"KURIER"-Kommentar von Andreas Schwarz: "Der Terror und die Verantwortung"

Angst-Szenarien zwingen Politik und Medien zu einer heiklen Gratwanderung.

Wien (OTS) - Der Innenminister findet angesichts des jüngsten Videos mit Drohungen gegen die österreichische Regierung stramme Worte: "Die Bundesregierung darf jetzt nicht in die Knie gehen", sonst würde weiteren Drohungen "Tür und Tor geöffnet".
Sein Sprecher verwahrt sich gegen die Bezeichnung "Droh-Video". Er nennt den krausen Film mit einstürzenden Twin-Towers und der Forderung nach dem Abzug von Soldaten aus Afghanistan und der Freilassung von Terrorverdächtigen "bewusst Videobotschaft".
Und die rote Justizministerin beschwert sich, dass ihr Ministerium vom schwarzen Innenminister über das Video, wie immer es jetzt heißt, viel zu spät informiert worden ist. Sie ist verstimmt. Das ist für Günther Platter "nicht nachvollziehbar": Staatsanwaltschaft, Bundespräsident, Kanzler und Vizekanzler seien sofort informiert worden.
Schön, dass eine Sache wie diese sofort auf österreichisches Niveau heruntergebrochen wird.
Der politische und mediale Umgang mit Terror und Terrordrohungen ist überhaupt eine der Kernfragen in Zeiten, in denen der islamistische Terror gegen "Ungläubige" zum Bedrohungsszenario Nummer eins geworden ist.
Das Wort Terror stammt aus dem Lateinischen und bedeutet Angst, Schrecken bzw. Angst und Schrecken verbreitendes Geschehen. Der Erfolg des Terroristen ist nicht der Anschlag selbst, sondern die Angst, die sich daraus für die Zukunft ableitet: Es kann überall und immer wieder passieren. Und es passiert auch.
In einer idealen Welt würde über Anschläge und Drohungen medial nicht berichtet und politisch nicht debattiert, weil das wiederholte Abspulen von Anschlags-Bildern und die aufgeregte Diskussion über Bedrohungen genau den Zweck ihrer Urheber erfüllt - Angst.
Aber das ist Unfug. Medien bedienen ja nicht nur die Sensationslust ihres Publikums (Schaulust und Angst sind eine bekannte Symbiose), sondern liefern gefragte und notwendige Information. Auch die Politik würde anders, manchmal sogar sachlicher agieren, stünde sie nicht unter Beobachtung der Zeitungen - aber Politik ohne mediale Kontrolle, kann sich das wer
vorstellen?
Information über Terror hat ja auch den Zweck, die Wachsamkeit zu schärfen, die Zusammenhänge zu verstehen, die Augen dafür zu öffnen, dass wir nicht ausschließlich auf einer Blumenwiese leben. Die Selbstkontrolle der Medien liegt im Grad der Aufgeregtheit. Die Aufgabe der Sicherheitspolitik und der Behörden liegt in der schnellen (und zugegeben schwierigen) Bewertung der möglichen Gefahr. Das ist eine heikle Gratwanderung und eine enorme Verantwortung, will man den Terroristen nicht in die Hände spielen.
Wer öffentlich darüber streitet, wer wen informiert oder nicht informiert hat, der hat diese Verantwortung schon an der Ministeriums-Garderobe abgegeben.

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