- 26.11.2007, 16:46:47
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Biedermann als Barrikaden-Brecher - von Arne Johannsen
Johann Zwettler bringt die Mauer des Nicht-Erinnerns zum Einsturz
Wien (OTS) - Das Weihnachtswunder hat heuer einen Monat vor dem
Heiligen Abend stattgefunden: Johann Zwettler, bisher in der Rolle
des unscheinbaren, netten Angeklagten von nebenan, sorgt für den
Durchbruch im grössten Wirtschaftsprozess der österreichischen
Geschichte. Mit seinem Teilgeständnis bringt er die Mauer aus
Nicht-Erinnern und Nicht-Wissen im Bawag-Prozess zum Einsturz. Der
Biedermann als Barrikaden-Brecher.
Zwettlers Entlastungs-Vorstoss erinnert an das berühmte
Gefangenen-Dilemma aus der Spieltheorie. Zwei Verdächtige werden von
der Polizei verhört. Schweigen beide, droht ihnen nur eine geringe
Strafe, weil nichts nachgewiesen werden kann. Packt einer aus, kommt
dieser frei, aber sein Komplize muss für einige Jahre ins Gefängnis.
Schweigen oder gestehen und auf Schonung hoffen? Das ist nicht nur
die Grundfrage des Gefangenendilemmas, das ist auch die Grundfrage
für die angeklagten Ex-Bawag-Vorstände.
Bisher war die Verteidigungslinie klar: "Wir können uns an nichts
erinnern", klang es gleichlautend auf alle heiklen Fragen von der
Anklagebank. Doch für Zwettler, Nachfolger Helmut Elsners an der
Bawag-Spitze, wurde es immer schwieriger, diese Strategie
durchzuhalten. Wie nichtsahnend kann ein Bankchef sein und trotzdem
noch glaubwürdig bleiben? Bevor Mitte der Woche die Gutachter das
Wort haben und die Bank-Bilanzen fein säuberlich zerlegen, ergriff
der Bankmanager die Flucht nach vorne.
Zwettlers Teilgeständnis ist sympathisch, weil endlich einer, der
Verantwortung hatte, diese auch übernimmt. Ganz uneigennützig ist es
nicht: Der Angeklagte kann sich der Sympathie von Staatsanwalt und
Richterin gewiss sein. Reue bringt in jedem Gerichtssaal Punkte.
Dass Zwettler strafbare Handlungen zugibt, bringt jetzt die anderen
Ex-Vorstände unter Druck, allen voran Elsner. Uneingeschränkt freuen
kann sich daher Staatsanwalt Georg Krakow. Im Bier-Prozess
eingefahren, steht er jetzt vor einem grossen Erfolg, den viele
Skeptiker nicht mehr erwartet hatten.
Und der ÖGB? Die Wende im Bawag-Strafverfahren bringt auch der
Gewerkschaft im Zivilprozess gegen die ehemalige Bank- und
Gewerkschaftsspitze Auftrieb. Doch abseits der Gerichtsverfahren wäre
auch hier ein Teilbekenntnis angemessen. Von der Reform-Euphorie, vor
einem Jahr mit einer grossen Mitglieder-Befragung eingeleitet, ist
beim ÖGB nur noch wenig zu spüren. Erfolge in der
Vergangenheitsbewältigung sind erfreulich, Zukunftsfragen lösen sie
nicht. Auch für den ÖGB wäre ein Befreiungsschlag á la Zwettler
hilfreich.
Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/300
http://www.wirtschaftsblatt.at
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