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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Am Markt der Religionen" (von Thomas Götz)
Ausgabe vom 30.03.2008
Graz (OTS) - Die Ereignisse der jüngsten Zeit zwingen zum
Nachdenken über den Islam und uns. In der Osternacht hat Papst
Benedikt XVI. einen prominenten ägyptischen Muslim getauft, der sein
Leben, bedroht von radikalen Islamisten, unter Polizeischutz
verbringen muss. Die Aufregung war groß. Der holländische Abgeordnete
Geert Wilders - auch er seit Jahren unter Polizeischutz - hat eine
krude Video-Polemik ins Internet gestellt, die Koran-Zitate mit
blutigen Gewaltszenen koppelt. Sein Land reagiert mit Panik.
Das Bekenntnis zu wechseln, sei es religiös oder politisch, ist ein
elementares, stets gefährdetes Menschenrecht. In blutigen Kriegen
haben Christen eine Marktordnung für Konfessionen entwickelt. Nach
dem Dreißigjährigen Krieg schufen sie zunächst ein Gebietskartell:
Wer herrscht, bestimmt die Religion seiner Untertanen. In der
russischen Orthodoxie lebt dieser Gedanke noch fort, im Westen ist er
überwunden. Heute kann der Einzelne endlich selber entscheiden, was
er glauben und welcher Gemeinschaft er angehören möchte.
Im Islam ist das anders. Der Vorsitzende der italienischen Muslime
kommentierte die Taufe des Ägypters mürrisch mit dem Hinweis, in
Italien wäre so etwas eben möglich. In muslimischen Ländern offenbar
nicht. Einem Afghanen, der Christ werden wollte, drohte die
Hinrichtung. Der einzige Ausweg für den Mann war seine Entmündigung.
Religionen, die sich selbst achten, halten sich für die ultimative
Antwort auf die Menschheitsfragen. Dazu sind sie da, das macht sie
auch gefährlich. Nur übergeordnete Spielregeln können sie auf Dauer
zwingen, ihre Ansprüche zu relativieren. Die Christen haben diese
Lektion gelernt, nicht schnell und nicht freiwillig. Der Islam lernt
gerade neu, seine religiösen Herrschaftsansprüche brachial zu
formulieren.
Die Taufe eines Moslems ist weder ein Triumph noch eine Provokation.
Sie sollte so selbstverständlich sein wie die Konversion eines
Christen zu einer anderen Religion. Gewiss, der Papst verletzt damit
den konzilianten Dialog-Ton. Aber ein Dialog, der nicht einmal die
Ausgangspositionen klar zu benennen wagt, verdient den Namen nicht.
Geert Wilders tut nur scheinbar das Gleiche, wenn er sich nicht an
Sprachregelungen hält. Sein grobes Video fördert nicht gerade die
freie, friedliche Konkurrenz der Religionen untereinander. Wilders
versucht vielmehr, den Zaun um das alte Gebietskartell Abendland zu
erneuern. Das aber ist ein Auslaufmodell. Wir brauchen eine neue
Marktordnung für Religionen, die überall gilt. ****
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