- 14.12.2007, 15:49:54
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KURIER-EXKLUSIV: Interview mit Arigona Zogaj
"Lebend gehe ich nicht in den Kosovo zurück"
Wien (OTS) - Arigona Zogaj über ihre Angst vor der Polizei, über
Hoffnungslosigkeit und den Tag, an dem sie in den Kosovo zurück muss.
Aus dem Pfarrhaus von Ungenach in Oberösterreich dringt
Kinderlachen. Seit 1981 finden hier, unter der Obhut von "Pfarrer
Zivilcourage", Flüchtlinge und ihre Familien Asyl - Polen, Kurden,
Bosnier, Mongolen. Und die 15-jährige Arigona Z., nachdem sie auf der
Flucht vor der Fremdenpolizei elf Tage lang untergetaucht war.
Als wir sie und Pfarrer Friedl am Donnerstagabend zum Interview
treffen, ist die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes noch
ausständig. Es lebt noch ein ganz kleines bisschen Hoffnung, wenn
Arigona - in breitestem oberösterreichischem Dialekt und immer wieder
mit ihrer weißen Plastikperlenkette spielend - über ihre Heimat
Österreich spricht, über ihre kleinen Geschwister im Kosovo, von
denen sie und ihre Mutter Nurie seit fast drei Monaten getrennt sind,
vom Papa und von den älteren Brüdern. Hoffnung, dass Innenminister
Platter Gnade walten lassen möge.
Diese Hoffnung wird am Freitag zerschlagen.
KURIER: Wann haben Sie zuletzt mit Ihren Geschwistern telefoniert?
Arigona Zogaj: Am Mittwoch. Die zwei Kleinen weinen jedes Mal, sie
wollen zurück nach Hause, zur Mama. Es tut so gut, ihre Stimme zu
hören. Aber es ist g'scheit teuer.
Wie geht es Ihrer Mutter?
Arigona Zogaj: Meiner Mama geht es immer sehr schlecht, wenn sie
mit Albin und Albona gesprochen hat. Ich mache mir große Sorgen um
sie. Sie kann es nicht verkraften, ihre Kinder nicht mehr bei sich zu
haben. Zu allem Überfluss kam vor ein paar Tagen auch noch eine
Rechnung vom Spital über mehr als 5000 Euro. Dabei waren wir bis vor
Kurzem nicht einmal krankenversichert!
Was für eine Rechnung?
Arigona Zogaj: Mama ist in psychiatrischer Behandlung, sie ist
nervlich am Ende. Sie nimmt sechs verschiedene Medikamente. Danach
ist sie ruhig. Der Psychiater, der sie untersucht hat, sagt: Deine
Mama ist eine gebrochene Frau.
Aber ihre Tochter Arigona, die ist unglaublich stark.
Arigona Zogaj: Ich hab' sicher mehr Kraft als die Mama. Weil ich
Freundinnen habe, die zu mir halten. Super-Freundinnen! Ohne sie
hätte ich das alles nicht durchstehen können. Manchmal kann ich es
kaum mehr aushalten. Ich hab' ja meine kleineren Geschwister immer
zur Schule gebracht. Oft auch am Abend ins Bett, weil die Mama ja
auch gearbeitet hat. Jetzt darf sie nicht mehr arbeiten. Wenn wir
den Pfarrer Friedl nicht hätten, könnten wir unsere Rechnungen schon
lange nicht mehr bezahlen.
Wie nennen Sie den Herrn Pfarrer?
Ich darf ihn Josef nennen. Auch er versteht nicht, wie man kleine
Kinder von der Mutter trennen kann. Warum sie nicht wenigstens die
Kleinen hier lassen konnten.
Durch Ihre Flucht haben Sie große öffentliche Aufmerksamkeit für das
Thema Migration geschaffen. Ist Ihnen das eigentlich bewusst?
Arigona Zogaj: Ja, schon. Aber es war natürlich nicht geplant. Ich
hatte ganz einfach riesige Angst vor der Polizei und ihren Tricks.
Welchen Tricks?
Arigona Zogaj: Am Tag, an dem sie unser Haus mit fünf Autos
umstellt haben, um uns abzuführen, war ich gerade bei der Fahrstunde
für den Mopedführerschein. Freundinnen haben mich gewarnt. Das war
mein Glück. Meinen älteren Brüdern hatten die Kieberer schon vorher
eine Falle gestellt. Dann rief eine männliche Stimme auf meinem Handy
an. Ich bin ein Bekannter vom Alban, deine Mutter macht sich Sorgen,
wo bist du?, wollte der Mann wissen. Ich wusste sofort, dass das ein
Kieberer war. Und hab' ihn angelogen. Ich bin bei meinem Onkel, hab'
ich gesagt. Fünf Minuten später war sein Haus auch umstellt.
