WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Die Karten liegen bei der Bawag auf dem Tisch - von Alexis Johann

Moralisch bleibt Banking eine Gratwanderung

Wien (OTS) - Können Sie sich vorstellen, auf einen Schlag 18 Milliarden zu verlieren? Würde dieses Missgeschick Larry Page oder Sergey Brin, den fünft- und sechsreichsten Amerikanern, passieren, wären die beiden Google-Gründer wieder auf dem Niveau, von dem sie 1998 starteten: bei null. 18 Milliarden Dollar - diesen Verlust hat die US-Bank Citigroup allein im vierten Quartal aufgrund von schlechten Hypothekarkrediten eingefahren. Im Schlussquartal des Vorjahres waren es noch fünf Milliarden Dollar Gewinn gewesen.

Fazit? Bankgeschäfte bergen ein Risiko, auch wenn Bankmanager -
wie zuletzt Raiffeisen International- Chef Herbert Stepic im "Handelsblatt" - diesen Aspekt in Abrede stellen. Gute Banken gehen Risiko ein und machen damit Gewinne. Das Bank-Business ist riskant, nicht nur, weil Underlyings und Sicherheiten gehebelt werden, sondern auch, weil Banken enger miteinander verzahnt sind als andere Unternehmen einer Branche. Kreditinstitute vertrauen einander, denn das ist Teil ihres Geschäfts. Reizt einer das Spiel zu weit aus, reisst er andere mit in den Untergang. Die Subprime-Krise zeigt das jeden Tag deutlicher und wird uns noch Jahre begleiten.

Bankgeschäfte sind aber auch riskant, weil einzelne Manager enormen Handlungsspielraum haben, mit dem sie innerhalb von Sekunden das Ganze gefährden können. Egal, ob es um kleine Trader oder grosse Direktoren geht: Auch die beste Revision und die eifrigste Behörde kommt immer zu spät an den Tatort.

Als Österreicher wissen wir das nur allzu gut. Wir erlebten die Probleme der Bank Burgenland, der Hypo Alpe-Adria und der Bawag, auch wenn es dabei um vergleichsweise lächerliche Summen ging. Der Kredit der Bawag an den sterbenden US-Broker Refco betrug 425 Millionen Euro, ein Fünftel des Wertes der gesamten Bank. Und doch brachte er das Fass zum Überlaufen.

55 Tage erlebten wir die Einvernahme der neun im Bawag-Prozess beschuldigten Manager und Aufsichtsräte. Mit Ex-General Johann Zwettler und Ex-ÖGB-Finanzchef Günter Weninger haben sich zwei teilweise schuldig bekannt, Risiko unrichtig dargestellt zu haben. Darum geht es im Kern, weitere Geständnisse und Beweise sind nicht zu erwarten. Nun muss das Gericht beurteilen, ob diese Risiken branchenüblich waren - oder doch das normale Mass überzogen haben. Keine leichte Aufgabe angesichts der Zahlen, die nun von US-Banken geliefert werden. Aber das Urteil wird heimischen Bankern ihr künftiges Spielfeld juristisch begrenzen, moralisch bleibt Banking eine Gratwanderung.

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