- 09.01.2008, 10:43:56
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Prammer: Echte Gleichstellung und ökonomische Abhängigkeit schließen einander aus
Prammer und Bures bei Festveranstaltung anlässlich des 100. Geburtstages von Simone de Beauvoir
Wien (SK) - "Wer über kein Einkommen verfügt, ist in seiner
Lebensplanung nicht wirklich frei", betonte Nationalratspräsidentin
und SPÖ-Bundesfrauenvorsitzende Barbara Prammer am Dienstag Abend in
ihrer Eröffnungsrede im Rahmen der Festveranstaltung "Das andere
Geschlecht - Immer noch anders?" anlässlich des 100. Geburtstages von
Simone de Beauvoir, organisiert vom Renner-Institut und den
SPÖ-Bundesfrauen. Die Politik müsse dem Gegensteuern, so Prammer
weiter, man müsse etwa die Lohndiskriminierung bekämpfen und es sei
auch eine Veränderung der männlichen Rolle unumgänglich. "Echte
Gleichstellung und ökonomische Abhängigkeit schließen einander aus",
unterstrich die Nationalratspräsidentin, es brauche daher Frauen, die
immer wieder konsequent mehr Gerechtigkeit einfordern. ****
Seit die ersten Frauenrechtlerinnen zu kämpfen begonnen hätten sei
viel geschehen. Die Chancen für Frauen seien gestiegen und auch im
Bewusstsein der Frauen hätten die Ideen der Frauenbewegung Widerhall
gefunden. Trotz allem sei noch vieles unerledigt, so Prammer. "Das
größte Problem ist für mich der Einkommensunterschied zwischen
Männern und Frauen". Dieser habe sich in den letzten Jahren sogar
vergrößert, kritisierte die Nationalratspräsidentin. Und auch die
Entscheidungspositionen in Wirtschaft, Verwaltung, Politik und
Kirchen seien, trotz Verbesserungen, noch weitgehend in männlicher
Hand.
"Wer Frauen in Beruf und Öffentlichkeit gleiche Chancen einräumen
will, muss sie in der Familie entlasten", betonte Prammer. Die
derzeitige Doppelbelastung, der sich Frauen ausgesetzt sehen, mache
für manche Frauen die Erwerbstätigkeit uninteressant, die finanzielle
Abhängigkeit berge jedoch ein erhöhtes Armutsrisiko im Alter und
bringe viele Frauen dazu, Gewalt in Beziehungen jahrelang zu
erdulden. Prammer kritisierte in ihrer Rede auch, dass der "Druck zur
Normbiographie" wieder zugenommen habe. Kränkungen und Diffamierungen
von Frauen, die ein selbstbestimmtes Leben führen wollen, seien
wieder möglich, so die Nationalratspräsidentin, und sie verwies in
diesem Zusammenhang auf die wieder aufgeflammte Abtreibungsdebatte.
Zu Simone de Beauvoir bemerkte Prammer, dass das Buch "Das andere
Geschlecht" nach dessen Erscheinen im Jahr 1949 einen Sturm der
Entrüstung ausgelöst habe. "Welchen Fauxpas hat Simone de Beauvoir
begangen?" Die Autorin habe lediglich "gesagt was ist" und die
Einschränkungen für Frauen unter die Lupe genommen und "sie hat damit
an den Grundfesten des Patriarchats gerüttelt". Das bemerkenswerte an
de Beauvoirs Werk sei, so Prammer, dass es nicht nur eine
Beschreibung der Zustände liefere, sondern konsequent eine "Vision
der Freiheit vermittelt".
Bures: Rechtliche Abschaffung des Patriarchats mit Leben
erfüllen
"Feminismus heute heißt nach wie vor für die Befreiung aus der
Unterdrückung zu kämpfen, dafür zu kämpfen, dass Frauen unabhängig
leben können", betonte Frauenministerin Doris Bures in der
anschließenden Podiumsdiskussion. Was die rechtlichen Bedingungen
bezüglich Gleichstellung der Geschlechter betrifft, sei in den
letzten Jahren und Jahrzehnten viel geschehen, so Bures, nun gelte
es, "die rechtliche Abschaffung des Patriarchats mit Leben zu
erfüllen". Dies sei die Herausforderung der Frauenpolitik heute.
Legistisch habe man das Patriarchat überwunden, so Bures, und
verwies in diesem Zusammenhang auf die UN-Konvention zur
Gleichbehandlung, auf die österreichische Verfassung, auf das
Familienrecht und das Gewaltschutzgesetz. Trotz allem sei die
Lebenssituation für viele Frauen gleich geblieben. Noch immer gebe es
"verstaubte Rollenklischees", nach wie vor existieren die
Einkommensschere und die "Gläserne Decke". Daher, so Bures, "ist es
unsere Aufgabe, die gesetzlichen Voraussetzungen spürbar, erlebbar
und fühlbar zu machen".
In den letzten Jahren habe eine "Bildungsrevolution"
stattgefunden, es gebe mehr weibliche Maturanten und
Universitätsabsolventen als männliche. Trotz allem habe man
beispielsweise bei den Universitätsprofessoren ein Verhältnis von 85
Prozent zu 15 Prozent, es gebe in Österreich lediglich eine Rektorin
und nur 10 Prozent der Aufsichträte in Österreich seien weiblich. Die
Erfahrung habe gezeigt, so Bures, dass es nicht reiche, an das
Gewissen der Männer zu appellieren, sondern es brauche legistische
Instrumente. Deshalb trete sie für eine Wirtschaftsförderung ein, die
an die Frauenförderung in Betrieben geknüpft sei und auch vermehrte
Quotenregelungen seien anzudenken.
"Feminismus führt nicht zu Kinderlosigkeit", so Bures. Dies sehe
man an anderen Staaten, die sich verstärkt für die Rechte der Frauen
einsetzen würden. Für sie gehe darum, dass jede Frau ihr
Lebenskonzept entwickeln könne und dass es trotz Kindern möglich sei,
eine Karriere zu machen und ein gutes Einkommen zu erwirtschaften.
"Ich möchte, dass das, was für Männer selbstverständlich ist, auch
für Frauen selbstverständlich ist", betonte die Frauenministerin.
(Schluss) sw
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