Ihre Reaktion?
Arigona Zogaj: Ich hab' mein Handy zerlegt, damit sie mich nicht
mehr orten können und bin untergetaucht.
War das nie Thema in Ihrer Familie, dass Sie abgeschoben werden
könnten?
Arigona Zogaj: Wir wussten schon, dass da ein Verfahren läuft.
Aber wir dachten, dass wir vorher einen Brief bekommen, dass uns
jemand die Lage erklärt und dass der Anwalt noch was tun kann. Diesen
Brief hat die Polizei aber am 26. September, als sie uns alle
mitnehmen wollten, gleich mitgebracht. Heute weiß ich, dass das
"Finalisierung vor Ort" heißt und zur Taktik der Fremdenpolizei
gehört.
Haben Sie Angst vor der Polizei?
Arigona Zogaj: Arigona heißt übersetzt "Stolz". Das passt sehr gut
zu mir. Ich habe mich nie vor etwas gefürchtet, aber vor der Polizei
fürchte ich mich.
Sie haben immer wieder gesagt, dass Sie unter keinen Umständen in den
Kosovo zurück wollen. Warum eigentlich nicht?
Arigona Zogaj: Weil ich dort überhaupt keine Zukunft habe! Meine
Freundinnen sind hier, meine Schule ist in Österreich, ich möchte
Friseurin werden, ich spreche eure Sprache. Was soll ich im Kosovo?
Nicht böse sein, aber zwei Millionen Menschen leben im Kosovo und sie
überleben auch.
Arigona Zogaj: Ich weiß nicht, ob Sie je im Kosovo waren. Die
Arbeitslosigkeit dort beträgt 60 Prozent. Die allermeisten Familien
haben Verwandte in Österreich, in Deutschland oder in der Schweiz,
die ihnen Geld schicken. Deshalb überleben sie. So möchte ich aber
nicht leben. Und so könnte mein Vater mich und meine vier Geschwister
auch nicht ernähren.
Es hat Angebote gegeben für den Fall, dass Sie und Ihre Mutter
freiwillig in Ihre Heimat zurückkehren.
Arigona Zogaj: Meine Heimat ist Österreich. Ganz bestimmt nicht
der Kosovo. Wenn ich an den Kosovo denke, sehe ich Tote und
verstümmelte Leichen. Dann tauchen Bilder auf von unserer Flucht. Da
hatte meine Mama meine kleine Schwester auf dem Arm, mit dem Albin
war sie schwanger. Ja, sie haben uns einen Traktor angeboten, wenn
wir zurückgehen. Das ist ja nett, aber was sollen wir mit einem
Traktor? Wir sind keine Bauern. Mein Vater hat auf einer Putenfarm
gearbeitet. Sein Chef sagt, er würde ihn jederzeit zurücknehmen. Aber
er ist kein Bauer.
Trotzdem sind Ihre Chancen, in Österreich bleiben zu können, äußerst
gering.
Arigona Zogaj: Ich hoffe trotzdem. Ich höre nicht auf zu hoffen.
Ich habe das dem Innenminister auch geschrieben. Ich hab' ihm eine
Weihnachtskarte geschrieben, in der steht: Bitte, Herr Minister,
lassen Sie meine kleinen Geschwister zur Mama zurückkommen. Er hätte
die Macht.
Und wenn er gegen Ihre Familie entscheidet?
Arigonas Augen füllen sich mit Tränen. Sie sagt lange nichts. Nach
einem kurzen Blickkontakt mit Pfarrer Friedl, der ihr aufmunternd
zunickt, erklärt sie mit fester Stimme:
Arigona Zogaj: Ich gehe nicht lebend in den Kosovo zurück. Als ich
das in meinem Brief geschrieben habe, hatte meine Mama einen
Nervenzusammenbruch. Inzwischen weiß sie, dass das so ist.
Sie drohen erneut mit Selbstmord.
Arigona Zogaj: Ich drohe bestimmt niemandem. Ich sage nur, dass
ich lieber sterbe als abgeschoben zu werden.
Pfarrer Josef Friedl sagt: Wenn sie Arigona abschieben wollen,
dann müssen sie sie hier, im Pfarrhof von Ungenach, abholen. Von mir
persönlich.
Hat sich dieser Kampf gelohnt, Arigona?
Arigona Zogaj: Für mich vielleicht nicht. Aber wenn ich durch mein
Handeln Diskussionen ausgelöst und nachfolgenden Familien geholfen
habe, dann hat es wenigstens einen Sinn gehabt.
Rückfragehinweis:
KURIER
Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649
mailto:[email protected]
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