das Bedürfnis erst wecken, entkommt also auch auf dem Weg einer intendierten Autonomie nicht dem marktwirtschaftlichen Automatismus.
Er würde sich aber leichter tun, würde sich der Staat mit ihm identifizieren, was ja auch dem Staat angemessen wäre. Die Kunst auf die privatwirtschaftliche Seite zu schieben, stößt zumindest in Österreich, rasch an Grenzen. Kunstförderung im wirtschaftlichen Bereich muss immer begründet und rechtfertigt werden, z. Bp. gegenüber Aktionären, wo sie doch im Selbstverständnis einer Kulturnation eine Selbstverständlichkeit sein sollte.

Wir erleben jetzt, dass etwa hervorragende Jazzmusiker Weihnachts-CDs für Opa und Oma, bzw. süßliche Schmonzetten für Italien-Urlauber produzieren, um dann auch noch in Interviews zu erklären, wie sehr ihnen das alles ein Bedürfnis sei. Da würde ich schon meinen, dass es sich dabei eher um ein Bedürfnis des Systems handelt, dass es offensichtlich darum geht, die Künstler in den Dienst einer selbstbezogenen, Event- und konsumversessenen Gesellschaft zu stellen. Sportler werden gefeiert oder gehasst, Künstlern und Wissenschaftlern steht man eher gleichgültig gegenüber.

Wim Wenders hat vor einiger Zeit in einem SPIEGEL-Interview bemerkt, dass kleinere und unabhängige Kulturproduzenten die Speerspitze der Innovation bilden. Daran würde auch die Eventisierung des Kulturbetriebs nichts ändern.

Ich finde, dass das Radiokulturhaus durchaus in diesem Sinn zu sehen ist. Das scheint mir ein geeigneter Ort um Kunst als Lebensform zu etablieren, der allgemeinen Überproduktion an Texten, Bildern und schlechter Musik qualitätsbetonte Erzeugnisse der Bühnenkunst, vor allem der Musik, entgegenzusetzen", sagte
Franz Koglmann heute anläßlich des Bilanzgesprächs des Radiokulturhauses 2007.

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