- 01.02.2008, 18:17:46
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Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch
Afrika, Afrika
Wien (OTS) - Afrika ist für als Soldaten verkleidete Österreicher
ein unguter Boden. Dennoch sind jetzt wieder welche dort, obwohl es
in Afrika auch jetzt keine österreichischen Interessen zu verteidigen
gibt. Gewiss, die Soldaten sind im Gegensatz zur Hitler-Armee
freiwillig gekommen, sie haben auch keine strategischen
Eroberungsziele wie der Wüstenfuchs Rommel. Das Gerede von Grün&Co,
dass im Tschad ein französischer Kolonialkrieg tobe, ist Unsinn.
Vielmehr sind alle Expeditions-Teilnehmer voll edler Intentionen
(wenn man vom Interesse an saftigen Gagen einmal absieht). Aber gut
gemeint ist eben noch lange nicht gut durchdacht. Denn es ist
ziemlich ungewiss, ob die Expedition nicht ebenso blamabel endet wie
unsere Teilnahme am Kongo-Abenteuer in den 60er Jahren unter
UNO-Flagge.
Schon wieder stehen Österreicher in Afrika unter einer anderen
Fahne, diesmal ist es die der EU. Und schon in den ersten Stunden
mussten sie (wieder) ihre Pläne stoppen, weil die Rebellen
gemeinerweise mit Scharmützeln begonnen hatten.
Jenseits der guten Absicht mangelt der EU-Mission das grundlegende
Element jeder militärischen Aktion: ein klares Ziel. "Ein Jahr lang
Flüchtlingslager schützen": Das klingt nach Wach- und
Schließgesellschaft. Zu den wichtigsten Fragen schweigen Politik und
Diplomatie jedoch:
Was geschieht in einem Jahr? Bleiben die Lager dann wieder
schutzlos? Wer weiß wirklich, dass die Sache der Rebellen moralisch
übler ist als die der Regierung? Warum aber lässt man die Rebellen
ungeschoren, wenn man sie schon als die Bösen erkennt? Ist es nicht
unsinnig, die Grenzen zum Sudan als tabu zu behandeln, wenn sowohl
die Flüchtlinge wie auch der Nachschub für die Rebellen aus dem Sudan
kommen? Glauben wir (trotz des US-Debakels in Somalia, des
französischen im Algerienkrieg) ernstlich, dass Afrikaner aus Respekt
vor dem weißen Mann die EU-Truppe nicht angreifen? Warum schützen wir
auf extrem kostspielige Art Flüchtlinge im Tschad, in vielen anderen
Ländern aber nicht? Hängt das damit zusammen, dass der Rand der
Sahara der einzige Platz ist, wo die EU keinem Mächtigeren im Weg ist
und ein bisschen Weltpolitik spielen darf? Und schließlich: Ist
Österreichs Teilnahme nicht bloß Teil des Wahlkampfs um einen Sitz im
Sicherheitsrat?
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