WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Klassenkampfüber den Wolken - von Wolfgang Unterhuber

Gusenbauer muss jetzt sein Sittenbild eingehend darstellen

Wien (OTS) - Am vergangenen Wochenende war Bundeskanzler Alfred Gusenbauer wieder voll in seinem Element. Der Berg rief, in diesem Fall der Hahnenkamm in Kitzbühel, und Gusenbauer kam. Gekonnt stahl er den anderen anwesenden Regierungsmitgliedern die Show. Da ein Plauscherl mit Society-Löwen und Adabeis, dort ein Talk mit den Grössen aus der Wirtschaft. Kaum jemand entkam der "Gusi-Show" und man erhielt einen Vorgeschmack auf die Fussball-EM und die damit verbundene Selbstinszenierungs-Propaganda des Kanzlers. Gusenbauer, der grosse Kommunikator: Das kann er.

Kommunizieren wird Gusenbauer jetzt jedoch etwas anderes müssen. Denn wie das Nachrichtenmagazin "profil" berichtet, haben Gusenbauer und seine Familie für den 20. Dezember des Vorjahres privat drei Tickets Economy Class für einen Urlaubsflug nach Südostasien gebucht. Vor dem Abflug liess Gusenbauer die Tickets auf Business Class upgraden. Dazu verwendete der Kanzler eine Senator-Karte, die er als Privatperson besitzt. So weit so korrekt. Und wie wird man "Senator"? Entweder man ist VIP und/oder fliegt laut "profil" pro Jahr 130.000 Meilen herum -als Privatperson wohlgemerkt.

Und genau hier gibt es ein Problem: Denn VIP ist Gusenbauer nur, weil er Kanzler bzw. vorher Parteichef wurde. Und zweitens: Wie schaffte es Gusenbauer als SP-Chef und Kanzler pro Jahr die notwendigen Flugmeilen als Privatflieger zu sammeln? Schliesslich sind Spitzenpolitiker in 99 Prozent der Flug-Fälle in offizieller Mission unterwegs.

Die Causa ist aufklärungsbedürftig. Umso mehr als die Sache an den ehemaligen Finanzminister erinnert. Karl-Heinz Grasser flog zu Weihnachten 2004 mit einem Economy-Ticket in der Business Class in den Urlaub. Im Unterschied zu Gusenbauer brauchte Grasser aber keine privat gesammelten Bonusmeilen vorlegen. Die SPÖ veranstaltete damals ein ziemliches Theater und forderte den Rücktritt Grassers.

So unterschiedlich im Detail die beiden Affären auch sind: Was bleibt, ist der Eindruck, dass es sich hier wieder einmal ein Spitzenpolitiker gerichtet hat. Und dass man gegenüber dem politischen Gegner nicht die Moral-Keule schwingen darf und dann selbst Vergünstigungen in Anspruch nimmt, die nicht glasklar begründbar sind.

Mit Blick auf Grasser und die alte Regierung hat Gusenbauer einmal von einer Verlotterung der Sitten gesprochen. Jetzt muss er sein Sittenbild der Öffentlichkeit eingehend darstellen.

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