Rede des Bundespräsidenten bei der Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag des 12. März 1938 im Parlament

Wien (OTS) - Meine Damen und Herren!

Wir haben uns heute im traditionsreichen
Reichsratssitzungssaal des Österreichischen Parlaments
versammelt, weil es auf den Tag genau 70 Jahre her ist, dass
sich in unserem Heimatland Österreich Ereignisse von größter Dramatik und enormer politischer Tragweite abgespielt haben. Vorgestern vor 70 Jahren - am 10. März 1938 - gab es die in
Form eines Ultimatums gestellte Forderung von Hitler und
Göring an den österreichischen Bundeskanzler Dr. Kurt
Schuschnigg, dieser möge zurücktreten und dem
Nationalsozialisten Dr. Seyß-Inquart als neuem Bundeskanzler
Platz machen; darüber hinaus müsse die für den 13. März anberaumte Volksabstimmung über den Fortbestand eines selbständigen, freien Österreich abgesagt werden.
Es folgte der dramatische 11. März 1938, an dem der Druck auf Bundespräsident Miklas und Bundeskanzler Schuschnigg von
Stunde zu Stunde erhöht wurde und die Drohungen immer
wieder verschärft wurden.
Schließlich um 19.50 Uhr die Rundfunkrede von Bundeskanzler Schuschnigg mit den historischen Worten: "Wir weichen der
Gewalt" und mit einem abschließendem "Gott schütze
Österreich". Dann trat Kanzler Schuschnigg zurück und der Nationalsozialist Seyß-Inquart wurde sein Nachfolger.
Aber das Eingehen auf die Forderungen Hitlers konnte ihn von
seinen Plänen nicht abbringen.
Hitler ließ die deutsche Wehrmacht heute vor 70 Jahren in Österreich einmarschieren und am 13. März 1938 war der
Anschluss de facto vollzogen, Österreich versinkt in einem
Meer von Hakenkreuzfahnen und hört auf zu existieren.
Am 15. März gab es die berühmte Jubelkundgebung am
Heldenplatz, wo der größenwahnsinnige Diktator "vor der Geschichte" mit sich überschlagender Stimme den Eintritt
seiner Heimat Österreich in das Deutsche Reich verkündete.
Das Haus, in dem wir uns jetzt befinden, unser Parlament,
wurde zum Gau-Haus und diente als Sitz der NSDAP des Reichsgaues-Wien mit der Adresse Josef-Bürckel-Ring
Nummer 3. Die Verhaftungsmaschinerie wurde in Gang gesetzt.
Meine Damen und Herren!
Wenn man heute Bilder jener Tage betrachtet, stockt einem der
Atem.
Und immer wieder wurde in der Zweiten Republik die berühmte
Frage diskutiert: Hat vor 70 Jahren der Überfall eines zu allem entschlossenen, gewaltbereiten Diktators auf ein wehrloses
Volk stattgefunden, das somit zum ersten Opfer Hitlers wurde?
Oder hat im März 1938 der letzte und von vielen bejubelte
Schritt einer monatelangen, ja jahrelangen Entwicklung stattgefunden?
Einer Entwicklung, die nach der Machtübernahme von Adolf
Hitler in Deutschland im Jänner 1933
und aufgrund der Verhältnisse in Österreich zu einer verhängnisvollen Stärkung der nationalsozialistischen
Bewegung, zu einer wachsenden Bewunderung für den Führer
geführt hat.
Unsere Antwort von heute kann nur lauten: Sowohl als auch.
Der Einmarsch deutscher Truppen in Österreich war eindeutig
eine militärische Aggression eines wortbrüchigen Diktators. Österreich war völkerrechtlich ein Opfer dieser Aggression.
Und dass Mexiko als einziges Land so eindeutig beim
Völkerbund gegen diesen Bruch des Völkerrechtes protestiert
hat, ist in Österreich bis heute unvergessen.
Aber diese Aktion bzw. Aggression wurde dem Diktator
wesentlich erleichtert, vielleicht in dieser Form überhaupt erst ermöglicht, weil es in Österreich eine beträchtliche Anzahl von fanatischen Nationalsozialisten gab. Dazu kam eine noch viel größere Zahl von Sympathisanten, die nicht nur den einmarschierenden deutschen Truppen zujubelten und Hitler
am 15. März am übervollen Heldenplatz einen begeisterten
Empfang bereiteten, sondern die in ganz Österreich die Hakenkreuz-Fahnen hissten und zum Ausdruck brachten,
welche Hoffnungen sie in das sogenannte Dritte Reich setzten.
Die anderen, die entsetzt waren, die wussten oder ahnten, dass
sie zu Opfern dieser Entwicklung werden würden, die den Krieg voraussahen, die zu fliehen versuchten, die verhaftet oder in
den Selbstmord getrieben wurden, die gab es auch, und zwar in
sehr großer Zahl, aber man sah sie damals nicht und viele von
ihnen überlebten auch nicht.
Mit anderen Worten: In den Tagen des Anschlusses gab es
nicht nur Begeisterung, sondern auch Entsetzen und Abscheu.
Und vom ersten Tag an gab es Täter und Opfer.
Der sogenannte Anschluss vor 70 Jahren kam eben nicht wie
ein Blitz aus heiterem Himmel zustande, sondern hatte weit zurückreichende Wurzeln.
Am stärksten haben wohl die unversöhnlichen Gegensätze
zwischen den politischen und ideologischen Lagern in der
Ersten Republik, die wirtschaftliche Not, die entsetzliche Arbeitslosigkeit, die Perspektivlosigkeit und die Zerstörung von Demokratie und Parlamentarismus, aber auch der mangelnde
Glaube an eine gute Zukunft Österreichs zu dieser Entwicklung beigetragen.
Mit anderen Worten: Man kann das Phänomen des Jubels am
Heldenplatz vor 70 Jahren nur einigermaßen verstehen, wenn
man sich auch mit den Ereignissen vor 1938 offen und ehrlich auseinander setzt.
Daher plädiere ich dafür, den beträchtlichen zeitlichen Abstand von 70 und mehr Jahren, der uns heute von diesen Ereignissen
trennt, zu nutzen, um ohne Selbstgerechtigkeit und im
Bemühen um größte Objektivität auch die Aufarbeitung der
Periode vor dem Anschluss, also der Jahre vor 1938, verstärkt
in Angriff zu nehmen.
Ich denke, dass man auch über bis heute umstrittene Persönlichkeiten und über sehr heikle Phasen unserer
Geschichte in sachlicher Weise diskutieren und Brücken
zwischen unterschiedlichen Auffassungen bauen kann und
bauen soll.

