"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wurzelbehandlung für Europa und eine kühne Hoffnung" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 1.12.2007

Graz (OTS) - Im dritten Jahr des Pontifikats steht am Ende der Enzyklika über die Hoffnung, die Papst Benedikt XVI. am Freitag veröffentlicht hat. Drei Jahre sind keine lange Zeit und trotzdem scheint die Ära von Johannes Paul II. schon weit zurückzuliegen. Wer nach der Wahl von Joseph Ratzinger einfach mehr vom Gleichen erwartet hatte, den wird dieses apostolische Sendschreiben erneut ins Unrecht setzen.

Johannes Paul II. hat viel geschrieben und viel geredet. Fast schien es, als wollte er mit der Gewalt der Worte dem Lauf der Dinge Einhalt gebieten, ihm eine andere Richtung geben. Er sprach viel von Moral und Werten. Die Welt zu verändern war ihm wichtig, sein hohes Amt ein Megaphon.

All das ist Joseph Ratzinger nicht fremd. Und trotzdem ist, was er tut, grundverschieden. Er spricht weniger, schreibt weniger. Wenn er es tut, klingt es ganz anders, nüchterner als der Ton Johannes Pauls, den er gerne seinen hochverehrten Vorgänger nennt.

Joseph Ratzinger scheint es nicht um die unmittelbare Wirkung zu tun zu sein. Er arbeitet an der Wurzelbehandlung dessen, was er für das Grundübel der Neuzeit hält: die Verdrängung der Religion aus der Mitte des Lebens. Die aber hat tiefe Wurzeln und Ratzinger versucht, sie bloßzulegen.

Nach der Liebe handelt die zweite Enzyklika von der Hoffnung der Christen auf Erlösung und davon, was sie unterscheidet von kleineren Hoffnungen, innerweltlichen. Der Text ist nur 30 Seiten lang und trotzdem gelingt es dem Papst, gründlich Abrechnung zu halten. Es beginnt im 16. Jahrhundert, mit Francis Bacon. Dem englischen Philosophen wirft Ratzinger die Ummünzung der großen Hoffnung in Fortschrittserwartungen vor. Für Ratzinger liegt hier der Beginn der Krise der Religion im Abendland, die für ihn die Krise des Abendslands ist.

Geschickt listet der Papst all die gescheiterten Hoffnungen auf, die die Weltgeschichte seither gesehen hat, von der Französischen Revolution bis zum Marxismus.

Joseph Ratzinger hält das Schwinden der Religion in Europa nicht für naturgegeben. Das hat er mit seinem Vorgänger gemeinsam. Doch während der Pole seine Zuhörer mit flammender Rede zu überwältigen versuchte, setzt Benedikt XVI. auf leise Überzeugung.

Erst wenn wir wissen, warum wir Religion nicht mehr trauen, wenn es ums Heil geht, können wir vielleicht einen anderen Weg einschlagen. Ratzingers Methode ist riskant. Sie setzt darauf, dass rationale Erkenntnis auch das Herz bewegen kann. Eine kühne Hoffnung.****

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