Falter: Neue Fakten im Fall der KZ-Aufseherin Erna Wallisch

Falter veröffentlicht geheime Protokolle der ehemaligen KZ-Wärterin über ihre Tätigkeit im NS-Vernichtungslager Majdanek

Wien (OTS) - In ihrer morgen Mittwoch erscheinenden Ausgabe veröffentlicht die Wiener Stadtzeitung "Falter" Inhalte der vertraulichen Ermittlungsakte im Fall der ehemaligen KZ-Wärterin Erna Wallisch. Die pensionierte Reinigungsfrai steht, wie berichtet, im Verdacht, im NS-Vernichtungslager Majdanek Insassen ermordet und Kinder zur Gaskammer geführt zu haben. Sie behauptet heute, sich an jene Zeit nicht mehr erinnern zu können.

Wie Falter-Recherchen in Stapo-Akten, Gerichtsprotokollen und bei polnischen und deutschen Behörden zeigen, hat Wallisch jedoch bereits in den sechziger und siebziger Jahren ihre Verstrickung in den Holocaust ausführlich geschildert und sich dabei in Widersprüche verwickelt.

In den Sechziger Jahren beteuerte sie vor der Staatspolizei, von Gaskammern nichts gewusst zu haben. Ihr Mann, ein SS-Rottenführer, den sie im Lager kennen lernte, sagte jedoch, die "ganze Stadt Lublin" hätte davon gewusst.

Die Justiz stellte das Verfahren gegen Wallisch ein. In den Siebzigern kam es zu einem neuen Verfahren gegen Erna Wallisch. Nun erzählte die zweifache Mutter plötzlich über das Morden in den Gaskammern und ihre Aufgabe, vor den Kammern "für Ordnung zu sorgen". Die Staatsanwaltschaft Wien ging davon aus, dass die in Deutschland geborene Reinigungsfrau nur des "minderschweren Mordes" schuldig sei, stellte das Verfahren aber wegen Verjährung ein. Wallisch schilderte damals nicht nur, wie die "Selektionen" von Juden im Vernichtungslager erfolgten, sie sah auch zu, wie Wärterinnen "mit der Hand oder mit einem Stock in der Hand" über Leben und Tod entschieden. "Es hat geheißen, sie würden zum Bad gebracht.

Für mich war klar, dass diese Frauen vom Bad nicht mehr zurückkommen, weil sie in die Gaskammer geführt werden". Wallisch hatte die Gaskammern noch gut in Erinnerung. Es seien "geschlossene Räume ohne Fenster" gewesen, "die Türen aus Eisen". Wallisch: "Ich musste vor der Gaskammer Häftlingsfrauen bewachen, die sich auszogen und duschten. Am Ende des Duschraums war eine solche Stahltüre und dahinter lag meines Wissens die Gaskammer. Dort wurden die Frauen nach dem Duschen hineingeführt. Das habe ich selbst gesehen".

Wallisch sagte, es sei "vorgekommen, dass die Frauen schrieen. Sie hatten offenbar Angst. Wir mussten sie dann beruhigen. Wir haben ihnen dann gut zugeredet und durch Handbewegungen für Ruhe gesorgt. Es waren alte und junge Frauen und auch Kinder, die ich gesehen habe, als sie in die Gaskammer geführt wurden." Wallisch schildert auch jenen Tag, der als "Operation Erntefest" in die Geschichtsbücher einging. Am dritten November 1943 ermordeten die SS-Leute in Majdanek binnen 24 Stunden 18.000 Häftlinge. Aus Lautsprechern tönte dabei Wiener Walzer. Wallisch sagte, die Jüdinnen in ihrer Baracke seien "furchbar ängstlich" gewesen.

Der Falter zitiert auch aus den neuen Protokollen jener Zeugen, die Wallisch des Mordes beschuldigten. Die Insassen wurden in Polen befragt und schildern nicht nur wie Wallisch einen Säugling "wie ein Holzstück" zu Boden geschleudert haben soll. Die Zeugin Jadwiga L. beteuert auch, "die schwanger Frau" habe einen Mann mit einem Brett so lange geschlagen, bis er sich nicht mehr rührte. Wallisch wird nicht direkt beschuldigt, sie war jedoch zum fraglichen Zeitpunkt schwanger. Im Lager habe sie wegen ihrer brutalen Art den Spitznamen "Halte-Klappe-Mensch" gehabt.

Rückfragen & Kontakt:

Falter. Stadtzeitung Wien, Redaktion Politik
Tel: +43-1- 53660-924

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | FAT0001