• 12.12.2007, 12:01:50
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Arm sein ist ungesund

Gesundheit muss in allen Politikfeldern berücksichtigt werden!

Life expectancy of a 35-year-old by social group in 1981-2000, (Lebenserwartung 35-Jähriger nach Ssozialen Gruppen 1981-2000)

Linz (OTS) - Gesundheit ist nicht nur ein Produkt des
individuellen Gesundheitsverhaltens, sondern vor allem auch des
sozio-ökonomischen Status einer Person. Das belegen Studien und
konkrete Zahlen der EU und der OÖGKK. Das wesentliche Element für
eine tragfähige und gerechte Gesundheitsversorgung sollte aus Sicht
der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse zukünftig auf zwei
Beinen stehen: Erstens ein weiterhin wirkungsvoller solidarischer
Versicherungsschutz und zweitens eine Ausdehnung der
Gesundheitspolitik über "Health in all Policies" auf andere
Politikfelder, die auf die Lebensumstände der Menschen Einfluss
nehmen. Zum Beispiel in der Sozialpolitik und Bildungspolitik auf
Bundesebene, Wohnbaupolitik auf Landesebene und auf kommunaler Ebene
die Stadtplanung.

In einem der reichsten Länder der Erde, nämlich in Österreich,
nehmen nach einer Phase gleichmäßigerer Verteilung des Wohlstandes am
Beginn des 21. Jahrhunderts sowohl Armut als auch Reichtum zu: Mehr
als eine Million Menschen sind in Österreich armutsgefährdet, 12
Prozent der Bevölkerung müssen mit knappstem Einkommen leben und bei
jedem Euro überlegen, ob sie diesen ausgeben können. 422.000 Menschen
in Österreich sind verfestigt arm. Diese Menschen haben ein niedriges
Einkommen und sind auf Grund ihrer finanziellen Situation von vielen
Lebensbereichen ausgeschlossen. Bei schlechtem Gesundheitszustand
können sich diese Menschen nicht die nötige Behandlung bei
vorhandenen Selbstbehalten leisten: Maßnahmen dagegen sind etwa die
Rezeptgebührenbefreiung, der Unterstützungsfonds der Krankenkassen,
und aktuell die bevorstehende Deckelung bei den Rezeptgebühren.
Krankmachende Wohnverhältnisse, Zahlungsrückstände, reduzierte
Bildungschancen etc. manifestieren die Armut.

Der Zusammenhang zwischen dem sozialen Status und dem
Gesundheitszustand geht aus dem Mikrozensus der Statistik Austria
hervor: demnach wirkt sich der sozio-demografische Status (Bildung,
Berufsstand, Einkommen) sowohl auf das Gesundheitsverhalten (Rauchen,
Alkohol, Ernährung, Bewegung, Vorsorge) als auch auf den
Gesundheitszustand aus: "Niedrig Gebildete haben häufiger und
durchschnittlich mehr Beschwerden als Personen mit höherer Bildung",
so OÖGKK-Obmann Alois Stöger.

OÖGKK spürt Armut direkt und unmittelbar

2006 waren in Oberösterreich 72.881 Menschen (Zahl ohne
Angehörige) aufgrund ihres niedrigen Einkommens von der Rezeptgebühr
(derzeit Euro 4,70) befreit, 2002 waren dies noch 47.512. Ein
weiteres Indiz für die zunehmende Armuts-Problematik sind die stetig
steigenden Anträge an den Unterstützungsfonds der OÖGKK. Diese
stiegen von 1.802 (1996) auf 7.047 (2006) Fälle. Die Ausgaben des
Unterstützungsfonds der OÖGKK stiegen von 537.250 Euro (1996) auf
1,656.899 Euro. OÖGKK-Obmann Alois Stöger: "Die weiter zunehmende
Belastung unserer Versicherten stimmt uns bedenklich und zeigt die
dramatische Zunahme der Armut bzw. Armutsgefährdung auch in
Oberösterreich. Hier ist die Politik gefordert, wirkungsvolle
Gegenmaßnahmen zu ergreifen."

