• 07.02.2008, 13:01:24
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FORMAT: Erste-Bank-Chef Treichl hält globale Rezession für ausgeschlossen.

Zentral- und Osteuropa sieht der Banker weitgehend unberührt. Finanzkrisen dieser Art seinen systemimmanent und würden immer wieder kehren.

Wien (OTS) - In einem Interview in der morgen erscheinenden
Ausgabe von FORMAT nimmt der Vorstandschef der Erste Bank, Andreas
Treichl, erstmals zu Kreditkrise, Rezessionsängsten und dem
Milliardenbetrug der Societe Generale Stellung.

Format: Herr Treichel, die aktuelle Banken- und Finanzkrise erfasst
immer sichtbarer auch andere Branchen. Namhafte Experten wie George
Soros ziehen mittlerweile sogar Vergleiche mit der großen
Wirtschaftskrise 1929. Wie dramatisch ist die Lage wirklich?
Treichl: Ich kann solche Vergleiche nicht nachvollziehen. Damals
hatten wir wirtschaftlich eine ganz andere Situation. Es gab in
vielen Ländern Anzeichen für eine dramatische Wirtschaftskrise. Ich
glaube nicht, dass die Finanzwirtschaft, auch wenn sie heute ein
ungleich höheres Gewicht hat als 1929, die reale Wirtschaft oder
nennen wir es Güterwirtschaft tatsächlich nachhaltig negativ
beeinflussen kann.

Format: In dieser realen Wirtschaft sehen Sie keine Krise?
Treichl: Ich sehe Schwächezeichen aber keine Krise. Es gibt große
Volkswirtschaften, die die globale Konjunktur stimulieren - etwa
China, Russland, Zentraleuropa oder Indien. Ich halte es daher für
ausgeschlossen, dass wir in eine weltweite Rezession rutschen.

Format: Dennoch hinterlässt die Subprime-Krise Spuren, vor allem an
den Börsen.
Treichl: Ich bin überzeugt, dass durch diese Krise das Risiko wieder
einen adäquaten Preis bekommen wird. Das halte ich für gar nicht
schlecht. Man wird jetzt eine Zeit lang vernünftiger agieren, bis in
ein paar Jahren das nächste Finanzprodukt auf den Markt kommt, dem
alle wie die Lemminge nachlaufen und dann gibt es die nächste
Finanzkrise. Der Lernprozess wird kommen, aber es wird auch immer
schnell vergessen.
Die Folge ist, dass Kredite teurer werden und zwar sowohl für Staaten
als auch für Unternehmen und Private. Die Risikobereitschaft der
Kreditgeber sinkt und dadurch wird auch das Wachstum beeinträchtigt.

Format: Also doch ein Einfluß auf die reale Wirtschaft?
Treichl: Es gibt selbsterfüllende Prophezeiungen. Wenn ich einem
hochintelligenten Kind jeden Tag sage, "Du bist ein Trottel", dann
wird das irgendwann seine Auswirkungen haben. Wenn ich pausenlos die
Wirtschaft schlecht rede, dann hat das auch einen gewissen Einfluß
auf das Verhalten der Menschen. Man sollte das andererseits auch
nicht überschätzen. Denn am Ende des Tages bleibt ein gescheites Kind
eben gescheit und eine gesunde Wirtschaft gesund. Irgendwann gewinnt
die Realität.

Format: Nach der Asienkrise 1998 und der Pleite des Hedgefonds LTCM
gab es Bemühungen, die Kapitalmärkte stärker zu regulieren und
transparenter zu machen. Nun geht diese Krise ausgerechnet von den
USA aus, wo nach dem Enron-Desaster, die Risiko- und
Transparenzvorschriften durch den Saban-Oxley-Act massiv verschärft
wurden.
Treichl: Man muss sich damit abfinden - und das hat jetzt nichts mit
Subprime zu tun -, dass solche Krisen system-immanent sind. Jede
Krise führt zu neuen Instrumenten der Risikosteuerung. Wir werden ein
Basel 3 bekommen und Saban-Oxley 2 und statt 2.000 Mitarbeiter im
Risk Management gibt es dann 3.000. Aber das kostet wieder Geld, das
die Banken durch neue Produkte hereinbekommen werden, die die Leute
die sie kaufen nicht verstehen, und der Kreislauf beginnt von neuem.
Da habe ich keine Lösung.

Format: Der französische Präsident Nicolas Sarkozy und der britische
Premier Gordon Brown überlegen Kapitalflüsse zu besteuern und sie
dadurch auch transparent zu machen. Glauben Sie dass diese sogenannte
"Tobin-Tax" etwas bringt beziehungsweise überhaupt durchsetzbar ist?
Treichl: Ich halte das nicht für machbar. Dafür bräuchten sie eine
weltweite Einigung, damit Investoren keine Schlupflöcher mehr haben.
Das ist unrealistisch. Genau deshalb gibt es eben die zahlreichen
Karibikgesellschaften und Steueroasen, die davon leben dass es diese
Einigung nicht gibt.

Format: Macht es Sinn die Hedgefunds stärker zu regulieren, wie jetzt
ebenfalls gefordert wird?
Treichl: Ich würde nicht auf die Hedgefunds hinpecken. Die haben ihre
Vor- und Nachteile, sind aber nicht an der aktuellen Krise schuld.
Praktisch alles was zur Risikominimierung verwendbar ist, kann auch
zu dessen Erhöhung dienen. Vor diesem Hintergrund ist es eher
problematisch, dass die Branche der Anlage- und Vermögensberater
zuwenig reguliert ist.

