• 18.11.2007, 18:47:10
  • /
  • OTS0058 OTW0058

"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ein bisserl plagt uns noch die Sehnsucht nach dem Kaiser" (von Wolfgang Sotill)

Ausgabe vom 19.11.2007

Graz (OTS) - Die regnerisch-schneeigen Novembertage sind eher
deprimierend, wäre da nicht der Glanz, den das schwedische Königspaar
ausstrahlt, das morgen auf Staatsbesuch kommt. Wäre da nicht der
Prunk, den Elizabeth und Philip von England mit ihrer diamantenen
Hochzeit verbreiten, wäre da nicht die Bewunderung vieler für Otto
(von) Habsburg, der morgen seinen 95. Geburtstag feiert.

Und wenn gerade kein royales Großereignis ansteht, so unterhalten uns
Stephanie von Monaco sowie die Windsors Harry und William. Mit ein
paar Sex-Storys und Bildern von Saufgelagen helfen sie uns über die
trostlose Wartezeit bei Frisör und Zahnarzt hinweg.

Man ergötzt sich an den Prinzen und Prinzessinnen. Weil man aber
eingefleischter Republikaner ist, ziemt es sich, sich darüber zu
echauffieren, wie "gewöhnlich" man doch von den Royals unterhalten
wird.

Monarchisten gibt es in Österreich beinahe keine mehr, sehr wohl aber
Fans der königlichen Häuser. Und die kommen nicht nur aus dem
konservativen Lager nein: selbst überzeugte Sozialisten vergießen
noch ein paar Tränen, wenn Elton John "Like a candle in the wind" für
Lady Di anstimmt.

Die Faszination der Monarchen liegt im Märchenhaften und in dem
Wunsch, etwas davon möge auf die Untergebenen abfallen. Sie liegt
aber auch in der Sehnsucht nach der heilen Welt, wie es sie
zumindest theoretisch im Abendland von Karl dem Großen bis zur
französischen Revolution gegeben hat. Damals haben ein königlicher
Vater und eine königliche Mutter einen Staat zusammengehalten. Ludwig
XIV. konnte zu Recht behaupten: "Der Staat bin ich!"

Erst mit der Revolution von 1789 bis 1799 und dem Nationalismus des
19. Jahrhunderts hat man das personale Herrschaftsprinzip abgeschafft
und durch ein territoriales ersetzt. (Einzig bei den Habsburgern hat
sich dieser Wandel verspätet vollzogen aber Österreich hinkte immer
schon ein wenig hinten nach.)

Die stille Zustimmung zu den Royals hat auch mit dem Ethos zu tun,
mit dem diese im Gegensatz zu so manch gewähltem Politiker ihre
Herrschaft ausübten. So hat Otto Habsburg 1943 zu einem Zeitpunkt,
als die Monarchie längst passé war nur aus Verantwortung für
Österreich am Text der "Moskauer Erklärung" mitgearbeitet.

Warum wir die Royals aber nicht wegen ihrer Leistungen, sondern wegen
ihrer Verfehlungen mögen? Weil es uns gefällt, dass die, die sich "da
oben" so makellos präsentieren, auch Fehler haben. So wie wir selber
auch. ****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
mailto:redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKZ

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel