- 07.01.2008, 18:22:57
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DER STANDARD-Kommentar: "1918 - 1938 - 1968 - 2008" von Josef Kirchengast
"Chance für neuen Schwung im Verhältnis von Österreichern und Tschechen"; Ausgabe vom 8.1.2008
Wien (OTS) - Freunde kann man sich aussuchen, Nachbarn nicht. Zwar
ist bei nationalen Stereotypen große Vorsicht geboten. Aber ein
bisschen stimmt es halt doch, dass Österreicher und Tschechen in
ihrer kollektiven Psyche einander ähneln. Es ist eine im Lauf der
gemeinsamen wechselvollen Geschichte entstandene Mischung aus
Überlegenheits- und Minderwertigkeitsgefühl, aus Präpotenz und
pragmatischem Anpasslertum, angereichert mit einem Hang zum
Verdrängen und zur Unehrlichkeit gegenüber sich selbst und anderen,
die diese Ähnlichkeit charakterisiert.
Wenn also ein Nachbar sich im anderen solcherart bis zu einem
gewissen Grad wiedererkennt, dann wird es mit der Freundschaft
schwierig. Es ist wie in einer alten Vernunftehe: Man kennt die
empfindlichsten Stellen des anderen und scheut nicht davor zurück,
sie zu treffen.
In diesem psychologischen Sinn ist Temelín geradezu idealtypisch. Das
österreichische Misstrauen gegenüber den Sicherheitsstandards des
südböhmischen Atomkraftwerks - freilich gefördert durch eine
Pannenserie - trifft die Tschechen in ihrer Ingenieursehre, einem der
wenigen Ankerpunkte nationaler Identifikation, der die historischen
Umbrüche überstanden hat.
Umgekehrt signalisieren die tschechische Hinhaltetaktik im Melker
Prozess zur Überprüfung der Sicherheit von Temelín und die
Verweigerung völkerrechtlicher Verbindlichkeit den Österreichern
unterschwellig, dass sie als Partner nicht wirklich ernst genommen
werden und das Abkommen allenfalls im berühmten Salzamt einklagen
können.
So gesehen ist der sachliche Ton, wie er etwa den gestrigen
Wien-Besuch des tschechischen Premiers Mirek Topolánek prägte, schon
ein Fortschritt. Aber das ist zu wenig, wenn es nur zur Beruhigung
dienen soll und nicht als Chance zu einem konstruktiven Neuansatz im
Verhältnis insgesamt begriffen wird. Und der ist notwendig. Das
zeigen nicht nur neue Grenzblockade-Drohungen österreichischer
Atomkraftgegner, die wissen, dass solche Aktionen für die
tschechische Seite - zu Recht - ein rotes Tuch sind. Es ist erst
wenige Jahre her, dass oberösterreichische Kinder schulfrei bekamen,
um an Grenzblockaden gegen Temelín teilnehmen zu können. Und nur
wenige Wochen ist es her, dass die Landeshauptleute von Ober- und
Niederösterreich nicht an den österreichisch-tschechischen
Grenzfeiern zur Erweiterung des Schengenraumes teilnahmen.
Bei all dem ist es eine paradoxe Binsenweisheit, dass die
Alltagsbeziehungen weit besser sind, als es Streitfälle wie Temelín
vermuten lassen (was vermutlich ebenfalls psychologisch zu erklären
ist). Die wirtschaftlichen Verflechtungen sind eng, regional und
lokal gibt es unzählige politische, gesellschaftliche, kulturelle und
persönliche Initiativen und Kontakte. Was fehlt, ist die quasi
offizielle Klammer, ein von führenden Repräsentanten beider Länder
gemeinsam artikulierter Wille.
2008 bietet mit einer Anhäufung runder Jahrestage die Chance dazu.
1918 - Zusammenbruch der Monarchie; 1938 - "Anschluss" Österreichs an
Hitlerdeutschland mit Zerschlagung der Tschechoslowakei im Jahr
darauf; und schließlich 1968 - Niederschlagung des "Prager Frühlings"
und Aufnahme tausender ÈSSR-Bürger in Österreich: All diese
historischen Daten verdeutlichen, wie sehr die Schicksale beider
Nationen miteinander verknüpft sind. Und sie stehen damit
stellvertretend für alle Völker Mitteleuropas.
Statt einer gewissen Arroganz und Selbstgenügsamkeit, die man in Wien
wie in Prag aus dieser Rolle zuweilen abgeleitet hat, könnte man es
nun einmal mit verständnisvoller Demut versuchen. Was 1968 betrifft,
so wurde schon einmal die historische Chance verpasst, die positiven
Erinnerungen vieler Tschechen und Österreicher für einen neuen
Schwung in den Beziehungen zu nutzen: als nach dem Fall des Eisernen
Vorhangs 1989 business as usual betrieben wurde. Allzu oft
wiederholen sich solche Chancen nicht.
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