Meine Damen und Herren!
Brücken bauen im Lichte historischer Erfahrungen ist meines Erachtens eine der wichtigsten Aufgaben der Politik.
Der Erfolg unserer Zweiten Republik - und die mehr als 6
Jahrzehnte einer friedlichen Entwicklung - beruhen nicht zuletzt darauf, dass wir nach 1945 mehrere Baumeister und
Brückenbauer in entscheidenden Positionen in der Regierung,
im Parlament und auch bei den Sozialpartnern hatten, und dass
in der Zweiten Republik viele Brücken gebaut werden konnten.
Die wichtigste Eigenschaft für den politischen Brückenbau ist, dass man weiß, was man seinem Gegenüber, seinem Partner
und auch seinem Gegner zumuten kann. Das ist nicht nur eine Erfahrung aus der Vergangenheit, sondern auch eine Lehre für Gegenwart und Zukunft. Das Augenmaß für das Zumutbare ist
in einer politischen Partnerschaft - und überhaupt in der Politik
- von zentraler Bedeutung.

Meine Damen und Herren!
Heute, 70 Jahre nach dem März 1938 und 63 Jahre nach
Kriegsende, ist Österreich ein wunderbares, ein
beneidenswertes Land.
Kein fehlerloses Land - denn das gibt es nicht, weil es auch
keine fehlerlosen Menschen gibt - aber ein Land, das in vielen Bereichen hervorragende Leistungen erbringt; das sich einen geachteten Platz in Europa und in der Welt erarbeitet hat.
Ein Land, auf das wir alle stolz sein können.
Und wenn es derzeit dennoch ein nicht zu übersehendes
politisches Unbehagen gibt, dann müssen wir uns damit
ernsthaft auseinandersetzen und an der Beseitigung der
Ursachen arbeiten, um zu verhindern, dass das Unbehagen in
Bezug auf den Umgang mit bestimmten Problemen zu einem
Unbehagen gegenüber der Demokratie schlechthin wird.
Am besten wird dies durch sachliche Arbeit, durch
überzeugende Leistungen gelingen.
Wir sollten weniger Energie für Konflikte und Konfrontation verwenden, weil wir damit mehr Energie für konstruktive Arbeit
zur Verfügung haben.
Gerade der Blick in die Vergangenheit, den wir heute
gemeinsam versucht haben und versuchen, wird uns darin
bestärken.
Der Blick in die Vergangenheit zeigt uns nämlich, dass die Diktaturen letzten Endes gescheitert sind - nicht nur die NSDiktatur. Und dass die Demokratie lebt. Und zwar in allen Ländern
Europas.
Daraus dürfen wir Zuversicht schöpfen für die Zukunft Österreichs und für die Zukunft Europas.
Machen wir uns gemeinsam an die Arbeit.

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