- 27.12.2007, 18:03:28
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Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch
Ein Mord und die Religion
Wien (OTS) - Von der ersten Sekunde der Ermordung Benazir Bhuttos
an war es klar: Die nächsten Wochen und Jahre werden in Pakistan von
Schuldzuweisungen in viele Richtungen geprägt sein. Naturgemäß kann
auch ein europäischer Tagebuchschreiber hier nicht die richtige
Lösung präsentieren.
Sehr wohl aber lässt sich sagen: Die Teilung Südasiens in religiös
geprägte Staaten war von Anfang an ein Unheil, wie es schon Mahatma
Gandhi diagnostiziert hatte. Religiöse Fanatiker und Extremisten
finden dort einen idealen Nährboden. Was etwa auch die schweren
antichristlichen Übergriffe indischer Hindus zu Weihnachten zeigten.
Auch Europas monoreligiöse Staaten ("Cuius regio, eius religio")
waren lange ähnlich problematisch strukturiert. Erst die Aufklärung
brachte mit der Betonung von Toleranz und Vernunft die notwendige
Ergänzung zu den christlichen Basiswerten Nächstenliebe und
Menschenwürde. Lob für diese Kombination meint keinen eitlen
Eurozentrismus; das selbe Europa hat ja mit den (antichristlichen und
antiaufklärerischen) Ideologien von Kommunismus und
Nationalsozialismus auch die absoluten Antithesen produziert.
*
Apropos Nächstenliebe: Viele christliche Botschaften zum
Weihnachtsfest - mit der lobenswerten Ausnahme Christoph Schönborn -
haben versucht, den christlichen Auftrag zur Nächstenliebe durch
einen Lizitationswettbewerb zu ersetzen, was die Allgemeinheit noch
alles fördern soll. Dieser Problemtransfer Richtung Staat findet
freilich im Evangelium keine Basis. Er ist in der Wirkung sogar
antichristlich: Er entbindet die Menschen durch Abschieben auf den
Staat immer mehr vom Bewusstsein der persönlichen Verantwortung für
den Nächsten - aber auch für sich selbst und die eigene Familie. Er
führt zu egoistischer Schuldenmacherei zulasten der nächsten
Generation. Und er schafft kalte und herzlose Bürokratien.
Wenn sich die Kirche ständig fast nur noch mit Sätzen äußert, die
mit "Der Staat soll . . ." beginnen, dann sollte sie sich nicht
wundern, dass ihr eine aktuelle Umfrage einen katastrophalen
Vertrauensverlust bescheinigt. Wer seine Identität auf- und sich
fadenscheinigem Politaktionismus hingibt, der verliert langfristig
immer Respekt.
http://www.wienerzeitung.at/tagebuch
Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
mailto:[email protected]
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