WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Die Banken hatten einfach nur Glück - von Robert Gillinger

Das Glück von Erste und Co heisst Osteuropa, das Risiko aber auch

Wien (OTS) - Wie ein kleines gallisches Dorf scheint der Wiener Finanzplatz der weltweiten Subprime- und Kreditkrise zu trotzen. Das gilt zwar nicht für die Kursbewegungen an der Börse, doch für den Abschreibungsbedarf der heimischen Finanzszene - Summen, die bei der Deutschen Bank (1994, Hilmer Kopper) als Peanuts in die Geschichte eingingen.

Österreichs Banken, so scheint es, haben mit dem ihnen anvertrauten Geld einfach besser gewirtschaftet. Bei ihrer Veranlagunspolitik waren sie aber auch nicht viel konservativer als UBS, Merrill Lynch, oder wie auch immer die jetzt nach frischem Kapital lechzenden Subprime-Opfer heissen. Denn Erste, Raiffeisen und Co hatten einfach das Glück ihrer regionalen Lage mit Osteuropa vor der Türe. Aber auch das Glück des Tüchtigen. Als noch jeder die Staaten Osteuropas als Entwicklungsländer ansah und einen weiten Bogen herum machte, wagten sich unsere Banken in den Wilden Osten und besetzten dort die besten Plätze. Das war Risiko pur, dafür wurden Milliarden in die Hand genommen. Risiko wird bei Finanzanlagen in der Regel aber mit höheren Renditen abgegolten. Das Glück von Treichl und Co war also, dass sie ihre Banken auf der Suche nach der Mehrrendite nicht in den Wilden Westen schicken mussten. Das Geld war bereits lukrativ im Osten angelegt und erzielte sie dort.

Risiko bleibt aber Risiko! Osteuropa leidet derzeit noch stärker als westliche Staaten unter hohen Inflationsraten und teilweise exorbitanten Staatsdefizits; russische Banken berichten bereits davon, dass sie im Zuge der Kreditkrise kein Kapital von anderen Instituten mehr zum Arbeiten bekommen. Auch die Lohnkosten steigen derart, dass sich die erzielbaren Margen zunehmend reduzieren. Womit die nächste Spirale in Gang gesetzt wird - der Drang gen Osten wird immer weiter ausgedehnt, Ukraine und Russland sind nicht das Ende, selbst Staaten wie Kasachstan sollen mit österreichischen Bankenlogos übersät werden - die Mehrrendite lockt.

Sollte sich die Kreditkrise in Osteuropa grossflächig ausbreiten, dann droht auch unseren Banken Ungemach. Dann aber berechtigt - im Gegensatz zur aktuellen Situation, in der es einfach heisst:
mitgefangen, mitgehangen. Denn "brennt" Osteuropa, werden sich deren Kreditratings verschlechtern, was nicht nur die Refinanzierung der dortigen Banken verteuert, sondern in der Folge auch den Gewinn drückt. Im schlimmsten Fall gehen Osttöchter Pleite. Dann haben wir zwar keine Subprime-Abschreibung, Ost-Abschreibung klingt aber auch nicht viel besser...

Rückfragen & Kontakt:

WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/300
http://www.wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001