Menschen ohne e-card

Unverändert ist auch die Versorgungslage der Sozialhilfeempfänger
(ca. 126.000) in Österreich, die keine e-card haben und vor jedem
Arztbesuch auf das Sozialamt müssen. Hintergrund: Wer wegen langer
Arbeitslosigkeit aus der Sozialhilfe fällt, verliert in der Regel
auch seinen Krankenversicherungsschutz. Vor jedem Arztbesuch muss ein
"Krankenhilfeschein" besorgt werden, mit dem dann der Arzt besucht
werden kann. Dieser Vorgang ist für die Betroffenen beschämend, viele
gehen aus diesem Grund nicht zum Arzt. Aus Sicht der
Gebietskrankenkassen ist hier anzufügen, dass die Sozialhilfe die
Sozialversicherungsbeiträge zahlen soll.

Besonders betroffen von Armut sind auch Menschen (ca.100.000), die
kurzzeitig ohne Krankenversicherungsschutz dastehen:

- Frauen nach einer Scheidung, die bisher beim Mann mitversichert 
   waren.
 - Mütter in prekären Beschäftigungsverhältnissen, die sich Mitte 
   des Monats entscheiden müssen ob sie die Miete oder die 
   Krankenversicherungs-Beiträge zahlen sollen.
 - Arbeitslose mit psychischen Problemen, die wegen 
   Terminversäumnissen beim AMS automatisch abgemeldet werden.
 - Natürlich illegal in Österreich befindliche Ausländer wie z.B. 
   nicht gemeldete Pflegekräfte.

Armut in Österreich

Der aktuelle "Medianlebensstandard" (mittlerer Wert) liegt bei
einem Einkommen von 17.993 Euro brutto (2005). Vor allem
Vollzeit-Erwerbstätigkeit und hohe Bildung sind Faktoren, die mit
höherem Lebensstandard einhergehen. Einen deutlich niedrigeren
relativen Lebensstandard haben alleinstehende Pensionistinnen,
kinderreiche Haushalte und Ein-Eltern-Familien sowie Migrantinnen und
Migranten. Haushalte, deren Haupteinkommensquelle aus
Sozialleistungen (ohne Pensionen) besteht, haben den niedrigsten
Lebensstandard.

60 Prozent des Medianeinkommens bilden nach europäischer
Konvention die Armutsgefährdungsschwelle, das sind in Österreich für
einen Einpersonenhaushalt 10.796 Euro im Jahr bzw. 900 Euro im Monat.
Im Jahr 2005 waren 12 Prozent der österreichischen Bevölkerung bzw.
1.001.000 Personen armutsgefährdet. Davon waren 422.000 Personen
verfestigt arm, davon sind 96.000 Kinder und Jugendliche, das ist
jeder vierte Arme in Österreich! In Oberösterreich waren im Jahr 2005
137.000 Menschen bzw. 9,9 Prozent der oö. Bevölkerung
armutsgefährdet.

Für 2005 ergeben sich daher folgende Armutsgefährdungsschwellen
(Monatswerte in Euro) für folgende Haushaltstypen:

Einpersonenhaushalt:       900,--
1 Erwachsener + 1 Kind:  1.170,--
2 Erwachsene             1.349,--
2 Erwachsene + 1 Kind    1.619,--
2 Erwachsene + 2 Kinder  1.889,--
2 Erwachsene + 3 Kinder  2.159,--

Verfestigte bzw. manifeste Armut liegt vor, wenn zusätzlich zu
einem geringen Einkommen Einschränkungen in zentralen Lebensbereichen
(Rückzug, soziale Ausgrenzung) vorliegen. In diesem Zusammenhang wird
auch erhoben, ob starke gesundheitliche Einschränkungen in Form eines
allgemeinen sehr schlechten Gesundheitszustands, einer Behinderung,
und/oder einer chronischen Krankheit vorliegen. Wie staatliche
Leistungen verteilt sind, nimmt ebenfalls einen entscheidenden
Einfluss auf die Lebenschancen. Ohne Sozialleistungen und Pensionen
wären statt 12 Prozent der Bevölkerung sogar 43 Prozent
armutsgefährdet.

