- 25.01.2008, 09:41:11
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Geschichtsblätter über Wiener McJobs des 19. Jahrhunderts
Fritz Keller in neuer Ausgabe der Wiener Geschichtsblätter über "Hallo Dienstmann! Eine sozialhistorische Skizze"
Wien (OTS) - Als Hans Moser und Paul Hörbiger in Franz Antels
Verwechslungskomödie "Hallo Dienstmann" (1951) das alte Wien für das
Kinopublikum erfolgreich wieder auferstehen ließen, waren die
eigentlichen Vorbilder, die Wiener Dienstmänner, mehr oder weniger
nicht mehr im Straßenbild der Stadt vorhanden. Etwa acht Jahrzehnte
gab es diesen früh auch literarisierten Berufsstand, der zwischen
sechs in der Früh und neun Uhr am Abend für einen Koffer schleppte,
Briefe zustellte, große Lasten schleppte, aber auch das Frühstück
holte. Der Historiker Fritz Keller hat erstmals die Sozialgeschichte
dieser grummelnden, oftmals liebenswürdig geschilderten Boten und
Hilfsleister auf den Straße Wiens erarbeitet.
Am 15. März 1862 schlug offiziell die erste Stunde dieses neuen
Berufes, der an rund 300 vom Magistrat zugewiesenen Wiener Plätzen -
jedoch nicht direkt am Bahnhof, dies war untersagt - seine Dienste
anbot. Erkennbar an seiner Montur mit Kappel und zugewiesener Nummer
war der Zuspruch dieser neuen öffentlichen Dienstleistung lange vor
Taxi-Zustellung oder Fahrradboten überraschend groß: Bis zum
Börsenkrach 1873 "leistete man sich" leichter einen solchen, berühmt
devoten McJob-Dienstleister, sodass zur Weltausstellung rund 2.300
Wiener Dienstmänner zugelassen waren. Ob bei den "Wiener Stadt
Kurieren", beim "Ersten Wiener Dienstmänner-(Kommissions)Institut"
oder anderswo: Erst nach dem Börsenkrach am Schwarzen Freitag, als
die Wiener Ober- und Mittelschicht das Geld nicht mehr so leicht
für`s Briefe aufgeben lassen, Theaterkarten holen und Kleider abholen
hatte, ging es wirtschaftlich und finanziell mit diesen
halbamtlichen Dienern der Stadt-Gesellschaft stetig bergab.
"Pfuschende" Konkurrenz und technische Mobilität bedrängten
Berufsstand
Stetige Zuwanderung mit arbeitwilligen Männern aus den
Kronländern, "schwarz" arbeitende Konkurrenz und technischer
Fortschritt verringerten sukzessive das Leistungs- und
Verdienstspektrum des klassischen Wiener Dienstmannes, der vom
Feuilleton, der Operette und der Literatur längst schon als "Wiener
Urtyp" längst in zeitüberdauernde Fassung gebracht wurde. Unter
Bürgermeister Lueger gab es noch einen Versuch, die Dienstmänner
sozialrechtlich besser zu stellen, allein die Konkurrenz, etwa durch
die "Messinger Boys", junge Burschen in Uniformen auf Fahrrädern,
zeigte an, dass die auch zusehends ins Alter gekommenen Dienstmänner
zu einer aussterbenden Dienstleistung wurden.
Von ehemals 2300 gab es nach 1945 nur mehr 17 Dienstmänner
Vor 1914 gab es etwa noch 800 offizielle "Wiener Dienstmänner",
darunter sechs an der Zahl, die noch im Alter von über 70 Jahren
Koffer und Pakete für ihre Auftraggeber schleppten. Die letzten
Stationen: 1929 gründeten die letzten Wiener Kappel-Mohikaner eine
"Wiener Auto-Dienstmann Betriebs- und Spargenossenschaft mit
beschränkter Haftung", die 1932 aufgelöst wurde, ebenso gab es eine
1928 gegründete "Eiltransporte Wiener Dienstmann
Betriebsgenossenschaft", die nach drei Jahren, also 1931, liquidiert
werden musste. 1934 gab es noch um die 180 Dienstmänner im Wiener
Straßenbild, in der Nazi-Zeit mussten jüdische Dienstmänner ihr
Gewerbe zurücklegen, sodass es 1940 nur mehr um die 30 Dienstmänner
in Wien gab. Nach 1945 soll es nur mehr 17 von ihnen gegeben haben.
Ob einer von diesen armen Menschen bei der Premiere des Erfolgfilms
"Hallo Dienstmann" zur Premiere im Jahr 1951 eingeladen war, ist
nicht überliefert.
Weitere Themen der Ausgabe
Die Ostindienpolitik des Wiener Hofes im späten 18. Jahrhundert
von Stefan Meisterle verfasst, eine Studie über Franz Schuberts
Cousine "Lenchen" von Rita Steblin und ein Aufsatz von Werner Telesko
über "Rom in Wien" - Telesko setzt sich mit der Programmatik des
neubarocken Michaelertraktes der Wiener Hofburg auseinander, darunter
etwa auch jene Reliefs, die man unter der Michaelerkuppel sehen
kann,- sind die drei weiteren Aufsätze der aktuellen Ausgabe der
"Wiener Geschichtsblätter". Eine Zeitschriftenschau und die
Vorstellung aktueller Bücher über Wien runden die knapp 80 Seiten
umfassende Publikation ab.
Die Wiener Geschichtsblätter kosten pro Ausgabe Euro 7 im
Buchhandel. Mitglieder des Vereins für Geschichte der Stadt Wien
erhalten das Periodikum neben anderen Publikationen gegen einen
Jahresbeitrag von 35 Euro kostenlos. Verlegt wird die renommierte
Zeitschrift, die vierteljährlich erscheint, im LIT Verlag
(www.lit-verlag.at).
rk-Fotoservice: www.wien.gv.at/ma53/rkfoto/
(Schluss) hch
Rückfragehinweis:
PID-Rathauskorrespondenz: http://www.wien.at/vtx/vtx-rk-xlink/ Mag. Hans-Christian Heintschel Tel.: 4000/81 082 Handy: 0676/8118 81082 E-Mail: [email protected]
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