Industrie und Gewerkschaft diskutieren flexible Arbeitszeitmodelle

Betriebsräte-Konferenz der IV widmet sich im Rahmen von "Industrieland Österreich" der Frage "Arbeits- und Lebenszeit"

Wien (OTS) - (PdI) - Den Herausforderungen der gegenwärtigen und zukünftigen Arbeitswelt sowie den daraus resultierenden notwendigen Veränderungen in den entsprechenden Rahmenbedingungen widmete sich die Betriebsrätekonferenz der Industriellenvereinigung. "Arbeitszeit ist Lebenszeit?! Positionen (in) der Industrie" - unter diesem Titel diskutierten Montag Vormittag Bernhard Achitz, Leitender Sekretär des ÖGB, Sozialforscher Bernd Marin, die Betriebsratsvorsitzende der Austrian Research Centers GmbH, Eva Wilhelm, der CEO der RHI AG, Andreas Meier, sowie IV-Präsident Veit Sorger im Haus der Industrie das Thema aus unterschiedlichen Sichtweisen.

"Der Bewusstseinswandel greift langsamer als die Veränderungen in der Arbeitswelt, und die Märkte verändern sich rascher, als die Rahmenbedingungen angepasst werden", hielt IV-Generalsekretär Markus Beyrer in seinem Eröffnungsstatement fest. Angesichts internationaler Arbeitsteilung, neuer Technologien und wachsenden Unterschieden in den einzelnen betrieblichen Situationen rücke der einzelne Mensch und sein intellektuelles Potenzial immer mehr in den Mittelpunkt. Das erfordere neue Lösungen sowie Änderungen der rechtlichen Rahmenbedingungen in vielen Bereichen wie etwa Lebensarbeitszeit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Mobilität, innerbetriebliche Gesundheitsvorsorge oder Migration.

Flexibilisierung - die "Goldader der Wertsteigerung"

Zeit und Beschleunigung seien die "Leitwährungen der neuen Arbeitswelt", betonte der Direktor des Europäischen Zentrums für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung, Bernd Marin, in seinem Beitrag und skizzierte "Hyperproduktivität, Hochgeschwindigkeitsunternehmen und Speed Management" als Folgen. Dies führe wiederum zu auffälligen Paradoxien wie etwa Arbeitslosigkeit in Hochbeschäftigungswirtschaften oder Stress in der Freizeitgesellschaft. Noch produktiver und flexibler zu arbeiten sei die große Herausforderung, so Marin weiters, und das bedeute nicht längere Wochenarbeitszeit bei gleichem Einkommen, sondern längere Betriebs-, Maschinenlauf- und Öffnungszeiten. "Es heißt mehr Lebensarbeitszeit, weniger Fehlzeiten, Unfälle, Krankenstände -insgesamt weniger als 12 bis 15 Jahre bezahlte Nicht-Arbeitszeit im Erwerbsalter."

Kostspielige Überstunden ("ein Ausdruck von Missmanagement") sollten durch Zeitkonten vermieden, die 4-Tage-Woche zu je 10 Stunden zumindest diskutiert werden, forderte Marin. Die Flexibilisierung von Arbeitszeit und -organisation bezeichnete der Sozialforscher als "wichtigste Goldader weiterer Wertsteigerung", die im Gegensatz zu Lohndumping und einer Hire&Fire-Politik mit entsprechenden gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen sozialverträglich gestaltbar sei. Freizeitgesellschaft und Rund-um-die-Uhr-Dienstleistungswirtschaft könnten laut Marin intelligent kombiniert werden - durch eine 4-Tage-Arbeitswoche und 6 bis 7 Wochentagen an Maschinenlaufzeiten und Dienstleistungen. Mehr Freizeit, längere Betriebszeiten, höhere Produktivität und mehr Zeitautonomie wären die Folge.

"Verbetrieblichung" der Lebensführung?

"Verschwimmende Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit" ortet die Betriebsratsvorsitzende der Austrian Research Centers GmbH, Eva Wilhelm, vor allem durch mobiles Arbeiten über Online-Verbindungen. 47% der ArbeitnehmerInnen europaweit nutzen diese Möglichkeit, die einerseits - so Wilhelm - Autonomie und Flexibilität erhöhe, andererseits aber die "Verbetrieblichung" der Lebensführung in Form von Erreichbarkeitspflicht und Omnipräsenz mit sich bringe. Das wiederum bewirke einen Anstieg der psychisch arbeitsbedingten Erkrankungen - staatliche Rahmenbedingungen müssten daher die Work-Life-Balance fördern, vor allem in Richtung einer Verkürzung der Arbeitszeit, einer "Entmarginalisierung von Teilzeitbeschäftigung" und der Förderung von Bildungszeitkonten und Sabbaticals.