Quelle: EU-SILC "Statistics on Income and Living Conditions", eine
Statistik über Einkommen und Lebensbedingungen von Privathaushalten
in Europa. Diese bildet eine wichtige Grundlage für die Europäische
Sozialstatistik, insbesondere zur Berechnung von Indikatoren über den
sozialen Zusammenhalt.

Armut und Auswirkungen auf Gesundheit

"Schlechte Gesundheit hat vor allem schlechte Erwerbschancen und
das wiederum niedriges Einkommen zur Folge, dies führt wiederum zu
Armut", sieht Alois Stöger eindeutig kreislaufartige Zusammenhänge,
die politisch korrigiert werden können. Sowohl der Grad der
Einbindung in den Arbeitsmarkt als auch die Zusammensetzung der
Haushalte bestimmen die ökonomische Situation von Haushalten
grundlegend. Zudem spielen hier viele sekundäre Gesundheitsfaktoren
eine Rolle: Wohnraum, Bildung, Arbeitsbelastung, Risikoverhalten,
Stressfaktoren, fehlende Anerkennung, Vereinsamung und Rückzug aus
der Gesellschaft. Sind diese Gesundheitsdeterminanten nicht oder
nicht ausreichend vorhanden, wird das Entstehen von Krankheiten
begünstigt. Implizite Gesundheitspolitik berücksichtigte diese
Faktoren, die explizite Gesundheitspolitik reduziert sich lediglich
auf die Krankenversorgung.

Auswirkungen auf Lebenserwartung

Finnland ist eines der führenden Länder bei der Einführung von
"Health in all Policies" also "Gesundheit in alle Politikfelder". Ein
Grund für diese Maßnahmen liegt in der unterschiedlichen
Lebenserwartung unterschiedlicher sozialer Gruppen: Für Österreich
steht eine ähnliche Auswertung mit tendenziell ähnlichen Ergebnissen
erst bevor: siehe BILD

Forderungen

OÖGKK-Obmann Alois Stöger fordert auch hinsichtlich möglicher
Neuregelungen u.a. im Pflegebereich eine zunehmende Einbeziehung
gesundheitsrelevanter Aspekte in alle Politikbereiche nach
erfolgreichen Vorbildern im Ausland: "In Schweden und Finnland werden
politische Maßnahmen vor Einführung auf deren gesundheitspolitische
Auswirkungen evaluiert - das brauchen wir in Oberösterreich - aber
auch in ganz Österreich" spricht OÖGKK-Obmann Stöger einem "Health
Impact Assessment" (einer Art verpflichtender Sozial- und
Gesundheitsverträglichkeitsprüfung) das Wort: "Health Impact
Assessment" meint die Auswirkungen von Politik auf die Lebensumstände
der Menschen vor Einführung von Maßnahmen zu evaluieren.

Zu den von BM Kdolsky erhobenen Forderungen nach Einsparungen im
Bereich der Krankenkassen von 200 Mio. Euro sagt Stöger:
"Einsparungen sind dort und da sicher möglich, aber diese ergeben
keinesfalls 200 Mio. Euro. Ich sehe auch nicht ein, warum die
Gebietskrankenkassen bei jeder Reform Sparpotentiale ausloten sollen,
Bund und Länder als viel größere Verwaltungsapparate aber kaum in
Diskussion sind. Die Kostenexplosionen im Spitalsbereich der Länder
sind hierfür ein Beispiel. Die OÖGKK fordert hingegen die Leistungen
für die Versicherten im eigenen Land erhöhen zu können. Dabei gibt es
viel zu tun, der Leistungskatalog im Bereich der Zahnmedizin ist z.B.
nicht am Stand der Zeit. Diese Leistungen sind für unsere
Versicherten aber sehr wichtig, denken Sie z.B. an ein
Bewerbungsgespräch, und der Bewerber hat nicht einwandfrei aussehende
Zähne."

Bild(er) zu dieser Meldung finden Sie im AOM/Original Bild Service,
sowie im APA-OTS Bildarchiv unter http://bild.ots.at

Rückfragehinweis:
OÖ Gebietskrankenkasse
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Mag. Michael Schumm
Tel.: 05 78 07 - 10 22 22

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | GKO

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