• 21.04.2008, 12:25:16
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Industrie und Gewerkschaft diskutieren flexible Arbeitszeitmodelle

Betriebsräte-Konferenz der IV widmet sich im Rahmen von "Industrieland Österreich" der Frage "Arbeits- und Lebenszeit"

Wien (OTS) - (PdI) - Den Herausforderungen der gegenwärtigen und
zukünftigen Arbeitswelt sowie den daraus resultierenden notwendigen
Veränderungen in den entsprechenden Rahmenbedingungen widmete sich
die Betriebsrätekonferenz der Industriellenvereinigung. "Arbeitszeit
ist Lebenszeit?! Positionen (in) der Industrie" - unter diesem Titel
diskutierten Montag Vormittag Bernhard Achitz, Leitender Sekretär des
ÖGB, Sozialforscher Bernd Marin, die Betriebsratsvorsitzende der
Austrian Research Centers GmbH, Eva Wilhelm, der CEO der RHI AG,
Andreas Meier, sowie IV-Präsident Veit Sorger im Haus der Industrie
das Thema aus unterschiedlichen Sichtweisen.

"Der Bewusstseinswandel greift langsamer als die Veränderungen in
der Arbeitswelt, und die Märkte verändern sich rascher, als die
Rahmenbedingungen angepasst werden", hielt IV-Generalsekretär Markus
Beyrer in seinem Eröffnungsstatement fest. Angesichts internationaler
Arbeitsteilung, neuer Technologien und wachsenden Unterschieden in
den einzelnen betrieblichen Situationen rücke der einzelne Mensch und
sein intellektuelles Potenzial immer mehr in den Mittelpunkt. Das
erfordere neue Lösungen sowie Änderungen der rechtlichen
Rahmenbedingungen in vielen Bereichen wie etwa Lebensarbeitszeit,
Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Mobilität, innerbetriebliche
Gesundheitsvorsorge oder Migration.

Flexibilisierung - die "Goldader der Wertsteigerung"

Zeit und Beschleunigung seien die "Leitwährungen der neuen
Arbeitswelt", betonte der Direktor des Europäischen Zentrums für
Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung, Bernd Marin, in seinem Beitrag
und skizzierte "Hyperproduktivität, Hochgeschwindigkeitsunternehmen
und Speed Management" als Folgen. Dies führe wiederum zu auffälligen
Paradoxien wie etwa Arbeitslosigkeit in
Hochbeschäftigungswirtschaften oder Stress in der
Freizeitgesellschaft. Noch produktiver und flexibler zu arbeiten sei
die große Herausforderung, so Marin weiters, und das bedeute nicht
längere Wochenarbeitszeit bei gleichem Einkommen, sondern längere
Betriebs-, Maschinenlauf- und Öffnungszeiten. "Es heißt mehr
Lebensarbeitszeit, weniger Fehlzeiten, Unfälle, Krankenstände -
insgesamt weniger als 12 bis 15 Jahre bezahlte Nicht-Arbeitszeit im
Erwerbsalter."

Kostspielige Überstunden ("ein Ausdruck von Missmanagement")
sollten durch Zeitkonten vermieden, die 4-Tage-Woche zu je 10 Stunden
zumindest diskutiert werden, forderte Marin. Die Flexibilisierung von
Arbeitszeit und -organisation bezeichnete der Sozialforscher als
"wichtigste Goldader weiterer Wertsteigerung", die im Gegensatz zu
Lohndumping und einer Hire&Fire-Politik mit entsprechenden
gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen sozialverträglich
gestaltbar sei. Freizeitgesellschaft und
Rund-um-die-Uhr-Dienstleistungswirtschaft könnten laut Marin
intelligent kombiniert werden - durch eine 4-Tage-Arbeitswoche und 6
bis 7 Wochentagen an Maschinenlaufzeiten und Dienstleistungen. Mehr
Freizeit, längere Betriebszeiten, höhere Produktivität und mehr
Zeitautonomie wären die Folge.

"Verbetrieblichung" der Lebensführung?

"Verschwimmende Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit" ortet
die Betriebsratsvorsitzende der Austrian Research Centers GmbH, Eva
Wilhelm, vor allem durch mobiles Arbeiten über Online-Verbindungen.
47% der ArbeitnehmerInnen europaweit nutzen diese Möglichkeit, die
einerseits - so Wilhelm - Autonomie und Flexibilität erhöhe,
andererseits aber die "Verbetrieblichung" der Lebensführung in Form
von Erreichbarkeitspflicht und Omnipräsenz mit sich bringe. Das
wiederum bewirke einen Anstieg der psychisch arbeitsbedingten
Erkrankungen - staatliche Rahmenbedingungen müssten daher die
Work-Life-Balance fördern, vor allem in Richtung einer Verkürzung der
Arbeitszeit, einer "Entmarginalisierung von Teilzeitbeschäftigung"
und der Förderung von Bildungszeitkonten und Sabbaticals.