Betriebliche Gesundheitsvorsorge als zentraler Faktor

"Die Menschen werden immer länger arbeiten und die Industrie muss sich darauf einstellen", betonte der CEO der RHI AG, Andreas Meier, in seinem Beitrag. Er zeigte sich zuversichtlich, dass man bezüglich der notwendigen flexibleren Arbeitszeiten "auf die Mündigkeit der Mitarbeiter und den positiven Einfluss der Betriebsräte zählen kann". Um dieses Ziel zu erreichen, bedürfe es eines klaren Sicherheits- und Gesundheitsmanagements in Einklang mit der Gesamtstrategie des Unternehmens, mit hohen Standards, messbaren Zielen und laufender Evaluierung. Hier sei die RHI AG seit über 20 Jahren aktiv und baue die Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsvorsorge laufend aus. Ein weiterer Motivationsfaktor seien Aufstiegschancen und internationale Entwicklungsperspektiven - "ein ebenso wertvolles Asset wie Vergütung und Arbeitssicherheit". Dabei, so Meier, müsse der Persönlichkeitsbildung im Rahmen der Aus- und Weiterbildungsprogramme auf allen Unternehmensebenen ein ebenso hoher Stellenwert zugeordnet werden wie der reinen Fachausbildung.

Kostenfreie Primär- und Sekundärbildung für alle

Für umfassende Gesundheitsförderung und Prävention im Betrieb sowie darüber hinaus bei Lernen und Freizeit plädierte auch Bernhard Achitz, Leitender Sekretär des ÖGB. In betriebs- wie auch in volkswirtschaftlicher Hinsicht sei "alles daran zu setzen, dass die Zahl der Invaliditäts- und BerufsunfähigkeitspensionistInnen weiter sinkt". Der verstärkte qualifizierte Wiedereinstieg von Frauen in die Erwerbstätigkeit ist für Achitz ein entscheidender Faktor, um Chancengleichheit von Männern und Frauen und damit auch Wohlbefinden und Zufriedenheit am Arbeitsplatz zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang sowie in Fragen der Weiterbildung seien sich ÖGB und IV einig: Beide forderten den Ausbau qualifizierter Kinderbetreuungseinrichtungen sowie entsprechende Rahmenbedingungen für lebenslanges Lernen. "Alle formalen Angebote der Primär- und Sekundärbildung wie Hauptschule oder Matura sollen dabei nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene kostenfrei sein", betonte Achitz.

Neue Arbeitszeitmodelle - Antworten auf die Globalisierung

Die Herausforderungen einer "extrem dynamischen Arbeitswelt" skizzierte IV-Präsident Veit Sorger. Lebenslanges Lernen, neue Technologien sowie Forschung & Entwicklung seien die entscheidenden Faktoren für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit Österreichs. Positiv vermerkte Sorger, dass die Gesamtlehrlingszahl in der Industrie von Ende 2006 auf Ende 2007 um 4,8% gestiegen sei. Flexible Arbeitszeitmodelle mit einem auf zwei Jahre erweiterten Durchrechnungszeitraum seien "die richtige Antwort auf die Herausforderung der Globalisierung" - im Sinne der Arbeitnehmer, der Unternehmen und des Standorts gleichermaßen.

Weitere Rahmenbedingungen wie Flexibilisierung des Kinderbetreuungsgeldes, die Schaffung neuer Kinderbetreuungsplätze für die Unter-3Jährigen und Programme für den längeren Verbleib älterer Arbeitnehmer im Erwerbsleben seien zu diesem Zweck umzusetzen, so der IV-Präsident weiters. In diesem Zusammenhang sprach sich Sorger klar für eine Annäherung des faktischen an das gesetzliche Pensionsalter aus. Und um Arbeit attraktiver zu machen und die Leistung der Arbeitnehmer "auch spürbar durch mehr Geld zu belohnen", sprach sich Sorger abschließend für eine Senkung der Arbeitszusatz-/Lohnnebenkosten im Rahmen der nächsten Steuerreform aus.

Industrieland Österreich

Die Industriellenvereinigung (IV) rückt mit der im Jahr 2005 gestarteten Bewusstseinsinitiative "Industrieland Österreich" die Bedeutung der Industrie für Beschäftigung, Wohlstand und Wachstum in unserem Land in den Mittelpunkt und regt eine öffentliche Diskussion zur laufenden Veränderung des Industriebegriffes an.

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