Format: Wie hängt das zusammen?
Treichl: Die Produkte werden immer komplexer und die Folge ist, dass
oft weder Käufer noch Verkäufer wirklich verstehen, was sie tun. In
manchen Ländern werden über 50 Prozent der Produkte von Banken und
Versicherungen nicht mehr von den Finanzinstituten selbst verkauft,
sondern von Beratern. De facto fehlt da die Kontrolle. Aber noch
einmal: Es ist unmöglich ein Regulativ zu finden, das verhindert,
dass die Leute Geld verlieren oder dass es Betrüger gibt. Das ist
eine Illusion. Wie in dem Lied über den Banküberfall: das Böse ist
immer und überall.

Format: Unter anderem ist es auch in der Societe Generale, wo ein
Händler, angeblich alleine, fünf Milliarden Euro verspekuliert hat.
Was ist dort Ihrer Meinung nach passiert?
Treichl: Da Maße ich mir kein Urteil an. Ich bedauere es ungemein,
dass das ausgerechnet in der SocGen passiert, deren Chef ich für
einen der intelligentesten und besten Banker halte, die ich je kennen
gelernt habe. Gerade er war immer extrem um Risikomanagement bemüht.
Faktum ist: Wenn dieser Händler das wirklich alleine gemacht hat,
dann muss im System etwas grob falsch gewesen sein. Ich persönlich
halte die Einzeltäterthese aber für ausgeschlossen.

Format: Wäre so etwas, wenn auch in kleinerer Dimension, bei der
Erste Bank möglich?
Treichl: Natürlich überprüft man bei solchen Ereignissen sofort alle
Systeme. Aber etwas in dieser Dimension ist bei uns undenkbar.
Natürlich passiert bei uns auch genug. Wir haben 56.000 Mitarbeiter
und 16 Millionen Kunden. Da geschehen Fehler und auch Betrügereien.
Das wird man nie ganz verhindern können, aber die Größenordnungen
sind völlig andere.

Format: Sie haben im November den Abschreibungsbedarf aus der
Subprime-Krise mit 20 Millionen Euro angegeben. Wird es dabei bleiben
oder sind, wie manche befürchten, im Jahresergebnis noch höhere
Summen fällig?
Treichl: Wir hatten nie Investments in subprime Produkte. Wir mussten
aber wegen der rückläufigen Kurse 20 Millionen Abschreibungen
vornehmen. Mit dem Betrag hat es sich aber auch schon.

Format: Die Aktie der Erste Bank hat dennoch massiv gelitten. Seit
Jahresbeginn ist der Kurs um 30 Prozent auf 35 Euro gefallen. Viele
Investmentbanken haben Einstufung und Kursziele ihrer Aktie deutlich
zurückgenommen.
Treichl: Wir bekommen jetzt die Watschen, die eigentlich andere
verdienen. Die Erste Bank ist heute keinen Cent weniger wert als vor
einem halben Jahr, als der Kurs bei 57 Euro stand. Wegen der
bevorstehenden Bilanzzahlen darf ich derzeit leider keine eigenen
Aktien kaufen. Dürfte ich es, dann würden ich und viele andere
Kollegen das jetzt tun.

Format: Einer der Gründe für die Skepsis der Analysten ist ihre
Rumänientochter BCR. Es wird erwartet, dass die von Ihnen in Aussicht
gestellten Wachstumszahlen nicht halten.
Treichl: Die Verteuerung der Kredite trifft natürlich auch die
CEE-Staaten. Das kann eine Auswirkung auf das Wachstum haben. Aber
dieses wird immer noch bei fünf bis neun Prozent liegen und somit
weit über dem in Westeuropa.

Format: Glauben Sie an eine Rezession in den USA?
Treichl: Ich halte es nicht für völlig ausgeschossen. Wenn, dann eine
kurze, von vielleicht zwei Quartalen. Aber selbst in diesem
schlimmsten Fall werden die Auswirkungen auf den CEE-Raum
überschaubar sein. Das Handelsvolumen mit den USA ist sehr gering und
die Nachfrage kommt aus dem steigenden Konsum und notwendigen
Investitionsgütern. Dazu kommt, dass in solchen Phasen die
Konsumenten auf günstigere Produkte umsteigen, die meist in CEE
produziert werden. Man kauft dann eben keinen Audi, aber einen Skoda
und statt Miele kommt Gorjene in die Küche.

Format: Die UBS hat in ihrer jüngsten Analyse erklärt, die Erste Bank
sei nicht mehr als Wachstumsunternehmen zu bewerten.
Treichl: Unsere Ziele liegen bei einem Wachstum von 25
beziehungsweise 20 Prozent für die kommenden Jahre. Jeder kann selbst
entscheiden, ob das für die Bezeichnung Wachstumsunternehmen reicht.

Format: Wie lange wird es dauern, bis die Finanzbranche die aktuelle
Krise überwunden hat?
Treichl: Wenn ich das richtig vorhersagen könnte, wäre ich von mir
schwer beeindruckt.

Format: Abschließend eine andere Vorhersage: Wie heißt der nächste
Präsident der USA?
Treichl: Ich glaube Hillary Clinton. Ich hoffe das auch. Die
Republikaner sind nach acht Jahren Bush unwählbar. Clinton ist
erfahren und gerissen. Die hat auch eine Chance mit Putin fertig zu
werden, was in den nächsten Jahren immer wichtiger wird. Obama ist
mir zu blauäugig. Der glaubt noch an das Gute in der Welt.

Interview: Stephan Klasmann

Rückfragehinweis:
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Tel.: (01) 217 55/0

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