Betriebliche Gesundheitsvorsorge als zentraler Faktor

"Die Menschen werden immer länger arbeiten und die Industrie muss
sich darauf einstellen", betonte der CEO der RHI AG, Andreas Meier,
in seinem Beitrag. Er zeigte sich zuversichtlich, dass man bezüglich
der notwendigen flexibleren Arbeitszeiten "auf die Mündigkeit der
Mitarbeiter und den positiven Einfluss der Betriebsräte zählen kann".
Um dieses Ziel zu erreichen, bedürfe es eines klaren Sicherheits- und
Gesundheitsmanagements in Einklang mit der Gesamtstrategie des
Unternehmens, mit hohen Standards, messbaren Zielen und laufender
Evaluierung. Hier sei die RHI AG seit über 20 Jahren aktiv und baue
die Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsvorsorge laufend aus. Ein
weiterer Motivationsfaktor seien Aufstiegschancen und internationale
Entwicklungsperspektiven - "ein ebenso wertvolles Asset wie Vergütung
und Arbeitssicherheit". Dabei, so Meier, müsse der
Persönlichkeitsbildung im Rahmen der Aus- und Weiterbildungsprogramme
auf allen Unternehmensebenen ein ebenso hoher Stellenwert zugeordnet
werden wie der reinen Fachausbildung.

Kostenfreie Primär- und Sekundärbildung für alle

Für umfassende Gesundheitsförderung und Prävention im Betrieb
sowie darüber hinaus bei Lernen und Freizeit plädierte auch Bernhard
Achitz, Leitender Sekretär des ÖGB. In betriebs- wie auch in
volkswirtschaftlicher Hinsicht sei "alles daran zu setzen, dass die
Zahl der Invaliditäts- und BerufsunfähigkeitspensionistInnen weiter
sinkt". Der verstärkte qualifizierte Wiedereinstieg von Frauen in die
Erwerbstätigkeit ist für Achitz ein entscheidender Faktor, um
Chancengleichheit von Männern und Frauen und damit auch Wohlbefinden
und Zufriedenheit am Arbeitsplatz zu ermöglichen. In diesem
Zusammenhang sowie in Fragen der Weiterbildung seien sich ÖGB und IV
einig: Beide forderten den Ausbau qualifizierter
Kinderbetreuungseinrichtungen sowie entsprechende Rahmenbedingungen
für lebenslanges Lernen. "Alle formalen Angebote der Primär- und
Sekundärbildung wie Hauptschule oder Matura sollen dabei nicht nur
für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene kostenfrei sein",
betonte Achitz.

Neue Arbeitszeitmodelle - Antworten auf die Globalisierung

Die Herausforderungen einer "extrem dynamischen Arbeitswelt"
skizzierte IV-Präsident Veit Sorger. Lebenslanges Lernen, neue
Technologien sowie Forschung & Entwicklung seien die entscheidenden
Faktoren für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit Österreichs. Positiv
vermerkte Sorger, dass die Gesamtlehrlingszahl in der Industrie von
Ende 2006 auf Ende 2007 um 4,8% gestiegen sei. Flexible
Arbeitszeitmodelle mit einem auf zwei Jahre erweiterten
Durchrechnungszeitraum seien "die richtige Antwort auf die
Herausforderung der Globalisierung" - im Sinne der Arbeitnehmer, der
Unternehmen und des Standorts gleichermaßen.

Weitere Rahmenbedingungen wie Flexibilisierung des
Kinderbetreuungsgeldes, die Schaffung neuer Kinderbetreuungsplätze
für die Unter-3Jährigen und Programme für den längeren Verbleib
älterer Arbeitnehmer im Erwerbsleben seien zu diesem Zweck
umzusetzen, so der IV-Präsident weiters. In diesem Zusammenhang
sprach sich Sorger klar für eine Annäherung des faktischen an das
gesetzliche Pensionsalter aus. Und um Arbeit attraktiver zu machen
und die Leistung der Arbeitnehmer "auch spürbar durch mehr Geld zu
belohnen", sprach sich Sorger abschließend für eine Senkung der
Arbeitszusatz-/Lohnnebenkosten im Rahmen der nächsten Steuerreform
aus.

Industrieland Österreich

Die Industriellenvereinigung (IV) rückt mit der im Jahr 2005
gestarteten Bewusstseinsinitiative "Industrieland Österreich" die
Bedeutung der Industrie für Beschäftigung, Wohlstand und Wachstum in
unserem Land in den Mittelpunkt und regt eine öffentliche Diskussion
zur laufenden Veränderung des Industriebegriffes an.

Rückfragehinweis:

IV-Newsroom
   Tel.: (++43-1) 711 35-2306
   Fax: (++43-1) 711 35-2313
   mailto:[email protected]
   http://www.iv-net.at/medien

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