• 30.11.2007, 20:34:47
  • /
  • OTS0384 OTW0384

"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wurzelbehandlung für Europa und eine kühne Hoffnung" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 1.12.2007

Graz (OTS) - Im dritten Jahr des Pontifikats steht am Ende der
Enzyklika über die Hoffnung, die Papst Benedikt XVI. am Freitag
veröffentlicht hat. Drei Jahre sind keine lange Zeit und trotzdem
scheint die Ära von Johannes Paul II. schon weit zurückzuliegen. Wer
nach der Wahl von Joseph Ratzinger einfach mehr vom Gleichen erwartet
hatte, den wird dieses apostolische Sendschreiben erneut ins Unrecht
setzen.

Johannes Paul II. hat viel geschrieben und viel geredet. Fast schien
es, als wollte er mit der Gewalt der Worte dem Lauf der Dinge Einhalt
gebieten, ihm eine andere Richtung geben. Er sprach viel von Moral
und Werten. Die Welt zu verändern war ihm wichtig, sein hohes Amt ein
Megaphon.

All das ist Joseph Ratzinger nicht fremd. Und trotzdem ist, was er
tut, grundverschieden. Er spricht weniger, schreibt weniger. Wenn er
es tut, klingt es ganz anders, nüchterner als der Ton Johannes Pauls,
den er gerne seinen hochverehrten Vorgänger nennt.

Joseph Ratzinger scheint es nicht um die unmittelbare Wirkung zu tun
zu sein. Er arbeitet an der Wurzelbehandlung dessen, was er für das
Grundübel der Neuzeit hält: die Verdrängung der Religion aus der
Mitte des Lebens. Die aber hat tiefe Wurzeln und Ratzinger versucht,
sie bloßzulegen.

Nach der Liebe handelt die zweite Enzyklika von der Hoffnung der
Christen auf Erlösung und davon, was sie unterscheidet von kleineren
Hoffnungen, innerweltlichen. Der Text ist nur 30 Seiten lang und
trotzdem gelingt es dem Papst, gründlich Abrechnung zu halten. Es
beginnt im 16. Jahrhundert, mit Francis Bacon. Dem englischen
Philosophen wirft Ratzinger die Ummünzung der großen Hoffnung in
Fortschrittserwartungen vor. Für Ratzinger liegt hier der Beginn der
Krise der Religion im Abendland, die für ihn die Krise des
Abendslands ist.

Geschickt listet der Papst all die gescheiterten Hoffnungen auf, die
die Weltgeschichte seither gesehen hat, von der Französischen
Revolution bis zum Marxismus.

Joseph Ratzinger hält das Schwinden der Religion in Europa nicht für
naturgegeben. Das hat er mit seinem Vorgänger gemeinsam. Doch während
der Pole seine Zuhörer mit flammender Rede zu überwältigen versuchte,
setzt Benedikt XVI. auf leise Überzeugung.

Erst wenn wir wissen, warum wir Religion nicht mehr trauen, wenn es
ums Heil geht, können wir vielleicht einen anderen Weg einschlagen.
Ratzingers Methode ist riskant. Sie setzt darauf, dass rationale
Erkenntnis auch das Herz bewegen kann. Eine kühne Hoffnung.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
mailto:[email protected]
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKZ

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel