• 07.03.2008, 11:14:05
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Säulen der Erinnerung im Gedenkjahr am Ottakringer Yppenplatz

Kunst-Litfasssäulen erinnern in Wien-Ottakring an noch lebende Opfer des Nationalsozialismus

Wien (OTS) - Am 13. März 1938 versammelt sich eine Menschenmenge
vor dem Warenhaus Dichter in der Brunnengasse 40, Wien-Ottakring -
damals in Wien mit 85 Angestellten das größte Kaufhaus außerhalb des
Gürtels. Walter Arlen, Kind der dortigen Eigentümerfamilie aus
jüdischer Abstammung, erinnert sich heute, 88-jährig, noch genau an
die Ereignisse dieser Tage: "Sie gefährdeten uns im eigenen Haus.
Einer riss die Telefonapparate von der Wand, ein anderer konfiszierte
die Autos, wieder andere schmissen Familienmitglieder, die im
Warenhaus arbeiteten, hinaus." Das eine Jahr, das der 18-jährige
Walter und seine 13-jährige Schwester Edith noch unter der
Nazi-Diktatur in der "Ostmark" verbringen mussten, war für sie "die
tägliche Hölle": Die ehemalige Wohnung war verwüstet, Schmuck,
Sparbücher und Bargeld geraubt, der Vater im Konzentrationslager… Die
enteignete Familie musste beim Ariseur Mittel für den Lebensunterhalt
aus dem eigenen Vermögen erbetteln. Und der Chauffeur des Warenhauses
sprach laut Edith zur Familie: "In das Auto steigt mir ka Jud mehr
eini, das Auto g`hört mir!"

1939 gelang nicht allen Familiemitgliedern die Flucht nach
England, die Großmutter kam 1942 im Vernichtungslager Treblinka um.

Walter Arlen begann danach in den USA seine Laufbahn als
Komponist, war Assistent bei Roy Herris, hörte viele berühmte Musiker
wie Stravinsky, Bartok oder Rachmaninov live und wurde als
Musikkritiker für die "Los Angeles Times" engagiert. Arlen hat sich
in den Jahrzehnten darauf als Musikkritiker in den USA einen Namen
gemacht. Seit 1965 kamen er und seine Schwester Edith immer wieder
auf Besuch nach Österreich zurück. Das, obwohl das Kaufhaus in Wien
nach einem Rückstellungsverfahren (1949-1951) verloren, weil für
einen sehr geringen Preis an den Ariseur Oskar Seidenglanz verkauft
worden war (ab dann Kaufhaus OSEI).

Anlässlich des Gedenkjahres 2008 lädt Ottakring-Bezirksvorsteher
Franz Prokop kommenden Samstag, den 8. März, zu einem Festakt zur
symbolischen Benennung der Piazza am Yppenplatz in "Edith Arlen
Wachtel und Walter Arlen Piazza": Das Kunstprojekt "Säulen der
Erinnerung" der Ottakringer Kulturfreunde stellt dann an diesem Platz
stellvertretend für alle Opfer des Nationalsozialismus die beiden aus
Ottakring geflüchteten Geschwister, die persönlich an der
Präsentation und Platzbenennung teilnehmen werden, in den
Mittelpunkt: Mithilfe von biografischen Zitaten, Fotografien,
Zeichnungen und Literatur werden von März bis Ende Oktober 2008
Litfasssäulen von KünstlerInnen immer wieder neu gestaltet.
"Geschichtsschreibung soll mit diesem Projekt aus der
Wissenschaftlichkeit heraus gelöst werden, um historische Ereignisse
auch für jene nachvollziehbar zu machen, denen die Sprache der
Historiker unverständlich ist", beschreibt Roland Schütz, einer der
Künstler, die Aktion. Schon seit 2005 befasst sich die Künstlergruppe
"grundstein" im Zuge verschiedener Ausstellungen mit der Geschichte
der Familie und des Warenhauses Dichter, www.sammlungdichter.com .

Für 2008 ist die Benennung des neuen Wohngebäudes, das von der
Conwert gerade auf der Liegenschaft des ehemaligen Kaufhauses Dichter
errichtet wird, in "Dichter Hof" geplant. Walter Arlen dazu: "Die
Gedenktafel und die Benennung in `Dichter Hof´ versöhnt mich und
meine Familie mehr als alle Versuche der `Wiedergutmachung´!"

"Vertreibung und Auslöschung durch die Nazis, aber auch die
Jahrzehnte lange Ignoranz in der zweiten Republik fordern im Umgang
mit den NS-Opfern von uns allen eine engagierte und bleibende Kultur
der Erinnerung und des Bewusstmachens!", betont SP-Klubvorsitzender
im Wiener Rathaus und Ottakrings SP-Chef Christian Oxonitsch.

Der Festakt in Anwesenheit der Ehrengäste Edith Arlen Wachtel und
Walter Arlen beginnt am Samstag, den 8.3. 2008, um 10:30 Uhr am
Yppenplatz: Für das musikalische Programm zeichnet das Drach Quartett
verantwortlich. Um 13:15 Uhr ist Frenk Label mit akustische Gitarre
und Gesang zu hören, um 18:30 Uhr wird in der Brunnenpassage am
Yppenplatz der Dokumentarfilm "Hakoah Lischot" gezeigt. (Schluss)

Rückfragehinweis:
Heinrich Schneider
Ottakringer Kulturfreunde
Phone: +43/664/415 84 16
Mail: [email protected]
Pressefotos: www.sammlungdichter.com/presse08032008

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