Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Die Grünen - Wozu?

Wien (OTS) - In Jahren ohne Wahlen spielen Meinungsumfragen eine besonders wichtige Rolle. Während die meisten Parteien aus diesen derzeit noch keine wirklich entscheidenden Trends herauslesen können, ist die Botschaft an die Grünen völlig klar. Ihnen wird ein kontinuierlicher Abstieg bescheinigt - obwohl sie ja traditionell als Umfrage-Kaiser (und Wahl-Bettler) gelten. Jetzt aber reüssieren sie nicht einmal mehr bei den Meinungsforschern.

Was sind die Ursachen dafür? Eine ist das langsame Verblassen des sich von der Konkurrenz positiv abhebenden professoralen Charmes an der Spitze, während ringsum keine attraktive Alternative in Sicht ist. Viel gravierender sind aber die inhaltlichen Defizite. Die Grünen haben nie eine konsistente programmatische Konzeption zustandegebracht, sondern sich meist mit der Haltung ihres betuchten Stammpublikums aus den Szene-Beiseln begnügt: Dieses will keine Verantwortung tragen, sondern lieber gegen alles und jedes sein - das aber von einer moralisch erhabenen Warte aus.
Die wenigen relevanten Nischen der Grünen sind längst von anderen Parteien besetzt worden: In der Umweltnische sind die Positionen von VP und SP (die oft auf Kosten der Wirtschaftskompetenz gehen) zumindest verbal nicht mehr zu überbieten. In Sachen selbstbescheinigtes Gutmenschtum wiederum ist die halbe SPÖ so lautstark wie die Grünen (auch wenn die mächtigere Hälfte mit Gusenbauer und Darabos letztlich immer viel pragmatischer agiert). In der einstigen grünen Hochburg, den Schulen, haben die Grünen mit ihrer Gesamtschul-Fixierung viel Boden an die ÖVP verloren. Ihr Schwenk zu einer Pro-EU-Linie hat die hochmütig wie realitätsfern alles besser wissende Schickeria Richtung Attac&Co vertrieben. Die neue Rolle als Propagandist des ORF zieht die Grünen mit in den steilen Abwärtssog der Rundfunkanstalt. Und dort, wo sie die Mehrheit errungen haben, taumeln sie wie eine KPÖ-Reinkarnation: So etwa in der Wiener Josefstadt, wo sie eine Polemik mit der wichtigsten Pfarre des Bezirks beginnen und dann in ihrem Bezirksblatt ausgerechnet den einstigen Kommunistenführer Gramsci feiern.

Kurzum: Das Urproblem der Grünen ist das Fehlen einer Antwort auf die zentralen Fragen: Wo stehen wir? Wozu gibt es uns überhaupt?

www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
redaktion@wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR0001