• 20.12.2007, 18:17:31
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DER STANDARD-KOMMENTAR "Europa ist anderswo" von Anton Pelinka

Österreich zeigt sich im Bildungsbereich als Provinz und nicht als Exzellenz - Ausgabe vom 21.12.2007

Wien (OTS) - Kennen Sie den Typus? Ehrgeizig, spricht fließend
Englisch, Anfang 20, hat soeben sein (Erst-)Studium an einer
Universität in seinem (ihrem) Land abgeschlossen und sucht nun einen
Studienplatz für ein Master-Studium; für die zweite Stufe
wissenschaftlicher Ausbildung, wie es der europäisch koordinierte
Bologna-Prozess vorsieht. Er (sie) weiß, dass die Karrierechancen
steigen, wenn ein solches Studium an einer Universität jenseits der
Grenzen des eigenen Landes absolviert wird. Was kann mit hoher
Wahrscheinlichkeit von einer so zielstrebig, europäisch orientierten
Person vermutet werden?
Erstens, die Wahrscheinlichkeit, dass es sich dabei um eine(n)
Österreicher(in) handelt, ist extrem gering; zweitens tendiert die
Wahrscheinlichkeit, dass ein(e) Nichtösterreicher(in) daran denkt,
sein/ihr Master- (oder auch Doktorats-) Studium in Österreich zu
absolvieren, gegen null.
Auf dem Radarschirm des sich entwickelnden gemeinsamen europäischen
Marktes universitärer Bildung kommt Österreich eigentlich nicht vor
-sieht man von den deutschen Numerus-clausus-Flüchtlingen einmal ab.
Wer will schon in Österreich studieren, wenn es kaum konsequent
strukturierte Studienangebote in englischer Sprache gibt? Nur, um in
Österreich zu studieren, lernt der erwähnte Typus - komme er (sie)
aus Litauen oder aus Georgien - nicht Deutsch. Denn in Norwegen,
Polen und Ungarn und auch in Deutschland, ganz abgesehen von Irland
und Großbritannien, gibt es Studienangebote, die sich um die
europäische Nachfrage bemühen, mit offenen Grenzen und einem komplett
englischsprachigen Studienprogramm.
Österreich kennt kaum das "incoming" des neuen Typus, der Europa
zunehmend bestimmt. Österreich kennt auch kaum das "outgoing": Erste
Beobachtungen deuten an, dass an Österreichs Universitäten meist die
Erwartung herrscht, diejenigen, die nach drei Jahren ihren "Bachelor"
haben, werden auch ihren "Master" machen - aber "bei uns", an ein-
und derselben Universität. In Österreich droht der immer schon stark
entwickelte akademische Nesthocker zum Regelfall zu werden.
Das alles zeigt, dass die österreichische Gesellschaft geistig noch
nicht in Europa angekommen ist. Als es darum ging, den
sprichwörtlichen "Polish Plumber" als Chance oder als Bedrohung zu
sehen, votierte Österreich für die Angst: Siebenjährige
Übergangsfristen wurden gewählt. Der tüchtige "Polish Plumber" ist
inzwischen in London, Dublin oder Stockholm. Wenn endlich die Grenzen
für den Arbeitsmarkt fallen - spätestens 2011 - werden wir
feststellen, dass alle hier gebrauchten, gut ausgebildeten Fachleute
aus Mittel- und Osteuropa entweder zuhause bleiben, weil das dortige
Wirtschaftswachstum das Lohnniveau ständig hebt, oder eben schon
längst woanders sind.
Aufhebung der Grenzkontrollen, als Folge des Beitritts von vier
Nachbarstaaten zum Schengen-Raum? Die Interessen des burgenländischen
Gastgewerbes sind auf Soldaten des Assistenzeinsatzes fixiert. Die
lokalpolitischen Rufe nach dem Bundesheer an einer EU-Innengrenze
zeugen vom Missverständnis, was europäische Integration bedeutet.
Wenn die jüngsten Migrationsstatistiken EU-Bürgerinnen und -Bürger
als "Ausländer" ausweisen, so schließt sich der Kreis: Slowakische
Pflegerinnen sind eben nicht "Fremde", spätestens 2011 wird man das
sogar in Österreich begreifen müssen. Inzwischen verdient sich
Österreichs Wirtschaft in Mittel- und Osteuropa die sprichwörtlich
goldenen Nasen - deshalb, weil Rumänien oder Slowenien eben nicht
mehr Ausland sind.
Alle erklären, Österreich sei keine Insel. Aber das Bewusstsein, das
bleibt insular. Wenn an einer österreichischen Universität - so
geschehen in Innsbruck - ein Studienprogramm am Senat der Universität
scheitert, weil die "Staatssprache" eben Deutsch und ein komplett
englischsprachiges Master-Programm daher nicht zuzulassen ist, dann
zeigt sich Österreich nicht als Insel, sondern als Provinz. Da mag es
durchaus auch gemütlich sein. Nur höre man auf, immer von "Exzellenz"
und ähnlichen Dingen zu reden.

Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

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