DER STANDARD-KOMMENTAR "Europa ist anderswo" von Anton Pelinka

Österreich zeigt sich im Bildungsbereich als Provinz und nicht als Exzellenz - Ausgabe vom 21.12.2007

Wien (OTS) - Kennen Sie den Typus? Ehrgeizig, spricht fließend Englisch, Anfang 20, hat soeben sein (Erst-)Studium an einer Universität in seinem (ihrem) Land abgeschlossen und sucht nun einen Studienplatz für ein Master-Studium; für die zweite Stufe wissenschaftlicher Ausbildung, wie es der europäisch koordinierte Bologna-Prozess vorsieht. Er (sie) weiß, dass die Karrierechancen steigen, wenn ein solches Studium an einer Universität jenseits der Grenzen des eigenen Landes absolviert wird. Was kann mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer so zielstrebig, europäisch orientierten Person vermutet werden?
Erstens, die Wahrscheinlichkeit, dass es sich dabei um eine(n) Österreicher(in) handelt, ist extrem gering; zweitens tendiert die Wahrscheinlichkeit, dass ein(e) Nichtösterreicher(in) daran denkt, sein/ihr Master- (oder auch Doktorats-) Studium in Österreich zu absolvieren, gegen null.
Auf dem Radarschirm des sich entwickelnden gemeinsamen europäischen Marktes universitärer Bildung kommt Österreich eigentlich nicht vor -sieht man von den deutschen Numerus-clausus-Flüchtlingen einmal ab. Wer will schon in Österreich studieren, wenn es kaum konsequent strukturierte Studienangebote in englischer Sprache gibt? Nur, um in Österreich zu studieren, lernt der erwähnte Typus - komme er (sie) aus Litauen oder aus Georgien - nicht Deutsch. Denn in Norwegen, Polen und Ungarn und auch in Deutschland, ganz abgesehen von Irland und Großbritannien, gibt es Studienangebote, die sich um die europäische Nachfrage bemühen, mit offenen Grenzen und einem komplett englischsprachigen Studienprogramm.
Österreich kennt kaum das "incoming" des neuen Typus, der Europa zunehmend bestimmt. Österreich kennt auch kaum das "outgoing": Erste Beobachtungen deuten an, dass an Österreichs Universitäten meist die Erwartung herrscht, diejenigen, die nach drei Jahren ihren "Bachelor" haben, werden auch ihren "Master" machen - aber "bei uns", an ein-und derselben Universität. In Österreich droht der immer schon stark entwickelte akademische Nesthocker zum Regelfall zu werden.
Das alles zeigt, dass die österreichische Gesellschaft geistig noch nicht in Europa angekommen ist. Als es darum ging, den sprichwörtlichen "Polish Plumber" als Chance oder als Bedrohung zu sehen, votierte Österreich für die Angst: Siebenjährige Übergangsfristen wurden gewählt. Der tüchtige "Polish Plumber" ist inzwischen in London, Dublin oder Stockholm. Wenn endlich die Grenzen für den Arbeitsmarkt fallen - spätestens 2011 - werden wir feststellen, dass alle hier gebrauchten, gut ausgebildeten Fachleute aus Mittel- und Osteuropa entweder zuhause bleiben, weil das dortige Wirtschaftswachstum das Lohnniveau ständig hebt, oder eben schon längst woanders sind.
Aufhebung der Grenzkontrollen, als Folge des Beitritts von vier Nachbarstaaten zum Schengen-Raum? Die Interessen des burgenländischen Gastgewerbes sind auf Soldaten des Assistenzeinsatzes fixiert. Die lokalpolitischen Rufe nach dem Bundesheer an einer EU-Innengrenze zeugen vom Missverständnis, was europäische Integration bedeutet. Wenn die jüngsten Migrationsstatistiken EU-Bürgerinnen und -Bürger als "Ausländer" ausweisen, so schließt sich der Kreis: Slowakische Pflegerinnen sind eben nicht "Fremde", spätestens 2011 wird man das sogar in Österreich begreifen müssen. Inzwischen verdient sich Österreichs Wirtschaft in Mittel- und Osteuropa die sprichwörtlich goldenen Nasen - deshalb, weil Rumänien oder Slowenien eben nicht mehr Ausland sind.
Alle erklären, Österreich sei keine Insel. Aber das Bewusstsein, das bleibt insular. Wenn an einer österreichischen Universität - so geschehen in Innsbruck - ein Studienprogramm am Senat der Universität scheitert, weil die "Staatssprache" eben Deutsch und ein komplett englischsprachiges Master-Programm daher nicht zuzulassen ist, dann zeigt sich Österreich nicht als Insel, sondern als Provinz. Da mag es durchaus auch gemütlich sein. Nur höre man auf, immer von "Exzellenz" und ähnlichen Dingen zu reden.

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