DER STANDARD-Kommentar: "1918 - 1938 - 1968 - 2008" von Josef Kirchengast

"Chance für neuen Schwung im Verhältnis von Österreichern und Tschechen"; Ausgabe vom 8.1.2008

Wien (OTS) - Freunde kann man sich aussuchen, Nachbarn nicht. Zwar ist bei nationalen Stereotypen große Vorsicht geboten. Aber ein bisschen stimmt es halt doch, dass Österreicher und Tschechen in ihrer kollektiven Psyche einander ähneln. Es ist eine im Lauf der gemeinsamen wechselvollen Geschichte entstandene Mischung aus Überlegenheits- und Minderwertigkeitsgefühl, aus Präpotenz und pragmatischem Anpasslertum, angereichert mit einem Hang zum Verdrängen und zur Unehrlichkeit gegenüber sich selbst und anderen, die diese Ähnlichkeit charakterisiert.
Wenn also ein Nachbar sich im anderen solcherart bis zu einem gewissen Grad wiedererkennt, dann wird es mit der Freundschaft schwierig. Es ist wie in einer alten Vernunftehe: Man kennt die empfindlichsten Stellen des anderen und scheut nicht davor zurück, sie zu treffen.
In diesem psychologischen Sinn ist Temelín geradezu idealtypisch. Das österreichische Misstrauen gegenüber den Sicherheitsstandards des südböhmischen Atomkraftwerks - freilich gefördert durch eine Pannenserie - trifft die Tschechen in ihrer Ingenieursehre, einem der wenigen Ankerpunkte nationaler Identifikation, der die historischen Umbrüche überstanden hat.
Umgekehrt signalisieren die tschechische Hinhaltetaktik im Melker Prozess zur Überprüfung der Sicherheit von Temelín und die Verweigerung völkerrechtlicher Verbindlichkeit den Österreichern unterschwellig, dass sie als Partner nicht wirklich ernst genommen werden und das Abkommen allenfalls im berühmten Salzamt einklagen können.
So gesehen ist der sachliche Ton, wie er etwa den gestrigen Wien-Besuch des tschechischen Premiers Mirek Topolánek prägte, schon ein Fortschritt. Aber das ist zu wenig, wenn es nur zur Beruhigung dienen soll und nicht als Chance zu einem konstruktiven Neuansatz im Verhältnis insgesamt begriffen wird. Und der ist notwendig. Das zeigen nicht nur neue Grenzblockade-Drohungen österreichischer Atomkraftgegner, die wissen, dass solche Aktionen für die tschechische Seite - zu Recht - ein rotes Tuch sind. Es ist erst wenige Jahre her, dass oberösterreichische Kinder schulfrei bekamen, um an Grenzblockaden gegen Temelín teilnehmen zu können. Und nur wenige Wochen ist es her, dass die Landeshauptleute von Ober- und Niederösterreich nicht an den österreichisch-tschechischen Grenzfeiern zur Erweiterung des Schengenraumes teilnahmen.
Bei all dem ist es eine paradoxe Binsenweisheit, dass die Alltagsbeziehungen weit besser sind, als es Streitfälle wie Temelín vermuten lassen (was vermutlich ebenfalls psychologisch zu erklären ist). Die wirtschaftlichen Verflechtungen sind eng, regional und lokal gibt es unzählige politische, gesellschaftliche, kulturelle und persönliche Initiativen und Kontakte. Was fehlt, ist die quasi offizielle Klammer, ein von führenden Repräsentanten beider Länder gemeinsam artikulierter Wille.
2008 bietet mit einer Anhäufung runder Jahrestage die Chance dazu. 1918 - Zusammenbruch der Monarchie; 1938 - "Anschluss" Österreichs an Hitlerdeutschland mit Zerschlagung der Tschechoslowakei im Jahr darauf; und schließlich 1968 - Niederschlagung des "Prager Frühlings" und Aufnahme tausender ÈSSR-Bürger in Österreich: All diese historischen Daten verdeutlichen, wie sehr die Schicksale beider Nationen miteinander verknüpft sind. Und sie stehen damit stellvertretend für alle Völker Mitteleuropas.
Statt einer gewissen Arroganz und Selbstgenügsamkeit, die man in Wien wie in Prag aus dieser Rolle zuweilen abgeleitet hat, könnte man es nun einmal mit verständnisvoller Demut versuchen. Was 1968 betrifft, so wurde schon einmal die historische Chance verpasst, die positiven Erinnerungen vieler Tschechen und Österreicher für einen neuen Schwung in den Beziehungen zu nutzen: als nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 business as usual betrieben wurde. Allzu oft wiederholen sich solche Chancen nicht.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001