- 03.02.2008, 13:14:46
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Bischof Bünker in der "Pressestunde": Stärken des Protestantismus sichtbar machen
Ökumene in "Verlangsamungsphase" - "Moscheen im Dorf lassen"- Friedliches Zusammenleben nur in gegenseitigem Respekt - Integration: Positivanreize statt Sanktionen
Wien (epdÖ) - Um die Kirche attraktiver zu gestalten, will der
neue evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker die "Stärken des
Protestantismus deutlich sichtbarer machen". Vor allem im Sozialen
wie auch im Bildungsbereich gebe es ein glaubwürdiges evangelisches
Engagement, betonte der Bischof in der ORF-"Pressestunde" am Sonntag,
3. Februar.
Im Gespräch mit der Chefredakteurin der Tageszeitung "Der Standard",
Alexandra Föderl-Schmid, und dem ORF-Journalisten Robert Stoppacher
erinnerte Bünker an das "einzigartige" ökumenische Klima in
Österreich. Religionen seien nicht Produkte die "auf dem Markt
konkurrieren".. Zu dem Islam etwa gebe es eine "sehr gute Beziehung
auf allen Ebenen", die von den demografischen Entwicklungen nicht
beeinträchtigt werden könne. Was das Verhältnis zur
römisch-katholischen Kirche betrifft, erwartet sich der lutherische
Bischof unter Papst Benedikt XVI. "keine Fortschritte". Dass sich in
der Frage der Anerkennung der protestantischen Kirchen seit 40 Jahren
nichts geändert habe, sei "bedauerlich". Die Ökumene sieht Bünker in
einer "Verlangsamungsphase", zentrales Problem bleibe das
Amtsverständnis. Für Evangelische sei letztlich eine Position "unter
dem Papst" unvorstellbar. Dass sich spätestens seit dem Zweiten
Vatikanischen Konzil die Ökumene in Österreich in einer
Schönwetter"-Phase befinde, sei vor allem Kardinal König zu
verdanken. Er habe die Basis geschaffen, dass sich die "Mehrheits-
und qualifizierte Minderheitskirche auf gleicher Augenhöhe" begegnen
können. Kirche sei ohne Mission nicht denkbar. "Die Evangelische
Kirche will attraktiv, offen und einladend sein", bekräftigte der
Bischof, "Menschen, die auf der Suche sind, sollen wissen, wofür die
Evangelische Kirche steht".
Der Bau von Moscheen gehöre zur "öffentlichen Form der
Religionsausübung". Das hätten die Evangelischen Kirchen bereits im
vergangen Sommer deutlich erklärt, erinnerte Bünker. Die Evangelische
Kirche habe selbst in ihrer Geschichte Einschränkungen der
Religionsfreiheit erlebt. "Es tut uns gut, die Moscheen im Dorf zu
lassen", sagte der Bischof und plädierte für Gelassenheit im Umgang
mit dem Thema, das gerade in Wahlkampfzeiten für Stimmungsmache und
Stimmenfang missbraucht werde. Bünker: "Ich möchte nicht, dass
Moscheen, der Stephansdom, die Bibel oder der Koran auf
Wahlkampfplakaten auftauchen." Hier werde die Evangelische Kirche
"immer ihren Protest erheben". Es brauche einen "Respekt vor dem, was
Menschen heilig ist". Ohne gegenseitigen Respekt und eine Kultur der
Wertschätzung könne es kein friedliches Zusammenleben geben.
Es sei nicht Aufgabe der Kirchen, "im Spiel der Parteien Rat zu
geben", aber zu Grundsatzfragen des politischen Zusammenlebens
dürfen, so Bünker , Kirchen nicht schweigen, "denn auch wer schweigt,
nimmt damit Stellung". Im Zusammenleben ortet der Bischof ein
"stärkeres Neben- und Gegeneinander", die Kirchen wollten sich
hingegen einsetzen für ein stärkeres "Mit- und Füreinander".
Mehr Solidarität brauche es etwa bei der Abdeckung des Pflegerisikos
aber auch in der Frage der Integration. Hier begrüßt der Bischof,
dass nun nach Vorliegen des Integrationsberichts konkrete Maßnahmen
folgen sollen. Integration werde zu oft nur als Sicherheitsproblem
gesehen. Vielmehr sollte durch eine Positivkampage herausgearbeitet
werden, "dass Integration etwas ist, von dem wir alle profitieren".
Die Verdopplung der Stundenzahl bei den Deutschkursen hält Bünker für
positiv, ebenso eine verstärkte Alphabetisierung in der Muttersprache
und ein gemeinsames Jahr vor der 1. Volksschule, um die
Sprachfähigkeiten zu erwerben. Generell will Bünker lieber
"Positivanreize" statt Sanktionen. Integration sei keine
"Einbahnstraße", es brauche die Bereitschaft, Deutsch zu lernen
ebenso wie die Anerkennung der in Österreich herrschenden
Grundrechtsstandards, der Gleichstellung von Mann und Frau oder der
Trennung von Religion und Politik.. Zuwandernde sollten laut Bünker
auch am politischen Leben partizipieren können.
Der Bischof bekräftigte die Forderung nach einem humanitären
Aufenthaltsrecht, "aber nicht nur für Arigona Zogaj". Bleiberecht
sollten alle jene Zuwanderer etwa nach fünf Jahren erhalten, die "gut
integriert sind und unverschuldet lange auf eine Entscheidung
gewartet haben". Das sei kein Präjudiz, sondern eine Möglichkeit,
"eine Last der Vergangenheit zu bereinigen".
In der Frage des Tschad-Einsatzes ist für Bünker entscheidend: "Wem
dient der Einsatz?" Wenn es wie hier um den Schutz von Flüchtlingen
gehe, "kann es Verantwortung sein, nicht zuzuschauen sondern in
angemessener Weise Hilfe zu bieten", humanitäre Interventionen
bräuchten allerdings den Willen aller Beteiligten. Dem "gerechten
Krieg" erteilte Bünker eine Absage, vielmehr gehe es um ein "Konzept
des gerechten Friedens".
Beim Thema "Pflege" sprach sich der evangelisch-lutherische Bischof
für den vermehrten Ausbau von Tagesstätten und mobilen Diensten aus.
Positive Beispiele gebe es etwa in Schweden, "nicht zufällig ein
protestantisches Land". Weil die Schere zwischen Arm und Reich immer
stärker auseinanderklaffe, gelte es zu überlegen: "Was ist das
richtige Maß?" Derzeit beobachte er eine Entwicklung, "die das
Vermögen und die Leistung nicht mehr in ein Maß zueinander bringt".
Die bedarfsorientierte Grundsicherung sollte, so Bünker, jedenfalls
"möglichst rasch" umgesetzt werden.
Zur Mitschuld der Evangelische Kirche in den Jahren des
Nationalsozialismus sagte Bünker: "Heute versuchen wir, zu dieser
Geschichte offen zu stehen, nichts zu verschweigen und aus der
Geschichte zu lernen, indem wir falsche und irrige Meinungen
korrigieren." Die Evangelische Kirche bemühe sich um ein
vertrauensvolles Verhältnis zur Israelitischen Kultusgemeinde, das
heurige Schwerpunktjahr "Auf dem Weg der Umkehr" soll überprüfen,
"was verbessert werden kann."
Rückfragehinweis:
epdÖ
Tel.: (01) 712 54 61 DW 12
Dr. Thomas Dasek
mailto:[email protected]
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